Hat Emir H. (Name geändert) mit größeren Mengen Haschisch gehandelt und sich dabei eines Jugendlichen als Kurier und Verkäufer bedient? Am Landgericht Bamberg stand dabei Aussage gegen Aussage. Sein
angeblicher Komplize behauptete genau das. Der Angeklagte stritt alles ab. Mit objektiven Beweisen sieht es dagegen ziemlich mau aus.
"Er wäre der erste angebliche Drogenhändler, der in diesem Jahr freigesprochen würde, und deshalb glaube ich nicht recht daran", so Rechtsanwältin Kerstin Rieger (Kronach). Dennoch tue sie alles, was möglich sei. Für ihren Mandanten geht es um viel. Denn der Vorwurf, der 25-jährige Iraker hätte einen damals 16-jährigen Syrer, den er in einer Asylunterkunft in Bamberg kennengelernt hatte, dazu gebracht, für ihn "die Drecksarbeit" auf der Straße mit den Haschisch-Platten im Rucksack zu machen, könnte eine mindestens fünfjährige Haftstrafe nach sich ziehen.
Die Verteidigerin ärgerte sich über eine Zeugin, die nach ihrem Umzug nach Hamburg einfach nicht erschienen war. Noch mehr aber wunderte sich die Rechtsanwältin darüber, dass wichtige polizeiliche Aussageprotokolle, die den Angeklagten betreffen, nicht auffindbar waren. Was wohl mit einer gewissen Überlastung der Kriminalpolizei für Zentralaufgaben (KPIZ) in Bayreuth zu erklären ist. Denn im Laufe der letzten beiden Jahre hatten die Beamten es mit umfangreichen und komplizierten Ermittlungen im Bereich des Haschisch- und Marihuana-Handels zu tun. Eine Vielzahl an Prozessen hatten das Amts- und Landgericht Bamberg schwer beschäftigt.
Im Grunde haben der Vorsitzende Richter Manfred Schmidt und die Kollegen der Zweiten Strafkammer zu klären, ob der einzige Belastungszeuge ihnen die Wahrheit erzählt hat. Der Jugendliche war bereits wegen Drogenbesitzes, Bedrohung und versuchten Totschlags mit der Justiz in Konflikt geraten.
Einige Zeugen berichteten von einem heftigen Streit zwischen ihm und dem Dealer. Das könnte eines der Motive für die belastenden Angaben des Jugendlichen sein. Hinzu kommt die Tatsache, dass der 16-Jährige sich durch seine Beschuldigungen in seinem eigenen Prozess wegen der "Aufklärungshilfe" eine niedrigere Strafe verschafft hatte.


Nur für sich selbst gekauft?

Ein früherer Lieferant des Angeklagten, der selbst bereits verurteilt wurde und derzeit einen Drogenentzug im Bezirksklinikum Bayreuth absolviert, entlastete hingegen seinen ehemaligen "Geschäftspartner" Emir H. Der habe zwar Haschisch gekauft, aber nur für sich selbst. Verkauft habe er nichts. Demgegenüber behauptet Oberstaatsanwalt Matthias Bachmann, Emir H. hätte den Jugendlichen als Kurier eingesetzt, sowie als Straßenverkäufer, wobei es stets um mehr als 100 Gramm Stoff gegangen sei. Wohl weil der weniger auffällig gewirkt hatte und über genügend Deutschkenntnisse verfügte, um einen entsprechend großen Kundenkreis auch jenseits der arabischsprachigen Community aufzubauen. Dafür hätte der Jugendliche Unterkunft, Verpflegung, Haschisch und ein Taschengeld bekommen.
Rechtsanwältin Riegers Strategie läuft auf einen Freispruch hinaus, weil bei Emir H. weder Drogen noch dafür übliche Utensilien wie eine Briefwaage, Plastiktütchen etc. gefunden worden waren. Auch ein Drogenhund hatte bei der Durchsuchung der Einzimmer-Wohnung nicht angeschlagen, wie ein 57-jähriger Kriminalhauptkommissar bestätigte. Derselbe Zeuge konnte keine Kunden Emir H.s benennen, die ihn als Händler kannten.
Selbst eine Telekommunikations-Überwachung, die andere Angeklagte überführt hatte, war bei Emir H. unterblieben. Allerdings hatte der Angeklagte, der nur als "Al Iraki" (Der Iraker) bekannt war, durch eine verspätete Preisgabe des Pin-Codes seines Smartphones dafür gesorgt, dass die darauf gespeicherten Daten nicht ausgelesen werden konnten. Denn inzwischen hatten die Kripo-Techniker bereits versucht, die Sperre zu umgehen. Dabei hatte sich das Gerät aus Sicherheitsgründen wieder in den Auslieferungszustand zurückgesetzt und dadurch alle Daten gelöscht.
Am kommenden Montag ab 9 Uhr werden noch einige Zeugen gehört und die bis dahin hoffentlich aufgetauchten Protokolle vorgelesen werden. Mit den Plädoyers und einem Urteil ist zu rechnen.