Rohe, malträtierte Wände, schwere Apparaturen, eine Stahlleiter: Das Kesselhaus, die frühere Heizungsanlage der Kliniken in der Sandstraße, steht für sich schon als Denkmal eines Industriezeitalters, das im Zuge der Digitalisierung und Automatisierung zumindest in den reichen Ländern des Westens zu verschwinden scheint. In vielfach gebrochener Form reflektieren die Arbeiten Jan Muches, die der Kunstverein in dem stillgelegten Industriebau zeigt, diese Ära.

Vermittelt hat die Schau Alex Ochs, Berliner Galerist des Künstlers. Man erinnert sich an den gebürtigen Bamberger als vielfach umtriebigen Organisator und Aktivisten in den Siebzigerjahren. Er eroberte sich als oberfränkischer Exilant unter anderem als Vermittler asiatischer Kunst einen bedeutenden Platz in der hauptstädtischen Szene, was auch eine Art von Kunst ist. Nun sind im Kesselhaus, um dessen endgültige Umwidmung zum Kunstraum immer noch gerungen wird, meist großformatige Bilder des 45-jährigen Jan Muche zu sehen, daneben dreidimensionale Objekte, filigran gebaut aus Gitterstäben, die er "Modelle" nennt.

Konstruktivismus

Unzweifelhaft und überdeutlich ist Muche beeinflusst vom russischen Konstruktivismus, jener Richtung der künstlerischen Moderne, die etwa zwischen 1915 und 1925 ihre Blütezeit erlebte. Eine Zentralfigur dieser Richtung war Wladimir Tatlin, dessen - nie verwirklichter - Turm als Denkmal der Dritten Internationale als eine Art Leitfossil der Konstruktivisten in jeder Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts vorkommt.

Betritt man das Kesselhaus und dreht sich um, sieht man ein überdimensionales Porträt Tatlins in der Interpretation Muches. Da steht ein Pfeife rauchender Mann mittleren Alters vor einem gerüstartigen Gebilde, vor Stangen und Streben, die jedoch auseinanderzufallen scheinen oder wie in einem fortgeschrittenen Stadium der Zerstörung: der Konstruktivist als Dekonstruktivist.

Was auch im weitesten Sinne als politische Aussage gedeutet werden kann. Zwar beharrt die Kunstvereinsvorsitzende Barbara Kahle zu Recht darauf, dass Muche keineswegs unter dem Signum "politischer Künstler" firmiert, vielmehr auch und vor allem den malerischen Akt als solchen reflektiert. Dennoch: Bereits der Titel der Ausstellung verweist auf den Marktplatz als Ort der politischen Versammlung. Ein Interpretationsstrang zielt auf das Industriezeitalter mit seinen Hoffnungen als gescheiterte Utopie.

Morbider Charme

Deshalb immer wieder die Beschädigung, die Demontage, der explosionsartige Zerfall in den mit streng geometrischen Formen aufgebauten Bildern meist ohne Titel, Acryl und Bootslack und auch Asche auf Leinwand, was den morbiden Charme der als Industrieruinen zu sehenden Motive erhöht. Der Künstler benutzt Vorlagen aus der architektonischen Moderne wie den sog. Schuchow-Turm, einen Radioturm in Moskau, verfremdet ihn in "TV" zu einer perspektivisch raffiniert ausgeklügelten Kaskade aus Formen und Farben.

In "Zelt" treibt er diese Methode auf die Spitze, wobei sich die mosaikartig zusammengesetzten Kleinteile zuletzt im Mikroskopischen verlieren. Im Gegensatz zu diesen monumentalen Arbeiten stehen die "Modelle", vogelkäfigartige Konstruktionen ohne erkennbaren Sinn, verfremdet mit einem Ast oder einem darin eingeschlossenen Schädel. Im kleinen Kesselhaus-Nebenraum sieht man einen bronzenen Arbeiter, der in ein trichterartiges "Modell" gefallen ist, gescheiterte Utopie und gefallenes Denkmal vielleicht.