Michael Memmel

Wunder müssen nicht groß sein, manchmal kommen sie ganz bescheiden daher, wie diese Geschichte zeigt. Erzählen lässt sie sich aus drei Perspektiven.
Zunächst aus der Sicht der Bamberger Studentin Julia. Sie absolviert ein Praktikum in der Schön-Klinik in Bad Staffelstein, schreibt darüber innerhalb von drei Monaten eine Studienarbeit mit über 20 Seiten, tritt dazu noch zum Kolloquium an und erhält ihre Gesamtnote. Eigentlich ist damit alles für sie erledigt - bis ein paar Tage später Axel bei ihr anruft. Er hat ihre korrigierte Arbeit gefunden.
Nun also zu Axel. Der ist am Ende eines langen Winters genervt von seinem salzverkrusteten Auto. Also fährt er am Samstag zur Waschanlage und will dort noch ein paar Papiertücher und leere Gummibärchen-Tütchen im Abfalleimer entsorgen - da stutzt er: Was liegt denn zwischen dem Müll für eine Broschüre? Gebunden und mit einer Klarsichtfolie. Er überwindet sich und fischt sie heraus. Es ist eine wissenschaftliche Arbeit mit Eingangsstempel eines Instituts in Bamberg. Vorne drauf stehen Name, Telefon, Adresse und E-Mail - von Julia.
Fehlt noch Reinhard (Name erfunden), der Erstprüfer: Er korrigiert Julias Arbeit gewissenhaft - was sicher einige Zeit in Anspruch nimmt. Danach legt er den Aufsatz in sein Auto, fährt zur Waschanlage und genehmigt seinem Wagen eine gründliche Innenreinigung. Die Arbeit wird in Sicherheit gebracht, doch findet sie hernach nicht mehr den Rückweg aufs Autopolster und bleibt zurück. Später vermisst Reinhard die Arbeit und sucht sie zunehmend verzweifelt. Er staunt nicht schlecht, als sie am Ende bei Julia wieder auftaucht.
Am Ende gibt es nur Gewinner - Axel, der einen netten Finderlohn und viel Dankbarkeit von Julia erhält. Reinhard, der nicht ein zweites Mal prüfen muss. Und Julia, die mit der Gesamtnote von 1,3 für ihre Arbeit belohnt wird. Und am Ende werden Axel und Julia ein Paar, heiraten und gründen eine Familie? Nicht jede Geschichte braucht ein solches romantisches Happy-End. Eine unverhofft wiederentdeckte Studienarbeit ist doch auch schon ganz wunderbar.