christian Bauriedel

Die Erfolgsgeschichte der "Siemens-Stadt" Erlangen beginnt mit der Ankunft eines alten Steyr-Pkw mit Anhänger und ein paar Räumen in einem Hinterhaus, das zuvor noch Heim der "Hitler-Jugend" gewesen war.

Die Bedingungen in den unmittelbaren Nachkriegsjahren waren alles andere als ideal. Keiner glaubte im Jahr nach dem verheerenden Weltkrieg wohl daran, dass Siemens in Erlangen mit der anfänglich nur aus einer Handvoll Mitarbeiter bestehenden Arbeitsgruppe einmal den raketenhaften Aufstieg zum Weltkonzern starten würde.

Unter anderem Wirtschaftshistoriker Wilfried Feldenkirchen hat die Anfänge von Siemens in Erlangen erforscht. Zudem beschreiben Aufsätze, die das Firmenarchiv dem FT zur Verfügung gestellt hat, wie es dazu kam, dass weite Unternehmensteile von der Hauptstadt Berlin in die fränkische "Provinz" verlegt wurden.

Zeitzeugen berichten von den Bedingungen, unter denen ein Zwei-Mann-Voraustrupp der Berliner Siemens-Schuckertwerke begann, die Gegebenheiten in Erlangen zu sondieren und Arbeitsstätten zu organisieren. Es waren anfangs Zustände, gegen die heutige "Start-ups" bestens ausgestattet wirken. Der erste Arbeitsplatz: eine Tischplatte, einen auf zwei Meter groß, "auf zwei leichten Böcken und zwei Stühle, die von der HJ übrig geblieben waren". Die Bahn fuhr unregelmäßig, die Post arbeitete zunächst noch nicht. Es gab weder Telefon noch Firmenwagen. "Das einzige Verkehrsmittel, das zur Verfügung stand, war vorerst ein geliehenes Fahrrad." Trotzdem lief der Abzug aus Berlin schnell an. Waren es im Jahr 1945 noch rund 20 Arbeiter, zählte 1946 die Belegschaft in Erlangen bereits 200 Mitarbeiter. 1950 waren es 2800, zehn Jahre später 8400. Ein enormes Wachstum. Heute arbeiten in Erlangen über 23 000 Menschen für Siemens, was die Stadt zu einem der größten Firmenstandorte weltweit macht.

Schon in den letzten Monaten des Kriegs hatte das Unternehmen Pläne angestellt, Produktionsstätten und Verwaltungssitze aus der Hauptstadt abzuziehen. Berlin war zu weiten Teilen zerstört. Mit dem Ende des Kriegs ging Deutschland mit der Aufteilung in Besatzungszonen in eine ungewisse Zukunft. Vor allem mit der kommunistischen Besatzungszone der Sowjetunion in Ostdeutschland hatte die Industrie ein Problem. Im April 1945 besetzte das sowjetische Militär die "Siemensstadt" der Firma Siemens-Halske in Berlin und begann mit Demontage und Abtransport von Maschinen.

Siemens orientierte sich deshalb früh in Richtung Süd- und Westdeutschland. Führungsaufgaben sollten dort in neu gegründeten "Gruppenleitungen" übernommen werden, so etwa der Hauptsitz von Siemens-Halske und Tochtergesellschaften in München (Gruppenleitung Süd) und eine Abteilung im Ruhrgebiet in Mülheim/Ruhr (West). Zudem war eine "Gruppenleitung Mitte" geplant, womit Franken ins Spiel kam.

Hof hatte Pech, Erlangen profitiert

Als "eine unerwartete Zukunft" bezeichnet Historiker Feldenkirchen den Umzug von Siemens nach Erlangen. Für die damals nur rund 30 000 Einwohner zählende Stadt (heute rund 112 000) war es ein Glücksfall, der von seiner historischen Dimension wohl nur vergleichbar ist mit der Ansiedlung der Hugenotten (1686) und der Gründung der Universität (1743). Und wie es mit Glücksfällen so ist: Des einen Glück ist des anderen Nachteil. Denn eigentlich war zunächst die Stadt Hof als Standort auserkoren. Doch als die Amerikaner 1945 Thüringen an die russischen Besatzungstruppen übergeben hatten, lag die Stadt plötzlich in Randlage zur "Ostzone". Siemens entschied sich um und zog nach Erlangen, wo sich ab Sommer 1945 fortan die dezentrale Leitung der Siemens-Schuckertwerke befand. Nach nur vier Monaten war das Unternehmen aus Hof wieder abgezogen.

Von Zerstörung verschont geblieben

Für Erlangen sprach, dass es im Krieg von Zerstörungen weitgehend verschont geblieben war, anders als die Nachbarstadt Nürnberg, wo es zwar bereits Siemens-Schuckertwerke gab. Jedoch war die Infrastruktur der Stadt durch die Bombardements völlig zerstört.

Das nahe Erlangen punktete zudem mit den bereits ansässigen Siemens-Reiniger-Werken (Röntgen- und Medizintechnik) und auch mit der Universität, die bis heute Quelle für qualifizierte Mitarbeiter ist.

Auch das Engagement der damaligen Stadtspitze, die Siemens einen Standort anbot, gab wohl einen Ausschlag. Obwohl die Ansiedlung eines Großunternehmens nicht einfach für die Stadt war.

Kraftakt für die Stadt nach dem Krieg

Erlangen beherbergte zu dieser Zeit etliche Ausgebombte und Heimatvertriebene. Als frühere Garnisonsstadt musste die Verwaltung zudem für die Einquartierung amerikanischer Besatzungstruppen sorgen. Siemens verlegte nach und nach die sogenannten Verkehrsabteilungen, die Elektrizitätswerke, Stromverteilungs- und -versorgungsanlagen nach Erlangen. Platzmangel war absehbar, was zu einer regen Bautätigkeit in der Wiederaufbauzeit und damit zu einem "Wirtschaftswunder" führte.

Markantester Bau ist das Siemens-Verwaltungsgebäude, das wegen seiner rosafarbenen Fassade im Volksmund "Himbeerpalast" genannt wird. Es wurde von 1948 bis 1953 errichtet. Die Baustelle galt damals als die größte Süddeutschlands. In den Folgejahren entstanden zahlreiche weitere Bürobauten sowie in den 1960er Jahren das Siemens-Forschungszentrum. Große Arbeitersiedlungen für die "Siemensianer" wurden aus dem Boden gestampft.

Welche Bedeutung der Standort Erlangen noch heute für den Technologiekonzern hat, zeigt die Investition von einer halben Milliarde Euro in den neuen "Siemens Campus" im Süden der Stadt, der vergangenes Jahr bezogen wurde.

Der "Himbeerpalast" wurde kürzlich an die Universität übergeben. Mit der Philosophischen Fakultät und der Lehrerausbildung gehen die historischen Firmengebäude bald einer neuen Zukunft entgegen.