Fast 41 Jahre lang fuhren jeden Tag Schnellzüge über die innerdeutsche Grenze. Sie trugen maßgeblich dazu bei, den Kontakt zwischen der Bundesrepublik und der DDR aufrechtzuerhalten. Demokratie und Kommunismus prallten Jahrzehnte aufeinander. Angesichts der vielen Bedrohungen im Kalten Krieg war das manchmal fast ein Wunder - politisch wie logistisch.

Bis zum 9. November 1989 glich der Osten Deutschlands einem gigantischen Gefängnis. Trotzdem: im Alltag der beiden nach 1945 neu entstandenen deutschen Bahnverwaltungen spielte der "Interzonenzug" eine bedeutende Rolle. Mit dem unerwarteten Mauerfall vor 31 Jahren endeten urplötzlich die diktatorischen Wahnvorstellungen des DDR-Regimes.

Die Menschen im Landkreis Kronach entlang der Frankenwaldbahn, insbesondere in der Stadt Ludwigsstadt mit ihrem Interzonen-Übergangsbahnhof, erlebten über Jahrzehnte hinweg hautnah das deutsch-deutsche Drama. Die Bahnhofsmission in Ludwigsstadt - sie wurde 1995 geschlossen - war so etwas wie ein Hort der Menschlichkeit. Nach der beklemmenden Bahnfahrt durch streng bewachtes DDR-Hoheitsgebiet gab es für die Reisenden Getränke und man konnte endlich wieder aufatmen.

Wechselbad der Gefühle

Vor allem die Eisenbahner im Grenzverkehr erlebten ein Wechselbad der Gefühle. Wie sah der Dienst für Lokführer aus, die planmäßig durch den Eisernen Vorhang fuhren? Welche Regeln mussten sie beachten, welche Eindrücke nahmen sie "von drüben" mit? Bundesbahnlokführer Peter Bär (Jahrgang 1937), wohnhaft in Pressig, fuhr 30 Jahr lang über die Grenze ins andere Deutschland. Immer wieder erfuhr er die zermürbende Prozedur an der Zonengrenze.

Peter Bär ist in seinem Berufsleben unzählige Male nach Probstzella gekommen. Der Pressiger, er entstammt einer alten Eisenbahnerfamilie, passierte 30 Jahre lang - von 1960 bis 1990 - als Lokführer die scharf bewachte innerdeutsche Grenze. Das Prozedere war stets gleich. Kurz hinter dem ehemaligen Haltepunkt Falkenstein erreichte man die DDR und bald darauf Probstzella. "In den Bahnhof fuhr die Lok mit gesenktem Stromabnehmer ein, auf Gleis 1 bei Schnellzügen, auf Gleis 3 oder 4 bei Güterzügen. Der Zug musste bis zum Gebäude der ,Grenzorgane' rollen."

Dann ging es Schlag auf Schlag, erinnert sich Peter Bär. Nach Vorlage des Personalausweises wurden der Name des Lokführers, Lok- und Zugnummern notiert. Selbst bei dreimaliger täglicher Fahrt nach Probstzella wurde der Pressiger immer wieder überprüft. Dann folgten umfangreiche Kontrollen. Die DB-Weisung lautete, sich den Grenzern nicht zu widersetzen. Geduld war also angesagt, und das 30 Jahre lang. "Ich begegnete ihnen mit Höflichkeit und stellte alles bereit. Sicherlich kannte man einige DDR-Beamte und es entwickelte sich ein persönliches Verhältnis. Aber sie durften ihre Gefühle nicht zeigen." Trotz aller Kontrollen kamen die Bundesbahner hin und wieder mit Reichsbahn-Kollegen ins Gespräch. Es blieb ein spärlicher Austausch; seitens der DB galt die Anweisung, sich auf Dienstliches zu beschränken.

Mit dem Tauwetter in den Ost-West-Beziehungen lockerten die DDR-Grenzer ihre Regelungen. DB-Lokführer durften sich in einem abgegrenzten Bereich bewegen oder im Intershop auf Einkaufstour gehen. "Das musste man immer in Westmark bezahlen, aber es war sehr günstig."

Unvergessen bleibt für Peter Bär der November 1989 mit der völlig überraschenden Öffnung der Grenze. Einschränkungen und Schikanen lösten sich in nichts auf, die DDR-Grenzer nahmen urplötzlich wieder menschliche Züge an, betonte der Pressiger.

Der enorme Zustrom der DDR-Bürger in den Westen nach dem 9. November 1989 bescherte dem Interzonenverkehr seinen größten Zuspruch. Bestehende Züge wurden verlängert, vorhandene Zugläufe zu Interzonenzügen ausgedehnt, zusätzliche Züge eingesetzt. Improvisation war also gefragt. Schließlich wurden mit der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 alle rechtlichen Besonderheiten Geschichte.

Zwischen zwei Welten

Das 3500 Einwohner zählende Ludwigsstadt erlebte zwischen 1949 und 1990 eine mit Tragödien behaftete Zeit als Grenzbahnhof zwischen zwei Weltanschauungen. Für unzählige Reisende war die Stadt der letzte Halt in der demokratischen Bundesrepublik.

Vorbei nun die Zeit, als in Probstzella die Bremsen quietschten, Hundegebell einsetzte und die Türen für die Kontrollen aufgerissen wurden. Das alles ist nun Geschichte geworden und Lokführer Peter Bär ist ein Teil dieser fast unwirklichen Geschichte. Seine Erinnerungen wurden 2011 in der Zeitschrift "Bahn-Extra" akribisch festgehalten.