Dass es bei dem gegen einen 19-Jährigen angestrengten Verfahren um schweren sexuellen Missbrauch zu einem Freispruch kommen würde, war nie gewiss. Doch das Schöffengericht unter Vorsitz von Richterin Ulrike Barausch kam überein, dass "die Zweifel dann doch stärker" waren als die Überzeugung von einer Schuld. Im Blickpunkt des Prozesses stand aber auch das Fragen aufwerfende Aussageverhalten einer 14-Jährigen.
Die Hände ineinander verschränkt saß der 19-Jährige neben seinem Rechtsanwalt Michael Windisch keine zwei Meter von dem 14-jährigen Mädchen entfernt, welches sich im Zeugenstand zu den Geschehnissen des 7. Oktober 2017 äußerte. Einen Blickkontakt zwischen den beiden Teenagern gab es kaum, als das Mädchen Aussagen machte, die weitgehend deckungsgleich mit der Anklage waren, die dem 19-Jährigen vorwarf, am 7. Oktober 2017 in seiner Lichtenfelser Wohnung den vaginalen Geschlechtsverkehr mit der zum Tatzeitpunkt noch 13-Jährigen ausgeübt zu haben. Der Mann selbst bestritt dies stets und gab an, zu derlei aufgrund vorausgegangenem massiven Alkoholgenusses nicht mehr im Stande gewesen zu sein und überhaupt "wie ein Stein geschlafen" zu haben. Aussage gegen Aussage.


Wodka und Jägermeister

Mehrere Flaschen Wodka und Jägermeister, so der Angeklagte, habe er Stunden vor der Begegnung mit dem Mädchen intus gehabt. Als es bei ihm klingelte, habe er sogar noch mit einer Flasche Wein nachgetankt. "Dann war sowieso Sense mit mir." Was das Mädchen überhaupt zu ihm trieb, war wohl ein Anhimmeln dieses Jugendlichen, den sie schon kannte . Vor Richterin Barausch und Staatsanwältin Jana Huber erklärte das Mädchen, dass es auch darum bei ihm zu nächtigen beabsichtigt habe, weil es "Stress mit der Mutter" hatte und dieser überdies erzählte, bei einer Freundin nächtigen zu wollen. Nach Einlassung des Beschuldigten sei ihm das Übernachten nicht ganz geheuer gewesen, weshalb er seinen Gast darum gebeten habe, via WhatsApp das Übernachtungseinverständnis der Mutter einzuholen, was nicht geschehen sei. Zudem gab der 19-Jährige an, dem Mädchen eine Schlafcouch zum Nächtigen angeboten zu haben. "Am nächsten Morgen lag sie aber bei mir im Bett."
So ganz einvernehmlich soll der Beischlaf laut Aussage der heute 14-Jährigen nicht gewesen sein. Es sei seitens des Gastgebers zu Drängelei gekommen, zur Erektion und zum Eindringen. Dann stockte die junge Frau und gab an, keine weiteren Angaben mehr machen zu wollen. Auch als Barausch und Huber dem Mädchen den Ernst der Angelegenheit auseinandersetzten, blieb es bei seinem Schweigen. Ein Ernst der Angelegenheit, der nicht nur den Angeklagten, sondern auch sie selbst betraf. Denn: Mit 13 Jahren war sie bei einer Falschaussage strafunmündig. Nun aber mit 14 und bei Wiederholung einer möglichen falschen Anschuldigung ist sie es nicht mehr.
Jedoch erklärte die 14-Jährige, die sich der Tragweite der an sie gerichteten Fragen und mancher ihrer Antworten wohl nicht bewusst war, dass sie geraume Zeit später mit einem anderen jungen Mann Geschlechtsverkehr gehabt habe und hernach mit einem weiteren. Auch kam das selbstverletzende Verhalten zur Sprache, welches das Mädchen an den Tag legte. In den Arm ritzte sie sich schon, was Barausch in Richtung Borderline-Störung denken ließ.
Doch es sollte noch einen weiteren unergründlichen Hintergrund geben. Zeitnah vor dem angeklagten Geschehen habe das Mädchen zugegebenermaßen rund 150 Euro von seiner Mutter entwendet. Als es darum zur Rede gestellt wurde, erzählte es auch von dem Vorfall, mit dem 19-Jährigen geschlafen zu haben. Ein Verhalten, das laut Rechtsanwalt Windisch auch dazu gedient haben könnte, von dem Vorwurf des Diebstahls wegzulenken.
Die Mutter jedenfalls nahm ihre Tochter damals mit zur Polizei und es kam auch zu einer Untersuchung. Mit dem Ergebnis, dass keine Auffälligkeiten festgestellt werden konnten. Da das Mädchen angab, dass es beim Geschlechtsverkehr auch zu einem Samenerguss kam, wurde auch ihre Unterhose untersucht. Doch der Angeklagte schied nach erfolgtem DNA-Test "als Spurenleger aus", wie Barausch formulierte.
Erneut nahm das Gericht Anlauf, mehr Details über den angeklagten Vorgang zu erfragen, und erneut verwehrte die 14-Jährige, wobei ihr Tonfall nicht darauf schließen ließ, ob sie aus Trotz oder aus Scham und Selbstschutz nichts ausführen wollte. 50 Minuten nahm sich das Gericht Zeit zur Urteilsfindung. Dann folgte es der Forderung Michael Windischs nach Freispruch.
"Auffälligkeiten im Aussageverhalten" führte das Gericht als Begründung für den Freispruch an. Und immerhin wurde während der Verhandlung an manchen Stellen auch deutlich, dass das Mädchen gegenüber der Polizei abweichende Angaben gemacht hatte.
Was ihre Glaubwürdigkeit ankratzte, war, dass die 14-Jährige sich nicht daran erinnern konnte, ob sie durch den Geschlechtsverkehr geblutet habe. Mit dem Freispruch dürfte der weitgehend unbescholtene 19-Jährige zufrieden sein. Ein anderer Mann aber dürfte bald mit einer Anklage rechnen - eben jener, von dem die 14-Jährige im Zeugenstand erzählte.