Sie ist ganz offiziell noch nicht in Amt und Würden, aber das ist eine reine Formalität: Christiane Tangermann übernimmt das Amt als Kreisheimatpflegerin für den Bereich Ebern und Umgebung von Günther Lipp. Ganz aktuell zum Thema "Impfen" hat sie für den Bereich Ebern zahlreiche Quellen gesichtet und kann feststellen: Zwischen gestern und heute gibt es gar nicht so riesengroße Unterschiede.

Im November wurde der Covid-19-Impfstoff angekündigt, zu Weihnachten gab es die ersten Impfungen im Kreis, und inzwischen weiß man auch, dass bei den meisten Menschen die Nebenwirkungen sehr gering ausfallen. Solch eine kurze Zeit für die Entwicklung und Zulassung eines Impfstoffes hat es bisher noch nie gegeben. Bei der Ausrottung der Pocken hier in Franken und auch weltweit dauerte das damals im 19. Jahrhundert sehr viel länger

Quarantänesperre verhängt

Christiane Tangermann hat etliche Fakten zum damaligen Infektionsgeschehen in den Büchern gefunden. Zum Glück gab es da den Impfstoff schon. Dennoch: Am 7. März 1808 verkündete das Patrimonalgericht des Freyherrn von Fuchs zu Marktburgpreppach, dass wegen eines Ausbruchs der Pocken eine Quarantänesperre gegen den Ort Römmelsdorf verhängt werden musste. Das bedeutete, man konnte den Ort weder betreten noch verlassen und das wirtschaftliche Leben kam zum Erliegen. Die Pocken oder Blattern waren durch eine neu in Dienst getretene Magd von auswärts eingeschleppt worden. Der Schultheiß, also der Gemeindevorsteher, hatte die Krankheit zu spät gemeldet und erhielt dafür eine Geldstrafe.

Umgehend wurde eine Impfung an 88 Kindern vorgenommen, doch breiteten sich die Pocken wie ein Brand aus. Die umliegenden Dörfer blieben durch die Quarantäne verschont.

Das ungeimpfte Kind des Georg Johann Denninger erkrankte erst spät an den Pocken. Die Eltern hatten vorgegeben, dass das Kind die Krankheit schon durchgemacht hätte. Dieser eine Fall zog eine verlängerte Quarantäne nach sich und kam den Ort wirtschaftlich teuer zu stehen.

Pockenkrankheit oft tödlich

Die Pockenkrankheit war seit Jahrtausenden eine wohlbekannte und gefürchtete Geisel, die in unregelmäßigen Abständen, oft in Zeiten von Kriegen, auftrat. Sie nahm meistens einen schweren Verlauf und endete häufig tödlich oder oft mit schlimmen Folgekrankheiten wie Blindheit oder Hirnschäden. Auch in den Königshäusern hatte sie viele Opfer gefordert.

1800 war in England ein Impfstoff gegen die Pocken entwickelt worden. Bayern führte als eines der ersten deutschen Länder im August 1807 eine Impfpflicht ein. Bei Nichteinhaltung sollten sogar empfindliche Strafgelder bezahlt werden.

Die Regierung tat viel, um Impfung und Quarantäne durchzusetzen. Als im Dorf Erlabrunn (bei Würzburg) die Zahlen der Pockeninfizierten in die Höhe schnellten und sich das Dorf nicht wie Römmelsdorf an die Auflagen hielt, kommandierte seine Kaiserlich-königliche Hoheit Erzherzog Ferdinand 40 Infanteristen und 40 Kavalleriesoldaten nach Erlabrunn ab. Er ließ das Dorf hermetisch abriegeln, bis der Ausbruch abgeklungen war. Die umliegenden Orte - Würzburg war nicht weit - blieben verschont.

Impftage eingerichtet

Im Frühling wurden nun - wie in den Gesetzesvorlagen befohlen - Impftage eingerichtet, die den Familien durch den Geistlichen bekanntgegeben wurden. Man funktionierte ein Wirtshaus um. Die Pfarrer leisteten große Hilfe, da sie über die Gemeindemitglieder einen guten Überblick hatten und verpflichtet worden waren, Listen zu erstellen. Laut Statistik wurde nur ein Mädchen aus Ebern im Jahr 1805 aufgeführt. Dann jedoch zeigte die Aufklärungsarbeit, die meist über die Kirche kam, Erfolg, die Zahlen stiegen. 1806/1807 waren es schon 40 Kinder in Ebern, in Hafenpreppach 26, in Memmelsdorf 21, in Unterpreppach 15 und in Heubach vier.

