Marktzeuln — Es regnet an diesem Juliabend. Alles ist ruhig. Die Vorsitzenden und der Dirigent des Musikvereins Marktzeuln sind weitverstreut. Doch die Technik macht es möglich. Via Videokonferenz aus den heimischen Wohnzimmern werden die neuesten Informationen ausgetauscht. Lange hat man sich persönlich nicht mehr getroffen. Drei Monate waren gemeinsame Proben wegen der Corona-Pandemie nicht möglich. "Eine Katastrophe", findet Dirigent Christian Stenglein.

Bis zum 14. Juni durften maximal zehn Personen bei einem Mindestabstand von drei Metern bei den Bläsern proben. Diese haben auf besondere Vorgaben bei ihren Musikgeräten zu achten. Bei Blasinstrumenten darf kein Durchpusten des Instruments beim Ablassen des Kondensats stattfinden. Das Kondensat muss vom Verursacher mit Einmaltüchern aufgefangen und in geschlossenen Behältnissen aufgefangen werden. Blasinstrumente dürfen nicht getauscht oder gemeinsam benutzt werden. Da die Räumlichkeiten des Musikerheimes nicht groß genug sind, war Proben nach Aussage der ersten Vorsitzenden Barbara Lang unmöglich.

Ab sofort dürfen die Instrumente wieder klingen - bei unbeschränkter Personenanzahl und unter Einhaltung des Mindestabstandes von 1,5 Metern und der Hygienevorschriften. Doch da bei 40 bis 50 Musikanten der Probenraum nicht ausreicht, wird voraussichtlich in etwa zwei Wochen im Freien geprobt. Für Christian Stenglein wird das eine Herausforderung. Er ist auf den Sicht- und Hörkontakt zu jedem einzelnen Kapellenmitglied angewiesen.

Logistische Herausforderung

"Dirigent ist gefährlich", meint er ironisch, und spielt dabei auf die Vorschrift zur Mund-Nase-Bedeckung an. Dirigent und Schlagzeuger haben einen solchen zu tragen. Das "Outdoor-Proben" stellt auch eine logistische Herausforderung dar. So muss etwa das Schlagzeug mit dem Lkw transportiert werden. Trotzdem freuen sich Lang, der zweite Vorsitzende Tim Matuschek und Dirigent Stenglein auf die Proben.

Matuschek bekräftigt: "Ich spiele nicht nur Musik um der Musik Willen. Ich möchte in der Gemeinschaft was erleben." Das wäre anders als beim Sport. Die Gemeinschaft habe ihm gefehlt. Die einsame Zeit während des Lockdowns wegen des Coronavirus hat der Musikverein mit Plaudern per Videokonferenz überwunden. Das hatte zwar nichts mit Musik zu tun, war aber eine soziale Interaktion. Dass sich jedes aktive Mitglied beim Üben selbst aufnehmen könne, findet der Dirigent bei 50 Personen schwierig. Dies wurde auch nicht praktiziert. Für ein Konzert übers Internet wären für die Technik relativ hohe Investitionen nötig gewesen. Außerdem hätte man es laut Stenglein vorher gerne erst einmal ausprobiert. Es fiel so manchem Musiker schwer, sich selbst zu motivieren. "Man hat ja auch kein Ziel. Alle Veranstaltungen waren und sind abgesagt", erklärt Barbara Lang verständnisvoll.

Und das waren sämtliche kirchliche Veranstaltungen und Prozessionen, Spielverträge (unter anderem das Zeulner Freischießen), die Sommerserenade in Mitwitz und das allseits beliebte Musikerfest an Fronleichnam. Die Vorgaben bekommt der Marktzeulner Musikverein vom Nordbayerischen Musikbund. Über diesen wäre auch ein Antrag auf Soforthilfe möglich. Doch die erste Vorsitzende meint nach Absprache mit dem Kassier, dass der Verein glücklicherweise Rücklagen habe. Außerdem stünde sicher auch die Gemeinde zur Unterstützung bereit.

Musik auf dem Balkon

Eine wunderbare Aktion seit Mitte März war die sonntägliche Session der einzelnen Mitglieder. Diese hätten für Freunde, Bekannte und Verwandte jeder für sich auf seinem Balkon oder seiner Terrasse Lieder gespielt. Um 18 Uhr fand die Aktion statt, die auch bundesweit für durchwegs positive Äußerungen sorgte.

Der Musikverein Marktzeuln hat etwa 70 aktive Mitglieder, das Durchschnittsalter liegt bei 26 Jahren. Für die Jugend, die auch separat probt, existiert das Jugendorchester Hochstadt-Marktzeuln. Da gehören die drei Befragten mit Mitte 30 bereits schon zum "alten Eisen", wie der Dirigent schmunzelnd feststellt. Für künftige Veranstaltungen gäbe es noch keinerlei Pläne, wenn diese jedoch wieder möglich seien, hätte man sicher gute Ideen.

Auch der Nachbarverein, die Blaskapelle Marktgraitz, hat bisher nicht geprobt, da die Auflagen schlicht nicht praktikabel waren. Dirigent Sebastian Geßlein erläuterte, dass die Proben momentan auf Eis gelegt wären. Allerdings warte man auf eine Genehmigung seitens der Gemeinde Redwitz, was den Platz für die Proben betrifft. Auch bei den "Grazern" soll ein Üben im Freien stattfinden. Wann genau, stand noch nicht fest. Und so motiviert der Musikbund seine Mitglieder: "Jetzt gilt es, wieder nach vorne zu blicken, die Kräfte zu mobilisieren und die Blasmusik auch wieder musikalisch hörbar zu machen."