Viel wird in diesen Tagen diskutiert über ein Verbot der sozialen Medien für Kinder , über die Auswirkungen der suchtartigen Nutzung von Smartphones durch junge Leute – wovon sich jeder überzeugen kann, der mit offenen Augen durch die Straßen flaniert. Lehrer klagen über Konzentrationsstörungen ihrer Schüler und einzelne Autoren diagnostizieren in polemischer Zuspitzung gar Verblödungstendenzen („digitale Demenz“).

Das mag übertrieben sein, doch zweifellos schafft die Digitalisierung Probleme, die es früher nicht gab. Die hektische, grelle Abfolge von audiovisuellen Reizen schwächt die Aufnahmefähigkeit und verleitet zur Oberflächlichkeit. Wie dem entgegenwirken?

Das Theater Kuckucksheim versucht es mit seinem ausdrücklich als für Kinder (ab vier Jahren) und Erwachsene empfohlenen Stück „Flip & Flop“, das am Freitag in der umgebauten Heppstädter Scheune Premiere feierte und in den nächsten Monaten ins Programm eingefügt wird.

Hürden nur für Erwachsene

Dabei stellen sich für den erwachsenen Betrachter einige Verständnis-Hürden auf: Wie zur Perzeptionsfähigkeit eines Kindes regredieren? Geht das überhaupt? Wie sich befreien vom Zwang des Theater-Routiniers, sich der in diesem Fall rein pantomimischen Handlung hermeneutisch zu nähern? Oder es zumindest zu versuchen?

Die vielen Kinder in der Premiere schienen jedenfalls keineswegs gelangweilt und verfolgten mucksmäuschenstill das Spiel von Flip und Flop, gespielt von Nando und Benjamin Seeberger. Die beiden ließen sich unendlich viel Zeit. Gemeinsam mit Frederik und Lukas Seeberger haben sie eine Bühne eingerichtet mit antikem Bett, blecherner Milchkanne und altem Ofen sowie Möbeln, die den Charme prädigitaler Zeiten verströmen.

Und worum geht es nun? Wenn man über hermetische Stücke von Heiner Müller oder Roland Schimmelpfennig geschrieben hat, fällt die Entdeckung der Einfach- und Langsamkeit gar nicht so leicht. Es geht um Freundschaft, die mal gefährdet scheint ob eines geplatzten Luftballons und zum Schluss in Harmonie aufgeht. Wie in Zeitlupe tanzen die beiden mal, balancieren besagten Luftballon, blasen Seife, packen Koffer wie Matrjoschka-Puppen aus oder kriechen durch einen Schrank .

Kein Kasperle-Theater-Humor

Als Alter Egos der Darsteller hat Dorothee Löffler Puppen hergestellt, deren Drapage an die Kostüme (Johanna Hößle) von Flip & Flop erinnert.

Das ist kein krachender Kasperle-Theater-Humor, eher eine leise Reflexion über das Dasein, für Kinder jederzeit fassbar und faszinierend.

Und für Erwachsene ? Die können sich im naiven Schauen schulen. Aber etwas ganz Wesentliches kommt noch hinzu: die Musik von Manuel Amon. Eine famose Begleitung, im Alleingang komponiert und eingespielt, die Szenen schön untermalend.

Manchmal erinnern die Klänge an die Werke von Filmmusik-Stars wie Yann Tiersen oder Michael Nyman – außer der triumphalen, unsterblichen Lebensbejahungs-Hymne am Schluss: Edith Piafs „Non, je ne regrette rien“.

Bereut hat das Premierenpublikum den Besuch sicher nicht, wertet man den tosenden Applaus als Beweis.

Termine weiterer Aufführungen finden sich online unter kuckucksheim.de. Dort sowie unter der Telefonnummer 09195/2142 gibt es auch Karten für acht Euro pro Kopf.