Matthias Einwag

Als am 1. Juni 1972 die Vorgaben der Kreisgebietsreform in Bayern umgesetzt wurden, bedeutete das für Staffelstein zunächst einmal einen Zentralitätsverlust. Die Stadt hatte damals etwa 4800 Einwohner. Viele der umliegenden Dörfer waren noch selbstständig und wurden erst im Lauf der 70er-Jahre eingemeindet. Die bisherigen Kreisbehörden kamen nach Lichtenfels. Den größten Teil des Staffelsteiner Kreisgebiets verschmolz man mit dem Kreis Lichtenfels. Das Gebiet um Seßlach wurde dem Kreis Coburg zugeschlagen, die Orte um Zapfendorf und Rattelsdorf dem Kreis Bamberg.
Als Ausgleichszahlung für den Zentralitätsverlust erhielt Staffelstein aus dem Fonds "Strukturmittel für ehemalige Kreisstädte" 4,1 Millionen Mark. Der damalige Staffelsteiner Bürgermeister Reinhard Leutner (CSU) nutzte dieses Geld zum Umbau der Infrastruktur: Aus dem Behördenstädtchen wollte er ein Heilbad formen. Gekrönt wurden diese Anstrengungen 2001 mit der Bad-Anerkennung.


Anregung von Heiner Kohles

Anregen ließ sich Leutner von dem Staffelsteiner Sattler, Heimatforscher und geologischen Autodidakten Heiner Kohles. Der war fest davon überzeugt, dass man tief in der Erde Thermalwasser finden müsste. Kohles versuchte daraufhin den Staffelsteiner Stadtrat zu überzeugen, dass eine Bohrung erfolgversprechend sei. Die Stadträte waren skeptisch. Reinhard Leutner entschloss sich, ein geologisches Gutachten des Oberbergamts München einzuholen. Als es eintraf, machte sich jedoch Ernüchterung breit. Es könne nicht ausgeschlossen werden, so der Tenor des Geologen Dr. Helmut Gudden, dass es im tieferen Untergrund Thermalwasser gibt. Die Bohrung müsse jedoch mindestens 1000 Meter tief sein. Die Kosten dafür wurden auf eine Million Mark veranschlagt.
Wie Reinhard Leutner dieser Zeitung vor etlichen Jahren erzählte, sei Heiner Kohles daraufhin verzweifelt gewesen und habe sich von seiner Idee verabschiedet. Leutner versuchte jedoch pragmatisch, das Geld für die Bohrung zu beschaffen. Im Lichtenfelser Kreistag fand der Staffelsteiner CSU-Bürgermeister einen Mitstreiter aus den Reihen der SPD: Landrat Helmut G. Walther. Es gelang ihnen, 500 000 Mark vom Kreistag für eine Bohrung bewilligt zu bekommen. Doch das reichte nicht.
An der Kreistags-Sondersitzung im Ebensfelder Sportlerheim nahm auch Regierungspräsident Wolfgang Winkler teil, der zugleich Vorsitzender der Oberfranken-Stiftung war. Mit seiner Unterstützung wurde das Projekt von der Stiftung mit weiteren 300 000 Mark gefördert. Mit diesen finanziellen Zusagen konnte Bürgermeister Leutner am 12. November 1974 den Staffelsteiner Stadtrat überzeugen, dass eine Bohrung für die positive Entwicklung der Stadt unverzichtbar sei.
Am 18. April 1975 wurde ein 40 Meter hoher Bohrturm aufgestellt. 40 000 Mark kosteten die Bohrarbeiten täglich. Der Bohrkopf fraß sich in die Tiefe, traf aber lange Zeit nur auf taubes Gestein. Endlich, am 7. August 1975, traf der Bohrer in 1600 Metern Tiefe auf Thermalsole. Erleichterung machte sich breit. Doch die Bohrkosten waren emporgeschnellt auf 2,4 Millionen Mark. Wegen des aggressiven Mineralwassers mussten nämlich teure Kunststoffrohre verlegt werden.


Noch lange nicht am Ziel

Am Ziel waren die Staffelsteiner aber noch lange nicht. In den ersten Jahren verdiente das Thermalbad diesen Namen noch gar nicht. Eine Umkleide-Baracke mit einer großen Blechwanne im Freien davor diente als erstes Provisorium. Später wurde ein hallenartiges Thermalbadgebäude errichtet, das ebenfalls nur Provisorium war, aber immerhin schon einem Hallenbad ähnelte.
Im Januar 1979 gründeten Landkreis Lichtenfels und Stadt Staffelstein den Zweckverband Thermalsolbad, den Träger der heutigen Obermain-Therme. Im Mai 1983 erfolgte der erste Spatenstich zum Thermalbadbau und am 2. Januar 1986 wurde die Obermain-Therme eröffnet. Die staatliche Anerkennung der Therme als Heilquellenkurbetrieb folgte 1991.
Mit dem Kreis Staffelstein, der rund 27 000 Einwohner hatte, verschwanden allmählich auch die Kraftfahrzeug-Kennzeichen mit dem STE. Erst 2013 wurde es möglich, das STE auf Wunsch wieder im Schilde zu führen. Die Motorisierung sei im Kreis gering gewesen, erzählte Staffelsteins letzter Landrat Ludwig Schaller (CSU) dieser Zeitung bei einem Interview 1999. Im Jahr 1958 seien in dem Kreis nur 880 Pkw zugelassen gewesen, 1968 waren es erst 1938 Autos. Schaller war 1970 mit 62 Prozent zum Staffelsteiner Landrat gewählt worden. Seine Amtszeit sollte nur zwei Jahre dauern, denn bereits im Herbst 1970, so Schaller, seien erste Gerüchte über die Auflösung kursiert. Nach dem Tod des Lichtenfelser Landrats Helmut G. Walther sollte Ludwig Schaller bis 1993 noch einmal Landrat werden, diesmal des Kreises Lichtenfels.
"Der Landkreis Staffelstein stand von Anfang an auf der Abschussliste", sagte Schaller. Der Kreis Lichtenfels, der zu diesem Zeitpunkt etwa 54 000 Einwohner hatte, sei ebenso wie Staffelstein durch die Auflösung bedroht gewesen. "Eine Rauferei unter den Großen", so Ludwig Schaller, habe eingesetzt, denn die Landräte in Bamberg und Coburg, aber auch in Kulmbach und Kronach wollten das Gebiet am Obermain untereinander aufteilen. Ludwig Schaller: "Das war ein verbessertes Raubrittertum, bloß dass keiner dabei umgebracht wurde." Aus Coburg habe es sogar die Offerte gegeben, einen Groß-Landkreis "Coburg-Obermaintal" zu schaffen und diesen von Lichtenfels aus zu verwalten. Diese Variante sei aber schnell vom Tisch gewesen, denn sie sei gleich nach Bekanntwerden auf Ablehnung von allen Seiten gestoßen. Schaller: "Daran hat keiner so recht geglaubt."


Ausnahme für den kleinen Kreis

Ausschlaggebend dafür, den Landkreis Lichtenfels beizubehalten und ihm den wesentlichen Teil des Kreises Staffelstein zuzuschlagen, sei die Wirtschaftskraft dieser Region gewesen, sagte Schaller im Interview. Denn Anfang der 70er-Jahre hatte das Obermaingebiet ein beachtliches Potenzial, eine eindrucksvolle Industriedichte und überdurchschnittlich viele sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze. Aus diesem Grund habe die Staatsregierung eine Ausnahme gemacht und zugestimmt, einen kleinen Landkreis mit rund 70 000 Einwohnern zu belassen.