Sigismund von Dobschütz

Ungemein ehrlich wie ein Erlebnisbericht, beklemmend, ergreifend wie ein Tagebuch liest sich der Roman "Das Leuchten der Erinnerung" des amerikanischen Schriftstellers Michael Zadoorian, der bereits 2009 in den USA veröffentlicht wurde.
Erst jetzt im Dezember erschien die deutsche Übersetzung von Elfriede Peschel rechtzeitig zum gleichnamigen Film mit Helen Mirren und Donald Sutherland. "The Leisure Seeker", so der Originaltitel, war 2009 erst der zweite Roman Zadoorians.
"Leisure Seeker" ist die Marke ihres Oldtimer-Wohnmobils, mit dem sich die Eheleute Ella und John Robina auf ihre letzte Reise machen - eine Fahrt entlang der verfallenen Route 66 von Chicago nach Santa Monica. Ella ist unheilbar krank, Ehemann John leidet an Demenz. Gegen den Willen der Ärzte und ihrer zwei Kinder gehen beide auf Reisen. Auf den Campingplätzen verschafft ihnen der mitgebrachte Dia-Projektor in der Nacht das "Leuchten der Erinnerung", wenn die beiden Alten sich ihre "Greatest Hits der Robinas" aus längst vergangener Zeit anschauen - einer Zeit, in der sie als junge Eltern mit kleinen Kindern noch gemeinsam unterwegs waren.
Die Reise ist zugleich ein Abschied vom Leben. Denn Ella, die uns Lesern ihren ehrlichen und schonungslosen Bericht widmet, ist sich ihrer kurzen noch verbleibenden Lebenszeit bewusst. Sie startet in die Reise, wie sie erzählt, "mit mehr Gesundheitsproblemen als ein Dritte-Welt-Land". Doch gerade deshalb wagt die Todgeweihte trotzig diese Fahrt im vertrauten Wohnmobil: "Wir haben nichts zu verlieren." Ärzte retten gern Menschen, sagt sie sich, "aber wenn es um jemanden geht, der 80 Jahre alt ist, was gibt es da noch zu retten?"
Quälender ist das Gefühl der Entmündigung durch ihre erwachsenen Kinder: Als diese von der Abreise der Eltern erfahren, sind sie zunächst fassungslos, dann erbost, wollen die Eltern sofort zurückholen und nehmen Kontakt zur Bundespolizei auf. Aber Ella verwehrt sich dagegen: "Alt zu sein, verstößt nicht gegen das Gesetz - jedenfalls noch nicht."
Auf der Reise bestimmt Ella, wo es lang geht, wo Pause gemacht wird, wo übernachtet wird. Ehemann John mit "gültiger Fahrerlaubnis" lebt am Lenkrad auf. Während wir Leser Ellas Gefühle in jeder Stunde miterleben, bleiben wir bei John nur Beobachter. Was der Demenzkranke denkt, ob er überhaupt etwas denkt, erfahren wir nicht. Nur manchmal erfahren wir Gesprächen, dass er sich an Einzelheiten aus frühen Ehejahren erinnert. Doch manchmal weiß er nicht einmal mehr den Namen seiner Frau, mit der er seit 60 Jahren verheiratet ist.
"Das Leuchten der Erinnerung" ist keiner der zur Zeit geläufigen, netten Romane über lebensfrohe Senioren mit Hinweis auf ein selbstbestimmtes Leben alter Menschen. Denn Ella und John erleben wirklich nicht nur schöne Tage. So manches Mal hätten sie Hilfe nötig. Oft zweifelt Ella sogar, ob sie Santa Monica überhaupt erreichen. Doch gerade diese weniger schönen Erlebnisse, die Autor Michael Zadoorian seine Ella schlagfertig und meist mit trockenem Humor beschreiben lässt, sind die wirklich lesenswerten Passagen dieses insgesamt recht ungewöhnlichen, deshalb einzigartigen Romans.