Hand auf´s Herz! Würden Sie Ihrer Angebeteten ein Andenken an eine Schlacht mit Tausenden von Toten schenken? Wohl eher nicht! So geschehen aber in der Mitte des 18. Jahrhunderts in Preußen!
Wenn man von der überragenden Feldherrnkunst Friedrichs des Großen spricht, fällt automatisch der Name "Leuthen". Er steht als Synonym für eine Schlacht des 18. Jahrhunderts, die aus einer völlig aussichtslosen Situation heraus aufgrund strategischer und psychischer Überlegenheit in einen der größten militärischen Siege verwandelt wurde. Schon Napoleon sagte, dass alleine Friedrichs Sieg bei Leuthen 1757 ihn als Feldherren unsterblich gemacht haben würde.
Gegen alle Regeln der Kriegskunst hatte Friedrich am 5. Dezember 1757, mitten im Winter, mit seinem 29 000 Mann starken Heer die 66 000 Österreicher bei dem schlesischen Dorf Leuthen angegriffen. Dank der sog. "Schiefen Schlachtordnung", die schon seit der Antike durch den Feldherrn Epaminondas bekannt war, zwang er den Gegner nach mehrstündigem heißem Kampf in heillose Flucht. Die Verluste der Österreicher betrugen 7000 Tote und Verletzte und 20 000 Gefangene.
Dieser überwältigende Sieg fand in der Folgezeit seinen Niederschlag in unzähligen Darstellungen auf Kupferstichen, Medaillen, Vivatbändern und Tabaksdosen. Letztere konnten sogenannte Iserlohner Dosen aus Messing und Kupfer sein, die in Walztechnik billig hergestellt wurden, aber auch hochwertige Tabatieren aus emailliertem Kupfer, die von bekannten Künstlern der Zeit bemalt wurden. Sie entstanden oft im Auftrag des Königshauses und wurden meist als Geschenk verwendet. So auch die hier vorgestellte Tabaksdose.
Der in vergoldetem Messingrahmen gefasste Deckel mit der Aufforderung "cito, cito, nach Magdeburg!" zeigt auf der Außenseite den reitenden Kurier, der die Nachricht vom grandiosen preußischen Sieg zur Stadt und Festung Magdeburg bringen soll, wohin sich die königliche Familie zurückgezogen hatte.
Hingegen haben die zwei österreichischen Reiter auf der Deckelinnenseite die unangenehme Aufgabe, die Hiobsbotschaft nach Wien zu ihrer Herrscherin Maria Theresia zu bringen. In holprigem österreichischem Dialekt fürchtet der eine: "mayn! Woos wierd die Pfra sooggen!" (frei übersetzt: oh je! Was wird die Frau = Kaiserin sagen!). Um den eigenen preußischen Sieg noch grandioser erscheinen zu lassen, hat der Künstler das ursprüngliche militärische Kräfteverhältnis noch mehr zu Ungunsten der Preußen verändert.


Widmung auf der Unterseite

Was aber die Tabatiere neben ihrer Seltenheit so außergewöhnlich macht, das ist die Widmung auf der Unterseite: "Der schönsten Demoiselle empfiehlt sich J.G.E." Leider verrät uns der Text nicht, um welche attraktive "Demoiselle" es sich handelt, und auch der Verehrer verbirgt sich hinter seiner Chiffre "J.G.E". Obwohl man vermuten kann, dass der Verehrer und Schenker der Tabatiere im hochrangigen Offizierscorps der Siegerarmee zu suchen ist, war es bisher nicht möglich, das Kürzel zu entziffern.
So wird es ein Geheimnis bleiben, warum er mit dieser Tabaksdose, die an eine Schlacht des Siebenjährigen Krieges erinnert, das Herz seiner Angebeteten erobern wollte. Die nur 86 x 67 x 44 Millimeter große, weiß emaillierte Tabatiere mit reliefartigen Randverzierungen befindet sich in der Vitrine 30 der ständigen Ausstellung des Armeemuseums Friedrich der Große und ist wie alle Objekte des Monats mit einer roten Schleife gekennzeichnet. red