Der jüdische Krämer Henoch Meier aus Ermreuth war „ein makelloser und aufrichtiger Mann; er wandelte vollkommen und handelte gerecht“. So jedenfalls steht es in hebräischer Sprache auf seinem Grabstein.

Besagter Meier war am 7. April 1843 gestorben. Weiter heißt es in der Eulogie: „Seine Füße hielt er nicht zurück vom Hause des Gebetes in guten wie in schlechten Tagen.“ Was insofern nicht verwunderlich war, als Meier direkt gegenüber der Synagoge wohnte.

Henoch Meier hatte eine große Kinderschar. Neun Kinder gehörten zu seiner Familie , sechs Töchter und drei Söhne . Seine Söhne hießen Mendlein, Hirsch und David.

Für Militärdienst zurückgekehrt

Der jüngste Sohn David, geboren am 23. August 1823, wurde in Fürth als Handlungscommis (Kaufmannsgehilfe) ausgebildet. Um 1840 war der unternehmungslustige junge Mann „mit Reisepass nach Nordamerika gereist“ und hatte „sich dort drei Jahre lang aufgehalten“. Im Jahr 1844 war er jedoch ins Königreich Bayern zurückgekehrt, um hier seinen Militärdienst zu leisten. Er wurde allerdings „vom obersten Rekrutierungsrat von Oberfranken“ für militäruntauglich befunden. Zu dieser Zeit hielt sich David Meier vermutlich längere Zeit in Bayreuth auf und hatte Kontakt zu dem wohlhabenden Kaufmann Bernhard Meyer, der ursprünglich Meyerberg heißen sollte.

Der junge David Meier lernte Sophie, eine der vier Töchter des Kaufmanns, kennen – und lieben. Dass seine Braut eine ordentliche Mitgift von ihrem Vater bekommen würde, stand außer Frage, verfügte der Schwiegervater in spe doch nach eigenen Angaben über ein Vermögen von 20 000 Gulden.

Schwiegervater in spe bürgte für ihn

Zu Beginn des Jahres 1845 war David Meier entschlossen, mit seiner Braut auszuwandern. Am 6. Februar erschien vor dem Stadtgericht Bayreuth der Kaufmann Bernhard Meyer und erklärte die Sache für besonders dringlich: „Mein Schwiegersohn , der Kaufmann David Meier zu Ermreuth , ist gesonnen, Bayern zu verlassen und nach Nordamerika auszuwandern. Derselbe muss aber seine Reise beschleunigen, und zwar Geschäfte halber in Amerika, wo sich derselbe bereits schon drei Jahre als Geschäftsmann aufgehalten hat.“

Der Kaufmann Meyer wollte mögliche Auswanderungshindernisse aus dem Weg räumen. Deshalb erklärte er sich bereit, „für allenfallsige Schulden seines Schwiegersohnes mit seinem ganzen, sowohl beweglichen als unbeweglichem Vermögen“ zu haften. Und das, obwohl die beiden jungen Leute noch gar nicht verheiratet waren.

Mitte Februar beschwerte sich David Meier bei der Regierung von Oberfranken über das Landgericht Gräfenberg, das sein Auswanderungsgesuch hinauszögere. Er schloss mit dem Satz: „Ich erlaube mir noch die Bemerkung hinzuzufügen, daß ich Ende dieses Monats eine sehr vortheilhafte Gelegenheit zur Überfahrt nach Amerika habe und mir durch deren Entgehen ein Nachteil entstehen würde.“

Noch am selben Tag sandte die Regierung, Kammer des Innern, einen Brief an das Landgericht, der eine deutliche Rüge enthielt. Das Auswanderungsgesuch des Meier sei „unverzüglich“ zu bearbeiten.

David Meier hatte seinem Bruder Mendlein eine Generalvollmacht erteilt. Dieser sollte für ihn die Formalitäten am Landgericht Gräfenberg erledigen. Das geschah auch.

Das Abschlusszeugnis

Mendlein beschaffte seinem umtriebigen Bruder David zum Beispiel einen Ersatz für das verloren gegangene Abschlusszeugnis. Der jüdische Lehrer Faust Ullmann bescheinigte seinem früheren Schüler , dass er „die hiesige vereinigte deutsche und Religionsschule fleißig besucht und bei seinem Austritte im Mai 1837 in allen Unterrichtsgegenständen sowohl als im sittlichen Betragen die Note sehr gut“ erhalten hatte.

Finanziell stand David Meier gut da, hatte er doch aus dem Nachlass seines Vaters Henoch Meier „ein bares Vermögen von 1200 Gulden“ erhalten. Daher legten die Behörden in Gräfenberg und in Bayreuth dem auswanderungswilligen jungen Paar keinerlei Hindernisse in den Weg. Im Gegenteil!

Bereits am 25. Februar 1845 entschied Präsident Stenglein von der Regierung von Oberfranken: „Wird dem Israeliten David Meier von Ermreuth und seiner Verlobten Sophie Meyer von hier die nachgesuchte Erlaubnis zur Auswanderung nach Nordamerika und die Entlassung aus dem Bayerischen Untertanenverbande ertheilt.“

Ein kleines Problem …

Und doch war noch ein kleines Problem aus der Welt zu schaffen: Am 20. Februar 1845 hatte sich der Schullehrer Karl Bischoff aus Pommer per Brief beim Landgericht Gräfenberg gemeldet und vorgebracht, David Meier habe noch Schulden bei ihm.

In einem drei Seiten langen Brief beklagte sich Bischoff über Meier: „Ich habe dem Israeliten David Meier, vulgo Amerikaner, im vorigen Winter und Frühjahr Unterricht auf dem Klavier und besonders auf der Gitarre gegeben. Derselbe wollte mit mir anfangs einen Vertrag schließen, was er mir geben müsse, um beide Instrumente vollständig zu lernen.“ Dieser Vertrag kam aber nie zustande. Meier blieb seinem Instrumentallehrer mindestens drei Gulden 30 Kreuzer für die Unterrichtsstunden schuldig – für einen armen Dorfschullehrer eine erkleckliche Summe.

„Vergleich“ mit zwei Gulden

Davids älterer Bruder Mendlein Meier erledigte die leidige Sache im Handumdrehen. Er eilte am 9. März 1845 von Ermreuth über den Berg nach Pommer, suchte den Lehrer auf, traf aber nur dessen Schwester Barbara an und übergab ihr zwei Gulden – nicht ohne sie eine Quittung unterschreiben zu lassen, wonach man einen „Vergleich“ geschlossen habe und die Forderungen des Lehrers daher befriedigt seien. Die Quittung legte er flugs dem Landgericht vor, und dieses beendete den Vorgang am 10. März 1845 mit einer schlichten Aktennotiz: „So hat nun die Sache auf sich zu beruhen.“

Man wüsste zu gerne, ob der unternehmungslustige, musikalisch begabte David Meier in den USA ein erfolgreicher und wohlhabender Kaufmann geworden ist. Zuzutrauen wäre es ihm, aber leider fehlen Dokumente, die darüber Auskunft geben.