Selbstbewusst, angriffslustig, diszipliniert und durchaus dynamisch. Der neue Leiter des Nachwuchsleistungszentrum Coburg ist voller Tatendrang. Tim Niechziol reizt dieses verantwortungsvolle Amt und der 32-jährige HUK-Angestellte ist auch ein Stück weit stolz: "Was soll hier in der Region für einen Trainer noch Besseres kommen? Na gut, vielleicht ein Herrenteam in der Bayernliga betreuen, aber ganz ehrlich. Erstens gibt es da nicht viele Adressen, die die Voraussetzungen dafür haben, und außerdem arbeite ich aktuell noch lieber mit Jugendlichen."

Wir haben uns mit Tim Niechziol - vor zehn Jahren selbst noch ein ambitionierte Kicker, den jedoch nicht weniger als drei Kreuzbandrisse aus der Bahn warfen - über seine umfangreiche Arbeit im NLZ während der Corona-Pandemie unterhalten.

Hallo Herr Niechziol, wir leben in herausfordernden Zeiten. Speziell für den Sport und hier besonders für die Nachwuchsförderung wird es immer schwieriger. Trotz aller Corona-Umstände haben Sie sich entschlossen, die Leitung des NLZ zu übernehmen. Warum?

Tim Niechziol: Weil es eine unheimlich reizvolle Aufgabe ist und ich die Arbeit im NLZ extrem schätze. Ich wollte auch für mich aus der Komfortzone raus und den nächsten Schritt gehen. Ich übernehme gerne Verantwortung und treffe Entscheidungen, und dabei etwas bewegen zu können, von dem viele Menschen profitieren können, macht mich sehr stolz. Das alles noch im Umfeld des Fußballs macht unheimlich Spaß. Bei der Entscheidung hat die Corona-Situation keine Rolle gespielt.

Aber die Corona-Pandemie hat dafür gesorgt, dass die letzte Saison vorzeitig beendet wurde und die aktuelle unterbrochen ist. Dadurch mussten die vielen NLZ-Teams und Talente eine lange Pause einlegen. Der Entwicklung der Jungs tut das nicht gut, oder?

Nein, auf keinen Fall. Klar versuchen wir auch aktuell den Spielern etwas anzubieten und mit ihnen zu arbeiten. Die Trainer veranstalten viel Cybertrainings mit unserem Athletiktrainer oder lassen sich diverse Technik- oder Laufaufgaben einfallen, um die Kids auf einem guten Kraftniveau zu halten. Allerdings haben wir uns für den Fußball entschieden, weil wir zusammen auf dem Platz stehen wollen. Die Spielpraxis, die durch die Pause verloren geht, die in den jungen Jahren so extrem wichtig ist, lässt sich kaum mehr aufholen. Die Langzeitauswirkungen für den Sport in den nächsten fünf bis zehn Jahren können gravierend sein. Die Generation jetzt könnte große Schwierigkeiten haben, sich im Profisport zu etablieren.

Manche Spieler sollen Trainingsvideos schicken. Was ist aktuell noch so alles geplant, damit der Kontakt nicht verloren geht? An Mannschaftstraining ist ja erst einmal nicht zu denken.

Wie schon erwähnt wird aktuell viel Wert auf das Cybertraining gelegt. Dabei absolviert die Mannschaft gemeinsam mit dem Trainer über eine Videokonferenz verschiedene Übungen. Daneben gab es Online-Weihnachtsfeiern oder Vorträge und Schulungen über Themen wie richtige Ernährung.

Peter Rackisch, erster NLZ-Leiter, wurde vorgeworfen, dass er frühzeitig Kindern und Jugendlichen gesagt hat, dass es im NLZ keinen Platz für sie gibt. Talent oder Ehrgeiz würden dafür nicht ausreichen. Gibt es ein solches Auswahlverfahren noch oder schafft es inzwischen jeder ins NLZ? Die Idee der Eliteförderung war ursprünglich doch eine andere, oder?

