Nicht nur Gebäude und Denkmäler, sondern auch Kulturformen, Traditionen, sind Kulturerbe. Die Unesco hat dies erkannt und 2003 das Verzeichnis des immateriellen Weltkulturerbes begonnen, das seit 2013 auch in Deutschland geführt wird. Seit Dienstagabend gehören auch die Dörrobstherstellung und die dazugehörige Baumfelderkultur in Fatschenbrunn zu diesem Kulturerbe, "das Bayern so unverwechselbar macht", wie die Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, Marion Kiechle, beim Festakt im Neuen Schloss Schleißheim betonte. Mit den bäuerlichen Gemeinschaftswäldern war der Steigerwald sogar zweimal im Kreis der Neuaufnahmen vertreten.


Gemeinschaftsstiftend

Zwölf neue kulturelle Ausdrucksformen hat die Kommission in die bayerische Liste aufgenommen, die alle als Bewerber für das Bundesregister weitergemeldet werden, kündigte Marion Kiechle an. Sie würdigte den Einsatz der "vielen Menschen, die sich in der Heimat verwurzelt" fühlen. "Indem Sie unser immaterielles Kulturerbe mit Leben erfüllen, wird auch die Weitergabe an künftige Generationen gesichert. Immaterielles Kulturerbe stiftet Gemeinschaft, Identität und Sinn. Zugleich führt es uns vor Augen, dass wir vielfältig verbunden sind - mit unseren Nachbarn, regional wie auch innerhalb Europas", so die Ministerin. Das 2015 eingerichtete Landesverzeichnis zähle mit den Neuaufnahmen nun 37 Einträge von der Kinderzeche Dinkelsbühl bis zu den Fatschenbrunner Hutzeln.


Zwölf Neuaufnahmen

Daniel Drascek, Vorsitzender der Auswahlkommission, stellte die zwölf Neuaufnahmen vor. Dies waren die Fürther Michaeliskirchweih, die Bäuerlichen Gemeinschaftswälder im Steigerwald, das Drechslerhandwerk, die Naturhistorische Gesellschaft Nürnberg, die Schafhaltung in Bayern, der Jurahausverein, die Traditionelle Dörrobstherstellung und Baumfelderwirtschaft im Steigerwald, das Augsburger Friedensfest, die Agnes-Bernauer-Festspiele Straubing, die Nürnberger Epitaphienkultur, die Tradition der Weihnachtsschützen im Berchtesgadener Land und die Oberpfälzer Zoiglkultur.
Franz Hümmer, seiner Tochter Hannah, Schwiegertochter Ruth und dem Fatschenbrunner Imker Karl Stapf war es vorbehalten, auf der Bühne die Hutzelherstellung und die Bedeutung der über 300 Birnbäume in der Fatschenbrunner Flur zu erklären und aus den Händen der Ministerin die offizielle Urkunde entgegen zu nehmen. Stolz applaudierten im Publikum der Landrat Wilhelm Schneider, Bürgermeister Thomas Sechser (beide CSU).


Blick aufs Holz

Das taten sie auch für die Nachbarn aus Rauhenebrach und Gerolzhofen bis Willanzheim, die mit der Tradition der Bäuerlichen Gemeinschaftswälder im Steigerwald ebenfalls die Urkunde erhielten. Sehr anschaulich zeigten sie auf der Bühne, wie in traditioneller Weise mit Stangen die gleich großen Felder im Wald festgelegt, ihr Holzwert eingestuft und schließlich die Lose vergeben werden. "Und jeder hat natürlich das schlechteste Holz", erklärte der Rauhen-ebracher Bürgermeister Matthias Bäuerlein (FW) im Publikum, natürlich mit einem Schmunzeln im Gesicht.
Die "Preisträger" gestalteten somit auch ihr eigenes Rahmenprogramm, ob durch die Stoffenrieder Schäfermusik, die Rodler Musi aus dem Landkreis Garmisch-Partenkirchen, den Trachtenverein Stadeln (Fürth) mit einem Volkstanzauftritt oder eine Szene aus den Agnes-Bernauer-Festspielen. Kostproben gab es auch, so hatten die Oberpfälzer natürlich zwei Fässer ihres Kulturerbe-Zoigl-Bieres mitgebracht. Franz Hümmer hatte Hutzeln in verschiedenen "Aggregatszuständen" dabei, vom Hutzelbrot bis zum Hutzelschnaps. Den ersten davon bekam Norbert Neugirg. Der Kommandant der "Altneihauser Feierwehrkapelln", bekannt aus der Fernsehfasenacht, gehörte zur Zoigl-Delegation und hatte einen frechen Limerick auf Hutzelschnaps und Oberpfälzer Bier zum Besten gegeben. sw