6.30 Uhr, Sonntagmorgen: "Normale" Menschen liegen jetzt noch gemütlich in ihrem Bett, träumen von einer einsamen Insel in der Karibik oder müssen noch das Gläschen Wein vom Vorabend verdauen. Für mich heißt es stattdessen: aufstehen. Ein Tag als Wahlhelfer beginnt früh, sehr früh.

7.30 Uhr: In meiner Heimatgemeinde, in Lonnerstadt, werde ich heute einen Tag als Wahlhelfer arbeiten. Doch die Umstände in diesen Zeiten machen mich schon ein wenig bedenklich. Sollte überhaupt eine Wahl stattfinden, wenn durch ein Wahllokal an einem einzigen Tag Hunderte, gar Tausende Bürger streifen und das Coronavirus so womöglich weitergegeben werden kann? Gerade für die Wahlhelfer kann das heute zur echten Herausforderung werden, immerhin haben sie mit allen Wählern Kontakt. Angekommen im Wahllokal merke ich bei den letzten Vorbereitungen aber schnell: Ein wenig haben sich meine Kollegen schon auf die neuartige Situation vorbereitet - genügend Desinfektionsmittel ist heute allemal vorhanden.

8.05 Uhr: Ein Umstand, von dem die Supermärkte gerade nur träumen können. Kurz nach Öffnung der Lokale schaut es aber genauso aus, wie aktuell an den Kassen. Lange Schlangen bilden sich vor den Wahlkabinen, lediglich fünf Menschen können gleichzeitig in meinem Wahlbezirk wählen. Meine Aufgabe für den heutigen Vormittag: Zettel ausgeben. Vier Stück an der Zahl, immerhin wollen heute Kreistag, Gemeinderat sowie Bürgermeister und Landrat gewählt werden. "Das ist ja eine Tapete", höre ich dabei von den Wählern immer wieder, als ich ihnen den weißen Zettel für den Kreistag in die Hand drücke. Und tatsächlich: Alleine mit den Zetteln aus Lonnerstadt könnte man womöglich die Strecke vom Lonnerstadter Wahllokal an der Schule bis zum Landratsamt nach Erlangen und zurück pflastern.

9.40 Uhr: Zum Glück wird man als Wahlhelfer mit Kaffee und Kuchen gut versorgt, denn der nächste Ansturm lässt nicht lange auf sich warten. Das komplette Wahllokal ist voller Menschen und ich bin erstaunt, dass doch so viele Bürger trotz des Coronavirus wählen gehen. "So etwas haben wir hier noch nie erlebt", pustet Wahlvorstand Gerrit Hoppe heraus. Und er muss es wissen: Schon seit zwölf Jahren hilft er bei sämtlichen Wahlen, manche seiner Kollegen sogar noch länger. Die Helfer sind dabei in zwei Schichten eingeteilt: Eine vormittags von acht bis dreizehn Uhr und eine anschließend bis achtzehn Uhr. Dann treffen sich wieder alle Helfer, um gemeinsam Stimmen auszuzählen. Ein langer Tag also für die Helfer - und das auch noch am eigentlich meist freien Sonntag. Doch für Gerrit Hoppe, der selbst als Kandidat auf der Gemeinderats- und Kreistagsliste der Freien Wähler steht, gehört das dazu: "Es ist ein ehrenamtlicher Einsatz für die Demokratie." Wichtig sei für ihn auch, dass alles fair abläuft.

10.35 Uhr: "Pff-pff", neben mir sprüht sich Wahlhelfer Bernd Heinlein gerade wieder Desinfektionsmittel auf die Hände. Mittlerweile kamen etliche Lonnerstadter ins Wahllokal - ob von ihnen jemand das Coronavirus hat? Den Helfern jedenfalls bleibt nichts anderes übrig, als auf Abstand zu gehen und auf Hygiene zu achten. Wegen der Epidemie sagten einige Helfer sogar ab. "Es ist gar nicht so einfach, Wahlhelfer zu finden", erklärt Hoppe. Für den aufgeopferten Sonntag bekommen sie 45 Euro - immerhin, besser als nichts.

12.25 Uhr: 136 weiße, grüne, blaue und gelbe Zettel habe ich bereits ausgehändigt. Es riecht nach einer erstaunlich hohen Wahlbeteiligung. Und so entsteht unter den Helfern schnell Ehrgeiz, noch mehr Wähler zu bekommen.

13 Uhr: Für mich heißt es jetzt aber erstmal: Mittagspause!

17.50 Uhr: Die eigentlich anstrengende Arbeit steht mir erst jetzt bevor: das Auszählen. Zunächst der Bürgermeister, dann die Stimmen für den Landrat, bevor die Gemeinderats- und Kreistagslisten drankommen. Im Wahllokal werden die Schultische zusammengeschoben, die Kabinen abgebaut und die Urnen ausgeleert. Noch schnell die Latexhandschuhe übergestreift und dann kann's losgehen. Jetzt wird's richtig spannend.

18.45 Uhr: Das ging schnell. Die Bürgermeister- und Landratswahl ist ausgezählt, jetzt kommt der Gemeinderat. Und da werden die Zettel schon größer. Jeder Kandidat hat einen eigenen Barcode. Zusätzlich versehen wir jeden Stimmzettel mit einem weiteren Strichcode, der anschließend per Hand eingescannt wird. Jedes einzelne Kreuz muss abgescannt werden, damit der Computer dann das Ergebnis hat. Insgesamt 245 Zettel müssen meine Kollegen und ich bearbeiten.

21.45 Uhr: Ein bisschen ist es hier wieder wie an der Supermarktkasse. Nach jedem eingescannten Kreuz ertönt ein lautes "Piep" aus dem Gerät. Und nun merke ich auch: Eine Wahl ohne die freiwilligen Helfer, das würde gar nicht funktionieren. Kabinen auf- und anschließend wieder abbauen, Zettel ausgeben, Bürger abhaken, und vor allem: Stimmen auszählen. Die Ehrenamtlichen opfern ihre Freizeit, um die Wahl zu ermöglichen, um die Demokratie zu würdigen. Das verdient Respekt. Noch mehr, da sie sich der Corona-Gefahr aussetzen.

22.25 Uhr: Endlich bin ich wieder daheim angekommen. Doch viel Zeit zum Verschnaufen habe ich nicht, morgen früh geht's weiter. Die Kreistagslisten müssen ausgezählt werden ...