Irgendwann mochte der Gedanke aufgekommen sein, ob dieser Geschichtsvortrag nicht eher ein Fall fürs Feuilleton sein könnte. Der Weg, den der aus Zell stammende Referent Adrian Roßner zur Vermittlung von Geschichtswissen beschreitet, ist so vergnüglich wie lehrreich, eine Mischung aus Mimik, akribischer Recherche und Fabulierlust.

Am Donnerstagabend führte ihn sein Weg zur CHW-Bezirksgruppe in die Ehemalige Synagoge. Grund: Das Jahr 1523 und das Ende des Mittelalters in Oberfranken.

Ulrich Sünkel ist Bezirksgruppenleiter. Er begrüßte die wohl 80 Gäste, aber er tat das auch mit einem verschmitzten freundschaftlichen Seitenhieb in Richtung Kulmbach. Dort referierte Bezirksheimatpfleger und CHW-Vorsitzender Günter Dippold, einer, der für gewöhnlich Publikum anzieht und dadurch womöglich von Alternativveranstaltungen abzieht. Aber die einstige Synagoge war voll und könnte in Bezug auf Veranstaltungen des Colloqiums Historicum Wirsbergense (CHW) zumindest für die nächste Zeit mit jenem Roßner verknüpft bleiben.

Der also ist Historiker, 28 Jahre alt und auf dem Weg zur Doktorarbeit. Bei der Vorstellung des Mannes aus dem Fichtelgebirge verging schon mehr Zeit als üblich. Es gab für Sünkel aber auch viel über Roßner zu erzählen, immerhin hält die Mediathek des Bayerischen Rundfunks Filme zu ihm bereit, immerhin gibt es von ihm auch schon über 70 Publikationen. "Kein unbeschriebenes Blatt", also.

Doch noch während der Vorstellung kam heraus, dass der Gast kein Mitglied des Geschichtsvereins CHW ist. "Es ist sowieso a Sünd' und a Schand', dass ich's noch net zammbracht hab'", kommentierte dieser. Dann trat Roßner die Beweisführung an, dass der in Historikerkreisen bekannte Hans Wandereisen nicht für die deutschlandweit auch von Fotografien aus Schulbüchern bekannten Holzschnitzarbeiten zuständig war, die ihm aber wohl zugesprochen werden. Jenem Wandereisen sagt man nach, schon im 16. Jahrhundert durch sein Schaffen eine Art "Kriegsberichterstatter" gewesen zu sein. Dabei entrollte Roßner ein ganzes Geflecht aus Zusammenhängen. Wie verlor der Kleinadel seine Macht gegenüber aufsteigenden Städten, beispielsweise Nürnberg? Wie spielte da der "Ewige Landfrieden" hinein? Dieser nämlich wurde schon 1495 vom deutschen König und späteren Kaiser Maximilian I. verkündet und sprach das definitive und unbefristete Verbot des mittelalterlichen Fehderechts aus.

Das Bild vom Raubritter

Und Roßner räumte bei der Gelegenheit auch mit einem gängigen Bild auf: mit dem vom Raubritter. Der war kein Mörder, und Bösewicht, vielmehr einer, der nach bekannten Regeln sein Wesen oder Unwesen trieb. Das Image, das er heute hat, sei der Literatur in der Romantik geschuldet. Von Hohenzollern und Guttenbergern, vom Schwäbischen Bund bis zu seinen militärischen Fehlschlägen und ihrer eher propagandistischen Aufbereitung erzählte Roßner. Er tat es nahezu eine Stunde länger, als es die Regelzeit bei derlei Vorträgen ist. Das störte niemanden im Publikum - es gab zu viel zu lächeln.

Als all das besprochen war, lüftet er noch das Geheimnis um jenen Wandereisen, der im Grunde darum zu einer Holzschnitzer- und Druckwerkstatt kam, weil er die Witwe des tatsächlich größeren Holzschnitzers Wolfgang Resch ehelichte. Geschichte muss nun wohl umgeschrieben werden. "Mei Gorgel is drocken und des Maul dud mer weh", war der Satz, der von Roßner launig im breitesten Dialekt vorgetragen das Ende des Vortrags markierte. Allerdings sollte noch ein Augenzwinkern in Richtung Nürnberg Worte finden.

An Nürnbergs ruhmreicher Geschichte kratzte Roßner nämlich freudig und deckte massive Unarten im spätmittelalterlichen diplomatischen Verkehr der Frankenmetropole auf. "In Nürnberg habe ich den Vortrag noch nicht gehalten. Ich arbeite mich außen rum und irgendwann müssen sie mich einladen", schob Roßner dazu noch nach.