Grundsätzlich haben wir aus meiner Sicht eine positive Entwicklung. Ich möchte nicht zu einem Amateurverein gehören, der junge Kinder vom Hof jagt und Menschen wie Ware behandelt, die man beliebig austauschen kann. Die Kinder entwickeln intensive Freundschaften, wenn man drei bis vier Mal in der Woche gemeinsam auf den Platz steht. Kinder, denen heutzutage extrem viel abverlangt wird, aus diesem sozialen Umfeld zu reißen, wenn der Anstoß nicht von dem Kind selbst kommt, ist für mich nicht sinnvoll.

Wenn es kein Auswahlverfahren geben sollte, hätten unsere Kader mindestens 30 Spieler pro Jahrgang. Hätten wir zudem noch keinen Anspruch an eine gewisse Qualität, würden wir unsere Mannschaften in den niedrigeren Klassen im Mittelfeld der Tabelle wiederfinden. Die Wahrheit ist, dass unsere Kader im Schnitt 17,1 Spieler umfassen, wir fast überall in hohen Klassen spielen und unsere Mannschaften dort das Niveau mitgehen können.

Zudem gibt es noch zwei weitere Aspekte. Zum einen entschließen sich viele Spieler, bei ihrem Heimatverein zu bleiben und den Schritt zum FC Coburg nicht zu gehen. Diese Entwicklung ist für uns auch in Ordnung. Es erfordert viel Überzeugung, den Aufwand bei uns zu betreiben. Zum anderen ist die Bereitschaft Leistungssport nachzugehen in den letzten Jahren gesunken.

Müssen die Eltern in Pandemie-Zeiten weiter den vollen Mitgliedsbeitrag zahlen?

Meiner Kenntnis nach setzt sich der Vorstand aktuell mit dem Thema auseinander, da in einigen Wochen wieder der NLZ-Beitragseinzug für die zweite Saisonhälfte ansteht. Insofern kann ich dazu konkret nichts sagen, außer dass natürlich eine Vielzahl der Kosten trotz Pandemie weiter anfallen und bezahlt werden müssen - trotz fehlender Einnahmen aus Verkauf und Eintritt bei Heimspielen. Nicht zu vergessen ist in diesem Kontext, dass unsere Hallenturniere, mit denen wir auch die ganzjährige Jugendarbeit finanzieren, komplett weggefallen sind. Zum Glück haben wir treue Sponsoren, die den Ausfall etwas kompensieren, dennoch fehlen dem Verein erhebliche Einnahmen.

Der FC Coburg ist ein Ausbildungsverein. Immer wieder schaffen Kinder den Sprung in die Jugendabteilungen der SpVgg Greuther Fürth oder des 1. FC Nürnberg. Wäre es nicht besser, wenn der eine oder andere Jugendspieler länger in Coburg bleiben würde, um die 1. Mannschaft des FC Coburg als Sprungbrett zu nutzen?

Unser Auftrag ist es, die Kinder bestmöglich auszubilden. Wenn dann der eine oder andere Spieler das Niveau für Profi-Potenzial erreicht, werden wir dem Spieler keine Steine in den Weg legen. Unsere Aufgabe ist es dann, die Familie mit unseren Erfahrungen zu beraten. Die endgültige Entscheidung, ob der nächste Schritt sinnvoll ist, liegt nicht bei uns. Sollten wir anfangen, solche Wechsel zu verhindern, verlieren wir an Glaubwürdigkeit und ein Wechsel zu uns wäre nicht mehr sinnvoll.

Es gibt mehrere Spieler, die es bereut haben, zu früh nach Höherem zu streben. Wann und warum würden Sie einen Wechsel in ein Bundesliga-NLZ empfehlen?