1808 stieg die Zahl der Impfbereiten weiter. So wurden im Distrikt Ebern und Sesslach 1375 Menschen geimpft. 25 Kinder erkrankten an den Blattern, zwei starben. Insgesamt wurden 23 000 Kinder im Großherzogtum Würzburg geimpft.

Auch die Zahl der Pockentoten sank 1810. Daraufhin sank in den Folgejahren auch die Zahl der Impfwilligen. Nur in Zeiten von steigenden Pockenzahlen kämen die Leute bereitwillig zur Impfung, bemängelte ein Arzt im Jahr 1829.

"Etliche 30 Kinder" gestorben

Dr. Hofmann war der erste Arzt in Franken, der mit großem Elan erneut die Pockenimpfung in den 1820er Jahren in großem Stil durchführte. Just zu dieser Zeit waren in Aidhausen "etliche 30 Kinder" an den Pocken gestorben. So gelang es Hofmann noch rechtzeitig, viele Menschen auf dem Lande von der Impfung zu überzeugen.

Es wird berichtet, dass 700 "Subjekte" am 4. Juni 1823 erfolgreich geimpft worden waren. Jedoch lässt die hohe Zahl der Impfungen den Schluss zu, dass viele Kinder jahrelang nicht geimpft worden waren, und es erinnert an die Zahlen der Impfungen in den Pionierjahren. So viel hatte sich nicht verändert.

Zahl der Impfgegner nahm zu

Neben Dr. Hoffmann wird für Untermerzbach lobend Dr. Diez genannt, der auf Dr. Hofmanns Anregung 1200 Kinder geimpft haben soll. Des Weiteren wird für Memmelsdorf Chirurg Dr. Döderlein und für Ebern Dr. Keppler lobend in den Regierungsblättern angeführt.

Es waren nicht alle von diesem Impfstoff, der aus einem Sekret einer an Pocken erkrankten Kuh gewonnen worden war, überzeugt. Der Begriff "Vakzination oder Vaccination " ist auf das Lateinische Vacca = die Kuh zurückzuführen. Man führte einige Krankheiten als Folgeschäden auf die Impfung zurück. Auch die nach einigen Jahren empfohlene wiederholte Impfung machte die Menschen misstrauisch, da ihnen ja versprochen worden war, dass die erste Impfung zu lebenslanger Immunität führe. Soldaten wurden grundsätzlich wiederholt geimpft. Nachdem 1871 während des Deutsch-französischen Krieges eine Pockenepidemie ausbrach, wurde 1875 eine Impfpflicht für ganz Deutschland eingeführt. Daraufhin nahm die Zahl der Impfgegner sprunghaft zu.

Siechenhaus eröffnet

In den 1870er Jahren setzte man in Bamberg ein "neues" Mittel ein, um der einbrechenden Blatternkrankheit Herr zu werden, und eröffnete, wie es im Mittelalter üblich war, ein Siechenhaus, also ein isoliertes Epidemie-Krankenhaus. Im Mittelalter hatten fast alle Städte solche Häuser, doch sie lagen vor den Toren der Stadt. Der Vorteil dieser Häuser lag darin, dass der Kranke weder seine Familie noch die Umgebung mit Pocken infizieren konnte.

Christiane Tangemann bilanziert: "1980 teilte die WHO mit, dass die Pocken ausgerottet seien. Damit war die Impfung überflüssig geworden. Möglich wurde dies durch den gemeinsamen weltweiten Kampf. Möglich wurde der Erfolg auch, da keine Tier-Mensch-Infektion wie bei Covid-19 vorlag. Auch erleichterte die hohe Immunität der Pockenimpfung die Ausrottung. Der Impfstoff ließ sich gut transportieren, blieb gut haltbar und war nicht zu teuer."

Nach der Entwicklung des Pockenimpfstoffs um 1797 bis zur Ausrottung der Pocken 1980 vergingen fast 200 Jahre.