Erlangen  —  Nadiya Pankova ist froh, dass ihre Eltern und ihre Schwester vor 14 Tagen heil Erlangen erreicht haben. Ihre Familie kam aus Kiew in der Ukraine .

Das ist schon die zweite Flucht , denn im Jahr 2014 ist Nadiya zusammen mit ihrer Schwester Yevgenia und ihren Eltern aus Donezk, einer Stadt in der östlichen Ukraine , nach Kiew geflüchtet. „Wir verließen Donezk getrennt. Anfang Juni 2014 flogen meine Eltern und meine Schwester in den Urlaub nach Europa, und mein Mann und meine Kinder und ich gingen nach Mariupol. Und dann mussten wir alle nach Kiew zurückkehren, weil Donezk erobert wurde“, so Tochter Nadiya. Sie selbst ist mit ihrer jungen Familie ( Ehemann und zwei Kinder) 2017 von Kiew nach Deutschland gekommen. „Ich weiß, wie es ist, das geliebte Vaterland verlassen zu müssen, auf welche Herausforderungen – sowohl organisatorische als auch emotionale – man in einem anderen Land stößt und wie man damit zurechtkommen muss.“

Nun hatten sich ihre Eltern und ihre Schwester zum zweiten Mal auf die Flucht begeben. Nach stundenlangen Fahrten im Zug und im Auto sind Mutter und Vater bei ihr in Erlangen gelandet. „Wir mussten nun zum zweiten Mal alles verlassen, Wohnung und Freunde, und wir hoffen, dass dieser Aufenthalt hier nur vorübergehend ist“, so Mutter Elena (57). Ihr Mann Konstantin (60) konnte nicht zum Treffen kommen. Die Flucht lag ihm noch in den Knochen und er fühlte sich nicht wohl.

Ihre Schwester Yevgeniya (26) arbeitete bis vor kurzem in Russland. Sie hatte in Donezk, Kiew und in Woronezh Architektur studiert, als Jahrgangsbeste abgeschlossen und fand dann Arbeit in Woronezh in Russland. Am 25. Februar nahm sie kurz entschlossen das letzte Flugzeug Moskau-Düsseldorf. „Das Ticket habe ich am Flughafen gekauft.“ Mit dem Zug ging es dann nach Erlangen , wo sie ihre Schwester in die Arme schließen konnte.

Die Eltern allerdings mussten lange zur Flucht überredet werden. „Wir glaubten einfach nicht, dass es wirklich so schlimm werden würde“, schildert Mutter Elena. Am 1. März willigten sie endlich ein und am 2. März stand ein Freund mit dem Auto vor der Tür und brachte sie an den Kiewer Bahnhof. Sie hatten nur ihr Notfallgepäck und die Ausweise dabei, genau das, was sie bei jedem Alarm in den Keller mitnehmen mussten.

Die Mutter zog wie in Trance gleich drei Hosen und drei Jacken übereinander an und hatte das nicht einmal realisiert. Beide eilten zum Zug nach Lwiw. Eine Stunde später, nachdem sie den Kiewer Bahnhof verlassen hatten, mussten dort alle wegen Alarm in die Unterführung flüchten. Teile einer von den Ukrainern abgeschossenen Rakete trafen den Gang und es gab viele Verletzte. „Da haben wir echt Glück gehabt“, so Nadiyas Mutter .

Im Zug nach Lwiw sei alles erstaunlich gut organisiert gewesen, erzählt sie. Allerdings saßen in einem Abteil statt vier Leuten jetzt zwölf. Normalerweise braucht der Zug nach Lwiw sechs Stunden, aber diesmal waren es 13 Stunden.

Nadiyas Mann war mittlerweile mit dem Auto von Erlangen an die polnisch-ukrainische Grenze gefahren. Dort mussten er und sein Beifahrer noch 16 Stunden im Auto warten. Am 3. März kam der Zug früh um 4 Uhr an. Aber bis das Ehepaar aussteigen konnte, war es bereits 17.30 Uhr. Am Bahnhof war ebenfalls alles sehr gut organisiert. Freiwillige Helfer verteilten Essen und Getränke. Nach 13 Stunden Fahrzeit mit dem Auto und nach 1078 Kilometern Fahrt erreichten die Flüchtlinge am 4. März um 9 Uhr wohlbehalten Erlangen .

In einer Wohnung

Nadiyas Familie freut sich, dass die Flucht gut geklappt hat. Nun leben sieben Menschen in ihrer Wohnung zusammen. „Das ist alles nicht so schlimm, Hauptsache sie sind da“, erklärt Nadiya glücklich.

Ihre Schwester sucht nun einen Praktikumsplatz in einem Architekturbüro. Neben Russisch spricht sie gut Englisch, aber sie will sofort Deutsch lernen.

Nadiya Pankova ist Künstlerin und sie bietet einen kostenlosen Malkurs für geflüchtete ukrainische Kinder an. „Ich möchte gerne die ukrainischen geflüchteten Familien unterstützen. Der Kurs findet im „Grünes S.O.F.A“ und in Brücken e.V. in Erlangen statt. Näheres steht auf www.nadiyapankovaart.com.