Der Rote Turm mit seinem geschweiften Spitzhelm prägt seit Generationen das Stadtbild Kulmbachs. Bereits seit 1300 diente er über Jahrhunderte hinweg als Wohnung für Brandwächter, Stadtpfeifer und Familien. Immer wieder zerstört und wieder aufgebaut sowie baulichen Veränderungen ausgesetzt, überdauerte er bis heute. Als in den 1970ern die letzten Bewohner auszogen, endete seine Funktion als Wohngebäude. Seitdem ist dieses charakteristische Bauwerk ein Denkmal, das die bewegte Geschichte der Markgrafenstadt widerspiegelt.
Im 13. Jahrhundert erhielt Kulmbach das Recht, eine Stadtmauer zu errichten. An deren höchster Stelle wurde ein Turm, der "Rote Turm", errichtet. Ihm stand in einiger Entfernung der Heiligschwertturm (heute VHS) gegenüber, vermutlich damit man sich durch Zeichen besser verständigen konnte. Militärisch war der Rote Turm nach der Erfindung der Kanone fast bedeutungslos, aber mit einer Gesamthöhe von 27 Metern und einer Traufhöhe von 18,40 Metern war er als Beobachtungsposten für den städtischen Brandwächter bestens geeignet.
Der Name "Roter Turm" geht auf dessen äußere Erscheinung zurück. Drei Eigenschaften tragen dazu bei: Der zu seinem Bau verwendete Buntsandstein besitzt eine rötliche Färbung. Das verwendete Holz im obersten Stockwerk wurde zum Schutz in alter Zeit mit Ochsenblut gestrichen und zeigt seither ebenfalls eine rötliche Färbung. Den hohen Turm krönt eine spitze Haube aus roten Ziegeln.


Zwei Fachwerkformen

Eine Besonderheit zeigt sich am obersten Stockwerk des Roten Turms. Hier wurde das Fachwerk in zwei verschiedenen Formen verarbeitet. Zur Burg hin ist es - nach der Fachwerkskunst benannt - der sogenannte "Wilde Mann". Die anderen Seiten bestehen aus Riegel- und Ständerfachwerk. Das liegt daran, dass der Turm früher ein Halbschalenturm, also wie ein "U" gebaut war. Hätte der Feind den Turm erobert, hätte er ohne Deckung von der Stadt aus bekämpft werden können.
Der Turm diente dem Stadtpfeifer und Stadtmusikus als Wohnung. Seine Lage war als Wächterturm sehr günstig, da man von ihm aus fast die gesamte Kulmbacher Altstadt überblicken konnte. Der Stadtpfeifer musste zu allererst auf die Feuersgefahr achten. Es war damals zum Beispiel den Bäckern oder Schmieden verboten, ihre Feuer nachts durchbrennen zu lassen. Ein Funke hätte genügt, um die aus Holz gebaute Stadt in Schutt und Asche zu legen. Eine weitere Aufgabe bestand darin "dreimal täglich vom rothen Turm einen Choral herab zu blasen".
Nach Ableben des Stadtmusikus Wilhelm Götz im Jahr 1868 erarbeitete der Stadtmagistrat neue Instruktionen. Nach Paragraf 4 "hat täglich zwischen 11 und 12 Uhr der Stadtmusikus mit seinen Leuten auf dem Rothem Thurme nach den verschiedenen Stadtteilen hin einen vierstimmigen Choral zu blasen". Das war natürlich auf Dauer beschwerlich, und der Stadtmusikus Johann Kotz richtete deshalb einen Beschwerdebrief an den Stadtrat mit folgender Begründung: "Der rothe Thurm (...) ist bekanntlich sehr hoch, und daher das täglich oftmalige Begehen desselben ist beschwerlich und sehr ermüdend. (...) Es ist auch richtig (...), dass man, oben angekommen, fast zusammenknickt und geraume Zeit braucht, bis man sich wieder etwas erholt hat ...." Nach dieser Beschwerde erfolgte circa um 1880 die Einstellung dieser musikalischen Aufgabe.


Ein Rätsel

Zum Schluss noch eine ungelöste Frage: Neben dem Roten Turm befindet sich eine kleine Pforte zur Plassenburg. Zu der gibt es zwei Meinungen. War dies die Stelle, an der sehr viele Kulmbacher am Konraditag 1553 den Tod fanden? Oder befand sie sich an dem ebenfalls als Roter Turm bezeichneten kleinen Turm zur Fischergasse hin?