Ein letztes Mal haben Interessierte am Freitag in Bad Kissingen die Gelegenheit, das Programm "Trotzdem" von Christian Springer anzuhören.

Herr Springer, warum machen Sie Kabarett?
Christian Springer: Ich kann nichts anderes. Im Ernst: Kabarett zu machen, ist für mich der großartigste Beruf, den man sich vorstellen kann. Wir haben eine Bühne und können unser Publikum für ein paar Stunden in unsere Welt entführen. Und gleichzeitig kommt man viel rum.

Geht Ihnen das viele Unterwegssein nie auf die Nerven?
Doch. Das Verkehrschaos ist der schrecklichste Teil der Tournee. Dazu kommen die fürchterlichen Garderoben, das sogenannte Backstage. Ich brauche keinen Whirlpool. Aber 30 Jahre jeden Abend die gleichen Kekse, den gleichen Scheibletten-Käse, das macht keinen Spaß. Und oft ist die Garderobe nur ein Kellerloch oder ein eiskaltes Treppenhaus, und auf dem Spiegel sind die versteinerten Kaugummireste der Bands aus den 70er Jahren.

Um was geht es in Ihrem Kabarett?
Ich könnte jetzt sagen, um Politik und die aktuellen Aufreger. Das stimmt zwar, aber es geht mir in erster Linie darum, mein Publikum zu erreichen. Wenn es geht, sogar etwas wachzurütteln. Kabarett zu machen ist vielleicht ein bisschen wie Predigen. Ein Pfarrer hat auch keine Ahnung von der Hölle oder vom Paradies. Aber er redet drüber. Und die andern hören zu.

Sie haben also eine Botschaft?
Ich hoffe, nicht nur eine. Aber leider ist das heute sehr verpönt: Igittigitt, der hat eine Botschaft, geht da nicht hin. Das sind Versuche, unsere Zunft kaputtzumachen.

Sie wollen die Welt verändern?
Um Gottes willen! Wer glaubt, mit zwei Stunden Kabarett am Abend den Weltfrieden herstellen zu können, ist auf der falschen Spur. Aber man will inzwischen auch das Kabarett reduzieren auf pure Nützlichkeit.

Wer will das?
Veranstalter, Fernseh-Redakteure, leider auch Kollegen. Wie oft habe ich gehört: Es soll halt lustig sein, die Leute wollen doch lachen. Damit reduziert man das Kabarett zur Ware. Man kauft eine Mütze, damit die Ohrwaschl nicht frieren. Man bietet Kabarett an, damit die Leute lachen können. Dabei kann Kabarett viel mehr.

Was denn?
Das Kabarett ist wie ein Instrument. Ich kann damit die Herzen erreichen, ich kann die Menschen fröhlich machen, ich kann sie zum Weinen bringen. Ich kann das Publikum verstören, informieren, ärgern, und im nächsten Moment zum Nachdenken bringen. All das und noch viel mehr, und dann muss man sich von irgendwelchen Stümpern sagen lassen: Die Leute wollen doch nur lachen. Dafür gibt es Witze-Erzähler, und wer will, kann sich einen Lachsack kaufen.

Und wie reagiert das Publikum?
Das Publikum ist großartig, und sehr viel gescheiter als die Pessimisten immer behaupten. Regelmäßig kommen nach meinen Auftritten die Leute zu mir, schütteln mir die Hand und sagen Dinge wie: "Wie schön, dass man auch mal nachdenken darf." Oder "Endlich mal nicht immer unter der Gürtellinie." Oder "Bei Ihnen habe ich ständig Tränen in den Augen, vor Lachen und vor Rührung." Einer hat gesagt, ich bin ein "Mutmacher".

Aber was ist nun Ihre Botschaft? Weg mit dem Ministerpräsidenten?
Haha. Wenn er es ganz schlimm treibt, ja. So habe ich vor Jahren in einer Fernsehsendung, das war live an einem Aschermittwoch, den damaligen Vizekanzler Westerwelle in die Wüste geschickt. Auf diese kurze Sequenz werde ich heute noch angesprochen. Das hat die Leute sehr bewegt, als es plötzlich todernst geworden ist auf der Bühne.

