Bunt, gesellig, jung, hoch, laut. Zu Frankfurt fallen mir viele Attribute ein, die manchmal auch nur scheinbar im Widerspruch zu meiner fränkischen Heimat stehen. Gut, jung fehlt vor allem in Bad Kissingen: Wenn ich dort durch den Kurgarten schlendere, ausgebremst von Rollatoren, fühle ich mich im Vergleich deutlich jünger als wenn ich - ebenfalls beeinflusst vom Umfeld - durch Frankfurt hetze. Bad Kissingen ist seiner Zeit voraus, hat einen Altersdurchschnitt, der fünf Jahre über dem Landesdurchschnitt liegt und anderen Städten erst in 20 Jahren bevorsteht. Das kommt nur zu einem kleinen Teil daher, dass junge Menschen abwandern, sondern vor allem daher, dass viele Senioren aus ganz Deutschland dort ihren Lebensabend verbringen: Bad Kissingen wächst - entgegen aller Prognosen fürs flache Land.

Natürlich war ich zum Reporter-Tausch nicht zum ersten Mal in Frankfurt. Aber ich war noch nie so viel zu Fuß unterwegs: Wenn es die Termine zuließen, ging ich am Main entlang, durchs Banken-Viertel, durch die selbst bei Tageslicht rot schimmernde Taunusstraße und vorbei an unzähligen Futterstellen: Restaurants, Imbisse, Stände der Grüne-Soß-Woche... Gibt es in Frankfurter Wohnungen überhaupt eine Küche? In den Dörfern meiner Heimat sterben die Wirtshäuser gerade aus. Dabei ist der Franke an sich eigentlich gesellig, in unserer Region vereint sich Wein- mit Bier-Kultur. Trotzdem hinkt die Gastronomie hinterher. Hat das vielleicht auch etwas mit dem Geld zu tun? Ist das Ausdruck des Lohngefälles zwischen Stadt und Land?

Aufgefallen ist mir bei den Spaziergängen auch, dass mir stehende Hochhäuser lieber sind als liegende: Viele Städte haben sich durch die Höhen-Beschränkung endlos lange Fassaden mit verspiegelten Fenster-Flächen bis zum Boden eingebrockt. Dann doch lieber in die Höhe streben, das ist aus meiner Sicht nicht protzig, sondern konsequent. Live miterleben durfte ich die Diskussion um das Nachfolge-Gebäude des Rundschau-Hauses: Wer aus einem so einzigartigen Ensemble aus historischen Gebäuden wie in Bad Kissingen kommt, kann die Sehnsucht nach einer homogenen Stadt-Gestaltung nachvollziehen, aber das kommt einige Jahrzehnte zu spät. Frankfurt ist die vielleicht einzige deutsche Großstadt, die international als solche wahrgenommen wird. Da macht die Flare-Fassade das Kraut wirklich nicht fett, wie man in Franken zu sagen pflegt.

Spannend waren die Einblicke in eine neue Redaktion. Wichtigste Erkenntnis: Auch wenn die Themen andere sind, ist die Arbeitsweise doch gleich professionell. Aber auch die Widerstände gleich stark: Niemand hört gerne, was nicht der eigenen Meinung entspricht, da nehmen sich Stadt und Land nichts. Dagegen wächst mit der Breite des Mains die Gesprächigkeit: Mit dem gemeinen Frankfurter ins Gespräch zu kommen, ist deutlich einfacher als mit dem Unter- oder Oberfranken auf dem Dorf. Da hilft auch mal jemand schnell als Dolmetscher aus oder gibt ein Lächeln zurück.

Ganz klein erscheint die Welt, wenn man feststellt, dass etwa bei der prestigeträchtigen Neuen Altstadt zwischen Dom und Römer viele fränkische Firmen mitgearbeitet haben: Wer pendelt nicht alles aus dem Umland in die Main-Metropole, nicht nur aus dem Bayerischen, oft für einen Tag, öfter für die ganze Woche, um hier Wohnraum zu schaffen, während daheim auf dem Dorf die Häuser leer stehen. Das ist der Lauf der Welt, ich jedenfalls gehe gerne wieder zurück zur Familie, ins stille, beschauliche, aber trotzdem auch bunte und gesellige Franken.

Der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) hat einen Reportertausch organisiert. 30 Zeitungen aus Deutschland haben mehr als 40 Reporter eine Woche in eine andere Stadt geschickt. Nach fünf Tagen in Frankfurt hat Ralf Ruppert zunächst in der Frankfurter Neuen Presse, bei der er seinen Arbeitsplatz hatte, sein persönliches Fazit gezogen und nun auch in der Saale-Zeitung.