Matthias Einwag Seit inzwischen 35 Jahren steht die Hamburgerin Helga Siebert als Kabarettistin auf der Bühne, unter anderem im Lichtenfelser Stadtschloss und im Staffelsteiner Stadtcafé. An Themen mangelte es ihr nie. Doch die Corona-Pandemie brachte ihr ganz neue, vorher ungeahnte Impressionen, die sie in ihr Programm einfließen ließ. "Corona light" heißt ihre jüngst zusammengestellte, ständig aktualisierte Solo-Show. In einer Retrospektive geht sie darin auf satirische, politische und persönliche Aspekte des Lockdowns ein.

"Das war eine Spontanidee: Light - ohne dass ich es leicht nehme", sagt sie im Redaktionsgespräch. Inhaltlich brachte diese Krise viele gehaltvolle Ideen und Anregungen, zumal das Gehalt der freischaffenden Künstler in dieser Zeit sehr gering gewesen ist. "Wir sind nicht systemrelevant", sagt sie, offenbar seien Künstler gesellschaftlich nicht so wichtig wie Lufthansa-Mitarbeiter oder das Bahn-Personal. In den ersten Monaten des Lockdowns sei leider ein kultureller Stillstand eingetreten, der zur Folge hatte, dass viele Künstler am Hungertuch nagen. "Die Kultur kam aus meiner Sicht an letzter Stelle", kritisiert Helga Siebert, denn die Kultur sei bei all den staatlichen Rettungsschirmen und Unterstützungsfonds vergessen worden.

Dabei wird das Programm, das sie am 30. Juli in zwei 45-minütigen Blocks auf der Terrasse des Staffelsteiner Stadtcafés bieten wird, keinesfalls zu schwer und moralisierend sein: "Es soll nachdenklich machen und ich will ein bisschen pieksen." Die künstlerische Szene in Deutschland sei in den vergangenen Monaten zum Glück weiter aktiv gewesen, sagt die Kabarettistin. Es gab Straßenkonzerte und viele neue Formate im Internet. Das machten die Künstler freilich nur, um nicht aus der Übung zu kommen - leider brachte es den meisten finanziell kaum etwas ein.

Entschleunigtes Leben

Seit 27 Jahren ist Helga Siebert mit einem Staffelsteiner verheiratet, sie lebt halb in Hamburg, halb in Bad Staffelstein. "So eine intensive Zeit wie diese ersten beiden Corona-Monate hatten mein Mann und ich in unseren 27 Jahren noch nicht", sagt sie. Sie meint damit das entschleunigte Leben, das Zeit für Gespräche, Reflexionen und Spaziergänge bot - unter anderem für Wanderungen auf den Staffelberg. Sie lernte die Region am Obermain in diesen ersten Monaten des Jahres 2020 ganz neu kennen. Früher, sagt sie, habe sie immer bei ihren Auftritten im Lichtenfelser Stadtschloss und im Staffelsteiner Stadtcafé den Satz eingeflochten: "Ich bin aus Hamburg, das ist meine Stadt. Und hier, am Obermain, bin ich gerne." Das habe sich durch Corona geringfügig geändert: "Mittlerweile muss ich sagen, dass ich genauso gerne in Bad Staffelstein bin wie in meiner Heimatstadt."

In den ersten Corona-Monaten nahm Helga Siebert viele Details des veränderten gesellschaftlichen Lebens wahr - sowohl in der Weltstadt Hamburg als auch in der fränkischen Kleinstadt Bad Staffelstein. Aus kabarettistischer Sicht bieten all diese Beobachtungen ein weites Feld zum Auswerten: "Früher gab es ein Vermummungsverbot, heute gibt es ein Vermummungsgebot." Beim Reisen von Hamburg nach Franken war Helga Siebert öfters irritiert wegen der unterschiedlichen Regelungen und Lockerungen, die von Bundesland zu Bundesland variierten: "Du wusstest manchmal gar nicht mehr, was du wo machen darfst."

Natürlich lässt sie die Unterschiede beim Bewältigen der Pandemie in Hamburg und Bad Staffelstein in das Programm einfließen. "Hier fühlte ich mich sicherer als in Hamburg", sagt sie, obwohl sie auch dort keine Angst hatte. "Die Leute in Hamburg gingen sorgloser mit Corona um - hier wechselten die Leute manchmal die Straßenseite, wenn man sich begegnete." Die aufgestellten Hygiene- und Abstandsregeln findet sie sinnvoll: "Es ist besser, einen Tick vorsichtiger zu sein."

Sorglosigkeit einiger Staatschefs

Beim Beobachten der weltweiten Politszene ärgert sich Helga Siebert über die Sorglosigkeit der Mächtigen: "Die persönliche Unvorsichtigkeit und die Ignoranz vieler Staatenlenker mit mangelnder Gehirnmasse bringt es mit sich, dass reihenweise Menschen in deren Ländern sterben."

Natürlich möchte Helga Siebert mit dieser vorläufigen Bilanz der Corona-Krise ihr Pulver nicht gleich ganz verschießen. Einige Aspekte hebt sie sich auf für ihren Jahresrückblick "Ultimo", der alljährlich einen poetischen Touch in der Tradition von Joachim Ringelnatz besitzt.

Und um ihr Publikum nicht allein mit der Corona-Thematik zuzudröhnen, möchte sie zudem all das aufgreifen, was ihr sonst noch so aufgefallen ist. Das ist jedoch gar nicht leicht. Denn sogar beim Bienensterben drängen sich Parallelen zur Pandemie auf - die geflügelten Insekten hätten derzeit genauso große Probleme wie die zweibeinigen Bienen, in Hamburg Bordsteinschwalben genannt.

Pandemie trifft alle Branchen

Die darniederliegende Reisebranche sei ebenfalls coronageschädigt: Kreuzfahrtschiffe liegen leer am Kai, die Reeder warten auf Kundschaft, was sie nicht groß von den Bordsteinschwalben unterscheide. Gespannt darf das Publikum sein, ob Helga Siebert die Frage beantworten kann, wie Traumschiff-Kapitän Sascha Hehn durch die Krise laviert - ob er bald arbeitslos sein wird, weil keine fränkischen Senioren mehr an Bord gehen?

Die fränkischen Eingeborenen sowie die außerfränkischen Urlauber und Kurgäste dürfen also am nächsten Donnerstag einen nachdenklich machenden, sprachlich heiteren Abend mit Helga Herta Siebert erwarten. Denn so ganz alleine tritt Helga nicht auf: Herta, ihr Alter ego, wird auf der Bühne immer präsent sein: "Herta darf alles sagen, was sich Helga nicht zu sagen traut."

Ringelnatz und Corona

Und vielleicht machen sich Herta und Helga sich ja einen Reim darauf, was Altmeister Ringelnatz zu Corona sagen würde. Vielleicht hätte er sein berühmtes Ameisen-Gedicht an die Zeit der Pandemie angepasst? Etwa so: "In Hamburg lebten zwei Ameisen, die wollten nach Bad Staffelstein reisen. Bei Altona auf der Chaussee, entdeckten sie ein Canapé. Dort nahmen sie die Maske ab und reisten mit dem Smartphone - zapp!"