Und heute Abend auf der Bühne?
Meine Botschaft ist simpel: Leute, habt eine Haltung. Habt Ziele und verfolgt die. Man kann etwas bewegen, auch als Einzelner. Lasst Euch nicht entmutigen. Lebt. Genießt. Und ganz weit oben: Lasst anderen Freiheit. Man muss im Kleinen anfangen. Wie der berühmte Komponist Nikolaus Harnoncourt. Der hat bei Karajans Wiener Symphonikern nach 17 Jahren das Cello geschmissen, weil er nicht ertragen hat, wie Mozarts G-Moll-Symphonie gespielt wurde. So was find ich super.

Inwiefern spielt im Programm Ihre humanitäre Arbeit eine Rolle?
Ich helfe seit 2011 syrischen Flüchtlingen vor Ort. Damals wussten die wenigsten, wo Syrien überhaupt liegt. Ich bin zweimal im Monat im Libanon, dieser persönliche Bezug interessiert das Publikum sehr. Dabei geht es nicht um die Bühnen-Wirkung, es ist alles selbst erlebt. Aber die Anfeindungen häufen sich. Wer Ausländern hilft, muss sich auf das Kreuzfeuer der Rechten einstellen. Das ist bitter und kostet Kraft.

Warum spenden Sie nicht das Geld an andere Organisationen? Ist das nicht sogar gefährlich, selbst hinzufahren?
Ich bin ein Laie, was das Profi-Geschäft der humanitären Hilfe angeht. Aber als ich das erste Mal nachts vor 270 syrischen Flüchtlingen stand, auf die vor wenigen Stunden noch in Syrien geschossen worden ist, habe ich gesehen, was es braucht: schnelle Hilfe und direkte Hilfe. Und dann dranbleiben. Ich versuche mit meinem Verein Orienthelfer e.V. die Lücken auszufüllen, die die großen Organisationen hinterlassen. Und gefährlich? Das Gefährlichste an meiner Arbeit ist der Straßenverkehr in Beirut.

Herr Springer, woher kommt der Antrieb, selbst nach sieben Jahren Krieg nicht lockerzulassen?
Zum einen bin ich familiär vorbelastet. In unserer Familie dient man nicht im Militär, sondern hilft. Schon meine Urgroßmutter hat sich im 19. Jahrhundert um Arme gekümmert. Zweitens ist es ein Irrtum, zu glauben, dass humanitäres Handeln ein Freizeitvergnügen ist. Das Helfen ist Menschenpflicht. Ohne diesen Grundgedanken hätte nicht einmal eine Steinzeitfamilie überleben können. In Christentum, Islam, Judentum ist es religiöse Pflicht. Und in der Uno ist die Humanität längst zum weltweiten Gesetz geworden. Leider hält sich niemand daran.

Sie mischen sich ein. Nicht nur von der Bühne herab. Sie waren jahrelang auf der Suche nach einem NS-Mörder. Warum?
Die Frage ist doch: Warum haben Alois Brunner so wenige gesucht? Er war die rechte Hand von Adolf Eichmann. Über 120 000 Menschen hat er selbst auf dem Gewissen. Die Syrer haben ihn versteckt, die Deutschen haben zugeschaut. Ein unfassbarer Skandal.

Sie werden oft gefragt: Was halten Sie vom Islam? Was sagen Sie dann?
Leider werden Islam und Gewalt heute oft gleichgesetzt. Aber ein Mörder bleibt ein Mörder. Für die Opfer spielt es keine Rolle mehr, aus welchen abartigen Motiven heraus sie umgebracht wurden. Jetzt erleben wir gerade eine Welle islamistischen Terrors. Aber bedenken Sie, die IRA hat 90 Jahre lang schreckliche Bomben gezündet. Die IRA war katholisch. Und noch heute gibt es Terror, ausgeübt von Christen. Die überwältigende Mehrheit der Moslems will Ruhe. Genau wie wir. Und die meisten Opfer des islamistischen Terrors sind Moslems. Das vergessen wir oft.

Vielleicht verraten Sie uns am Schluss noch, um was es in Ihrem Kabarett geht?
Ach so, ja. Es kommt vor: Die Nationalhymne, das Aussterben der Preißn-Witze, warum meine Eier auf Franz-Josef Strauß nicht getroffen haben, und was aus dem "Mia san mia" wird, wenn die Integration doch klappt: Sind die andern dann auch "Mia"? Und am Schluss kann man mein neues Buch "Wir müssen Freiheit aushalten" mitnehmen. Ich glaube, ein echter und ein sehr persönlicher Kabarett-Abend.

Das Gespräch führte Melanie Hofstetter