Carolin Herrmann

Endlich wird Gewissheit: Auf dem Festungsberg befand sich über einen langen vor- und frühgeschichtlichen Zeitraum eine Höhensiedlung. Und zwar sehr wahrscheinlich bereits frühzeitig eine befestigte. Deshalb lässt sich annehmen, dass die Coburger Siedlung ein durchaus wichtiger Knotenpunkt in keltischer Zeit in unserer Region war, auch früher schon während der Urnenfelder-Kultur, in der Spätbronzezeit (1300 bis 800 vor Christus).
Der aus Coburg stammende Archäologe Philipp Schinkel, Universität Würzburg, kann erstmals diese Aussage wagen. Er wertet die wüsten Kisten an Fundmaterial aus, die seit der Bergung in den 60er Jahren im Naturkundemuseum aufbewahrt werden. Damals stieß man bei Bauarbeiten auf der Veste auf Skelette, die sich als mittelalterlich herausstellten. Sie lagen aber in einer ungestörten Kulturschicht aus der Vorgeschichte. Es wurde gegraben, aber nicht systematisch dokumentiert und auch nicht weiter ausgewertet. Der Raum Coburg "ist in der Forschung schlicht überdurchschnittlich vernachlässigt", erklärt Schinkel die bis heute herrschende Ahnungslosigkeit. (Siehe auch Tageblatt vom 21. Oktober 2017).


In Sichtweite

Also konnte bisher nur vermutet werden, dass sich auf dem zig Kilometer weit aus der Landschaft herausragenden Berg in Sichtbeziehung zwischen den bedeutenden keltischen Städten auf dem Staffelberg (Menosgada) und dem Kleinen Gleichberg (womöglich mit Namen Bikourgion) doch auch "irgendetwas" abgespielt haben muss. In der Spätbronzezeit, die dann um 800 in die eisenzeitliche Hallstadt-Kultur überging, herrschte eine weit entwickelte Gesellschaft mit Handel und Kommunikationsbeziehungen über ganz Europa hinweg. Bei den späteren Kelten, die mit ihrer Kultur und Wirtschaft zweifellos an der Schwelle zur Hochkultur standen, spielten solche (Sicht-)Beziehungen eine große Rolle.
Und tatsächlich: War der Coburger Festungsberg (und der dahinter liegende Fürwitz) bisher nur eine "Fußnote" in der Geschichtswissenschaft, so wird er jetzt konkret "ansprechbar". So sagen die Archäologen. Er kann mit dem, was Schinkel bisher herausgefunden hat, nun zuverlässig in größere geschichtliche Zusammenhänge eingeordnet werden.
In den Kisten lagerten schätzungsweise 15 bis 20 000 Objekte, Scherben, Brösel der Geschichte. Schinkel hat sie mittlerweile durchgesehen, etwa 600 hat er als relevant eingeordnet - und minutiös gezeichnet, was nach wie vor die zentrale Methode der Erfassung ist, weil dabei winzige Details, Vertiefungen, feine Linien wahrgenommen werden können. Archäologie ist eine mühsame Angelegenheit.


Die Siedlung war befestigt

Bereits jetzt kann der Archäologe einige Schlussfolgerungen ziehen: Die aus verschiedenen kleinen Grabungslöchern stammenden Objekte deuten darauf hin, dass das komplette Plateau besiedelt war; in welcher zeitlichen Abfolge und Ausdehnung oder gar gleichzeitig - das lässt sich nicht sagen. Dass wir je umfassende Einsicht über diesen Zeitraum der Vergangenheit erhalten werden, ist unwahrscheinlich. Der Festungsberg ist komplett überbaut, viel wurde "weggeräumt". Man kann nur bei weiteren Baumaßnahmen aufmerksam sein.
Aber immerhin: Es muss auf dem Festungsberg mehr als nur eine einfache Bauernsiedlung gegeben haben; darauf weisen "qualitativ hochwertige" Scherben hin von Keramik, die auf der Drehscheibe gefertigt wurde. Auf eine kontinuierliche Befestigung ist zu schließen, weil es so viele Funde auf kleinem Raum gibt. Ohne massive Umrandung des Berges wären die Reste vorgeschichtlicher Besiedelung der Jahrtausende wirkenden Erosion anheimgefallen. Zeitlich reichen die Funde zurück bis in die Urnenfelder-Zeit und weiter. Es gibt Funde aus jeder Epoche, was die kontinuierliche Besiedlung des Festungsberges belegt.


Auch der Mupperg

Für Philipp Schinkel, der auch schon beachtliche Erkenntnisse über den Neustadter Mupperg gewinnen konnte, ist die Erforschung der Coburger Vorgeschichte Vorarbeit für seine Dissertation. Ihn interessiert die gesamte, wissenschaftlich bisher vernachlässigte Region, die Verkehrswege, die Gesamtzusammenhänge bis ins Neustadter-Sonneberger Becken. Auch der Mupperg wird für ihn zentral bleiben. "Es ist noch viel Forschung im Gelände notwendig", blickt Schinkel auf das, was vor ihm und uns liegt.
Was den Coburger Festungsberg betrifft, will Schinkel "alles herausholen, was für diesen Fundplatz noch möglich ist." Dazu müssen die nun erfassten Fundstücke katalogisiert, Stück für Stück datiert werden. Schinkel will eine feinere zeitliche Aufgliederung der Besiedlung erreichen. Seine Ergebnisse soll Schinkel in einem Aufsatz für das Jahrbuch der Coburger Landesstiftung zusammenfassen.