ulrike nauer "Trist und trübe war das erste Weihnachten nach Kriegsende", daran erinnert sich Elisabeth Kraus heute noch gut. "Es herrschte Hungersnot, von daher gab es kaum etwas Besonderes zum Essen. Wünsche blieben offen, weil die Läden keine Waren anbieten konnten. Man freute sich einfach über nützliche Gebrauchsgegenstände." Begehrt waren vor allem Wollsachen wie Mützen, Schals, Strümpfe und Handschuhe, meistens selbst gestrickt. Denn die Coburger Winter in jener Zeit waren sehr kalt und schneereich.

Elisabeth Kraus, 1931 geboren, war an Weihnachten 1945 14 Jahre alt, ein "Backfisch", wie sie selbst sagt. Bevor die Schulen geschlossen und in Lazarette und Flüchtlingsunterkünfte umgewandelt wurden, besuchte sie das Gymnasium Alexandrinum. Mit ihren Eltern lebte sie im eigenen Haus in der Ketschendorfer Straße. Gegenüber befindet sich heute eine Apotheke. Elisabeth Kraus' Vater war Offizier und wurde Mitte 1943 nach Coburg zurück versetzt. Er war für die Versorgung der verletzten Soldaten verantwortlich.

Die ersten Flüchtlinge waren bereits 1943 und 1944 nach Coburg gekommen, überwiegend aus den Großstädten, wie Elisabeth Kraus im Gespräch mit dem Tageblatt erzählt. 1945 kamen weitere Menschen dazu, die im Osten vor der anrückenden Roten Armee flohen. Rund 15 000 Flüchtlinge brachten die Coburger Einwohnerzahl 1946 auf einen Stand von 42 390.

Die Tage vor Coburgs bedingungsloser Kapitulation am 11. April 1945 sind für Elisabeth Kraus geprägt von Luftangriffen, Zerstörung und vielen Stunden im Luftschutzkeller. Einen Angriff der US-Jagdbomber erlebt der Teenager sogar aus nächster Nähe mit. Elisabeth Kraus steht an einer Ecke des Coburger Marktplatzes, als in der näheren Umgebung mehrere Bomben einschlagen.

"Coburg hat sich schließlich an die Amerikaner übergeben", erinnert sich die 89-Jährige. Vom Fenster ihres Hauses aus kann sie Panzer im Weichengereuth nach Süden fahren sehen. Sie sieht die Veste brennen und muss, als Jüngste des Haushalts, Waffen, Munition, Ferngläser und Fotoapparate im späteren Obst-Kiosk in der Ketschendorfer Straße bei den Amerikanern abliefern. Deshalb gebe es heute auch so gut wie keine Fotos aus der Nachkriegszeit in Coburg, sagt sie.

Kaum wieder zuhause, die nächste Hiobsbotschaft: Alle Häuser auf der linken Straßenseite müssen für die amerikanischen Truppen geräumt werden. Elisabeth, ihre Eltern und die übrigen Bewohner müssen innerhalb einer Viertelstunde das Haus verlassen. "In der Eile wurden nur wenige Sachen auf ein Handwägelchen gepackt und wir gingen mit unbekanntem Ziel in Richtung Süden. Jetzt waren wir alten Coburger plötzlich auf der Flucht und wussten nicht, wohin." Nachbarn bieten den obdachlosen Ketschendorfern schließlich ein Quartier für die Nacht.

Anderntags wird Elisabeth zum Haus zurückgeschickt, um Kleidungsstücke und das Notwendigste zu holen. In Begleitung einer Nachbarin klingelt sie an ihrer eigenen Haustür. "Wir schlotterten vor Angst, dass die Amerikaner auf uns schießen könnten", erinnert sie sich.

Doch der Feind, den sich die junge Elisabeth als "Monster" vorgestellt hatte, entpuppte sich als gar nicht so furchteinflößend. Während sie Kleidungsstücke einsammelt und nach den Hasen im Keller sieht, kommt sie mit dem jungen Soldaten Bill ins Gespräch, wobei sich das Schulenglisch auszahlt. Sie setzt sich sogar an den Flügel und spielt für die Soldaten ihr ganzes Repertoire, wie sie lachend erzählt. "Ganz naive Dinge, wie ,In der Nacht ist der Mensch nicht gern alleine‘." Die jungen GIs pfeifen mit. Es gibt Süßigkeiten und Bill, ein 19-jähriger "Cowboy", Typ Montgomery Clift, bringt sie samt Fahrrad zurück in ihr Übergangsquartier. Und das junge Mädchen denkt die ganze Zeit: "Wenn das die Ketschendorfer sehen!"

Doch solche unbeschwerten Momente sind rar. Kurze Zeit später wird Elisabeths Vater bei einer Kontrolle festgenommen und in ein Gefangenenlager in Regensburg gebracht. Es vergehen Monate, bis Elisabeth und ihre Mutter ihn wiedersehen.

Wenige Tage später ziehen die US-Truppen weiter und Elisabeth und ihre Mutter dürfen in ihr Haus zurückkehren. Es sei zwar ein großes Durcheinander gewesen, doch geplündert oder zerstört wurde nichts, erinnert sich die 89-Jährige. Stattdessen finden sie im Garten in Erdlöchern etliche Proviantdosen mit Lebensmitteln. "Welch ein riesiges Geschenk und welche Kostbarkeit in jenen Tagen."

Sie habe die Amerikaner nicht als Feinde empfunden, betont Elisabeth Kraus. Dass sie nie wieder etwas von Bill gehört hat, bedauert sie bis heute. "Ich hätte gerne gewusst, was aus ihm geworden ist."

Zurück im eigenen Haus müssen Elisabeth und ihre Mutter weitere Flüchtlinge aufnehmen. Für die beiden Frauen bleiben nur noch das Elternschlafzimmer und die Küche, die sie sich mit den anderen teilen müssen.

Dort sitzen die beiden auch an Weihnachten 1945 vor einem Adventskranz, der immer zur Seite geräumt wird, wenn die anderen die Küche benutzen. Einen Weihnachtsbaum gab es nach Elisabeth Kraus' Erinnerungen nicht. "Wir dachten unter Tränen an meinen Vater, der in Internierungshaft war und fragten uns, wie es wohl den Häftlingen ergeht." Auch um den älteren Bruder wird bitterlich geweint. "Er war mit nur 22 Jahren in Russland gefallen, ebenso wie viele Verwandte und Cousins", erzählt die 89-Jährige. "An Weihnachtsstimmung war nicht zu denken. Die einzige Freude: Es war kein Krieg mehr, es war Ruhe!"

Die Hungersnot sei wirklich groß gewesen, man habe geteilt, man habe jedes Fallobst aufgelesen, sogar halb verfaultes Obst wurde verarbeitet. Noch heute bewundert Elisabeth Kraus ihre Mutter dafür, was sie trotz der großen Not auf den Tisch brachte - zumal die Familie durch die Inhaftierung des Vaters ohne sein Einkommen leben musste.

Elisabeth Kraus sieht durchaus Parallelen zur jetzigen Situation. 75 Jahre später, eine neue Schreckensnachricht - Corona. "Man weiß nicht, wann das Ganze endet. Damals war es der Wiederaufbau nach dem Krieg, eine Firma nach der anderen ist entstanden. Heute bleiben die kleinen auf der Strecke, alles wird teurer, in der Wirtschaft wird vieles kaputt gemacht. Es ist eine Herausforderung, eine Tragödie auf eine andere Art und Weise."

Und dann denkt sie zurück an jene Nacht, als sie die Veste brennen sah: "Damals habe ich auf einen ewigen Frieden gehofft."