Es war der blutigste Konflikt Afrikas. Reportagen und Bilder vom qualvollen Sterben der Kinder in Biafra lösten die größte Mobilmachung zu humanitären Zwecken nach dem Zweiten Weltkrieg aus: Junge Menschen liefen mit Sammelbüchsen von Haus zu Haus. Unterstützergruppen fanden zusammen. Ein breites Spektrum von Menschen wollte helfen.

Sie verkauften selbst gebackenen Kuchen und gebasteltes Kunsthandwerk für den guten Zweck. Kirchliche Hilfsorganisationen schickten neben Nahrungsmitteln und Medikamenten auch dringend benötigte Helfer nach Afrika. Einige riskierten sogar ihr Leben.

Die Herzogenauracherin Helga Stößel war eine von ihnen. Ihr Hilfseinsatz führte sie 1969 mitten ins Kriegsgebiet. Helga Stößel hat überlebt, doch bei der humanitären Hilfsaktion fanden 122 biafranische sowie 35 europäische und amerikanische Helfer den Tod, darunter 17 Piloten.

Wenig Verständnis

"Natürlich haben alle gesagt, dass ich verrückt bin, und es gab auch sicher mehr als ein Dutzend guter Gründe, die gegen den Einsatz in Afrika sprachen. Aber ich war davon überzeugt, dass man etwas tun muss." Helga Stößel, die inzwischen überwiegend in Wien lebt, hat etwas getan und sie sagt heute, dass sie diese Entscheidung nie bereut hat. Doch damals zeigten nur wenige Menschen in ihrem Umfeld Verständnis. "Die Neger hammer auf der Dult für a Fuffzgerla angschaut und du willst nach Afrika?", war noch einer der gemäßigteren Kommentare, die sie zu hören bekam.

Helga Stößel hatte nach der Ausbildung zur Lehrerin an Volksschulen ein Theologiestudium in Würzburg begonnen. Der christliche Hintergrund verband sie mit Hans Meister, der 1969 zum Motor einer bis dahin in der Aurachstadt beispiellosen Spendenaktion wurde. Auf dem Weg zur Arbeit an der Carl-Platz-Schule hatte der Lehrer auf der Straße ein Flugblatt mit dem aufrüttelnden Bild eines Biafra-Kindes aufgelesen. Es war achtlos weggeworfen, mit einem schmutzigen Schuhabdruck darauf.

40 000 DM an Spenden

Das Thema ließ ihn nicht mehr los. Im "Singkreis", einer losen Gruppierung von jungen, kirchlich engagierten Herzogenaurachern, fand er Gleichgesinnte. Mit einer Briefaktion mobilisierten sie die Öffentlichkeit. "Was macht ihr für Biafra?" lautet ihre Frage, mit der sie auch den Bamberger Diözesanrat auf seine "christliche Verantwortung zu helfen" aufmerksam machten. Bis zum Ende des Jahres 1969 kamen allein in Herzogenaurach 40 000 Mark an Spendengeldern zusammen. Mittel, die in das "Haus Herzogenaurach" im Kinderdorf Libreville im Nachbarland Gabun flossen, wo die mittels einer Luftbrücke ausgeflogenen Kinder medizinisch betreut und aufgepäppelt wurden. Die Luftbrücke und die Hilfsaktionen haben damals unzähligen Menschen in Biafra das Leben gerettet.

Mitten im Urwald

Helga Stößel, die sich zunächst für die Dauer eines halben Jahres als Helferin verpflichtet hatte, landete im März 1969 in Libreville, wo Caritas und Diakonisches Werk in einer ökumenischen Gemeinschaftsaktion eine ganze Barackensiedlung mit Unterkünften, Schule und einem Krankenhaus zur Versorgung schwerst kranker, stark unterernährter Kinder aus dem Boden gestampft hatten.

"Es lag mitten im Urwald, bei Kilometer 11 auf der Straße nach Lambarene", erzählt Helga Stößel, die noch regelmäßig ihre alte Heimat besucht. Zusammen mit Hans Meister hielt sie damals durch regelmäßige Berichte die Herzogenauracher über die Lokalpresse auf dem Laufenden: "Nur durch Transfusionen und Medikamente können die todkranken Kinder in den ersten Wochen überleben," heißt es im Sommer 1969 in einem Zeitungsartikel, und weiter "bis zum Jahresende sollen noch weitere 1300 todkranke Kinder hier ankommen".

Im Oktober 1969 ist die Herzogenauracherin auf Heimaturlaub, hält Vorträge an Schulen und berichtet von ihrem nächsten Ziel: Zusammen mit Pater Ruhlmann, dem Leiter des Kinderdorfs in Libreville, will sie mitten ins Kriegsgebiet, wo rund zehn Millionen Menschen auf einem immer kleiner werdenden Gebiet von Nigerias Armee eingeschlossen sind.

Im "Kessel von Biafra", wird unter schwierigsten Bedingungen in der ehemaligen Missionsstation Iheoma ein Versorgungszentrum für 800 Kinder unterhalten, mit Unterkünften und einem Hospital zur Notversorgung. Die Lebensbedingungen sind katastrophal, "einmal hat man mir ein Krankenhaus gezeigt wo verwundete Soldaten lagen, unter schrecklichen Bedingungen, das waren zum großen Teil 14 bis 15-jährige Jungs, Kindersoldaten," berichtet Stößel. Bombardierungen sind an der Tagesordnung und die Versorgungsflüge von den Westafrika vorgelagerten Inseln São Tomé ein gefährliches Unterfangen. Es gibt nur eine provisorische, unbeleuchtete Landebahn und die Flüge finden aus Sicherheitsgründen bei Nacht statt.

Flugzeuge brachten Hilfsgüter

Jeden zweiten Tag landete ein Flugzeug mit Hilfsgütern. "Viel Wein und Käse war in den Lebensmittellieferungen", erinnert sich Stößel, die lieber Brot oder zumindest Mehl erhalten hätte, "doch das wurde damals von den Franzosen organisiert". "Und einmal waren im Flieger nur riesige Mengen von tiefgefrorenen Hähnchen", Stößel muss im Nachhinein über die oft absurden Hilfslieferungen lachen.

Das letzte Hilfsflugzeug landete im Kessel am 12. Januar 1970, einen Tag nachdem sich Biafra-Führer Odumegwu Ojukwu mit Familie und großem Gepäck abgesetzt hatte. Als die nigerianischen Truppen den Buschflugplatz überrennen und Biafra kapituliert, schafft es Helga Stößel gerade noch mit der letzten Maschine auszufliegen.

Noch häufig in Afrika

Auf die Frage nach einer persönlichen Bilanz ihrer Zeit in Afrika meint Stößel: "Ich habe damals im Endeffekt ein Jahr meines Lebens investiert, aber ich habe dabei gewonnen - neue Blickpunkte und vor allem auch ein Gefühl dafür, was möglich ist, auch was ich selbst schaffen kann". Ihr beruflicher Werdegang brachte Helga Stößel in den folgenden Jahren noch häufiger auf den afrikanischen Kontinent, nach Kamerun, Kenia, Tansania, Sudan und Senegal.

Auch Hans Meister ist der kirchlichen Entwicklungsarbeit treu geblieben, sein Weg führte ihn 1970 nach Peru, wo er in der Diözese Cajamarca in der Lehrerausbildung und bei Alphabetisierungskampagnen arbeitete.