Aus meiner persönlichen Sicht muss ein Spieler, der aus unserer Region zu einem Bundesliga-NLZ wechselt, den Kader dort sofort verstärken können. Das heißt, er muss auf Anhieb zur Startelf gehören. Wenn ein Spieler nur als Ergänzung verpflichtet wird, ist ein Sprung in den Profibereich sehr schwer, da die Strapazen zu groß sind. Wenn ein Spieler aus unserer Region mit einem gleichstarken aus Nürnberg oder Fürth direkt um einen Startelfplatz kämpft, ist die Wahrscheinlichkeit, dass er den Kürzeren zieht, sehr hoch. Der Spieler aus Nürnberg kommt entspannt zu jedem Training und Spiel. Der Spieler aus unserer Region muss sich erst noch eine Stunde in das Auto setzen.

Der Wechselzeitpunkt ist schwer zu definieren. Das kommt auf den Spieler an. Die Belastung der Fahrten ist in jungen Jahren höher als in späterem Alter. Deshalb ist im Schnitt die C-Jugend der richtige Zeitpunkt, auch weil sich die Spieler auf dem Großfeld beweisen können. Wir arbeiten schon seit längerem dran, Konzepte mit den Bundesliga-NLZs zu entwickeln, um die Belastung zu verringern, aber gleichzeitig das professionelle Training in den Bundesliga-NLZs nicht zu verpassen.

Wie wichtig ist die Spielklasse der 1. Herrenmannschaft für das NLZ Coburg? Gibt es Planungen, mit eigenen Talenten in naher Zukunft auch einmal die Bayernliga anzugreifen - oder ist das zum jetzigen Zeitpunkt Utopie?

Auf jeden Fall sehr wichtig. Die Spielklasse der Herren definiert auch die Attraktivität des kompletten Vereins. Wenn ich als Spieler Aussicht auf Bayernliga, oder in einer zweiten Mannschaft Bezirksliga habe, werden die Wechselgründe minimiert. Allerdings sind diese Ziele nicht im Handumdrehen zu erreichen und deshalb nicht kurzfristig geplant, auch weil es im Landkreis viele andere ambitionierte Vereine gibt.

Wir möchten uns in Ruhe und Geduld weiter verbessern und Schritt für Schritt die nächsten Stufen angehen. Dass wir diese langfristigen Ziele mit den eigenen Ressourcen erreichen, ist aus meiner Sicht nicht utopisch. Wir haben bei uns richtig viel Potenzial. Potenzial ist aber noch keine Garantie für Erfolg.

Aktuell träumen eine ganze Reihe junger Kicker von der Bundesliga. Wer wird der nächste Profispieler aus Coburg?

Wir haben da ein paar Eisen im Feuer. Ich würde da einen Blick nach Hoffenheim, zum Club, nach Fürth oder nach Jena werfen.

Auch die derzeit herrschende schwierige Phase wird vorübergehen. Was wünschen Sie sich für das NLZ?

Ich würde mir wünschen, dass sich das Bild des FC Coburg ändert und die Vorurteile verschwinden. Wir haben in den letzten Jahren bewiesen, dass wir sehr gute Arbeit in der Förderung von jungen Fußballern leisten, von der die ganze Region profitiert. Man muss nur in die Bezirksliga schauen, wie viele ehemalige NLZ-Spieler bei anderen Vereinen regelmäßig spielen und teilweise Leistungsträger geworden sind. Wir bilden nicht nur für uns, sondern für die ganze Region aus. Viele Spieler wechseln nach unserer harten Arbeit in deren Ausbildung zurück in die Heimatvereine. Wenn hierzu die Akzeptanz und Anerkennung steigt, können wir noch besser arbeiten und unsere Ressourcen auch anderen zur Verfügung stellen. Vor allem jetzt während und irgendwann nach Corona und der stetig weniger werdenden Fußballer ist Zusammenarbeit und ein respektvolles Miteinander sehr wichtig.

Das Gespräch führte Christoph Böger.