Er ist der Herzog, den die Coburger gerne vergessen: Carl Eduard, geboren 1884 in Claremont (England), gestorben 1954 in Coburg, blind, von schwerer Krankheit gezeichnet. Schon früh hatte der ehemalige Herzog für die Nazis Partei ergriffen, wenn er selbst auch erst 1933 der Partei beitrat. All das hielt sein jüngster Sohn, Prinz Friedrich Josias, in seiner Biografie über seinen Vater fest, die er 1984 fertigstellte.
Friedrich Josias war nach dem Zweiten Weltkrieg nur noch zu Besuchen in Coburg gewesen, hatte erst in Schweden, dann in Südamerika gelebt. Aber er hatte die Aufzeichnungen seines Vaters durchgesehen, übertragen und durch eigene Erinnerungen ergänzt. Fast 600 Seiten umfasste das Typoskript, das der Lektor Johann-Christoph Tiedeke im Auftrag von Andreas Prinz von Sachsen-Coburg und Gotha überarbeitete, leicht kürzte und sprachlich anpasste. Er ergänzt die Schilderungen auch durch Darstellungen aus anderen Büchern, zum einen aus den Lebenserinnerungen von Andreas' Mutter Viktoria Luise und aus dem Buch des Historikers Hubertus Büschel (Hitlers adeliger Diplomat).
Unter dem Titel "The Duke" ist das Buch nun erschienen, herausgegeben von Andreas Prinz von Sachsen-Coburg und Gotha, dem Enkel des letzten regierenden Herzogs. Prinz Andreas selbst hat aus Familienalben die Fotos herausgesucht, die das Buch bereichern, und es mit dem Text von Friedrich Josias zu einem Zeitdokument gemacht.


Früh die Nazis unterstützt

Dass der Enkel, Prinz Andreas, seinen Großvater kritisch sieht, hat er wiederholt kundgetan. Aber eben deshalb ist es ihm wichtig, zu zeigen, wie Carl Eduard, ein gebildeter, kultivierter, wenn auch wenig entschlusskräftiger und eher sanftmütiger Mensch, die Nationalsozialisten und ihre Politik unterstützen konnte. War er naiv oder verdrängte er, was er hätte wissen müssen? Wenn es nach seinem Sohn geht, dann Letzteres. Er schildert, wie sein Vater nach den Pogromen 1938 stapelweise Telegramme jüdischer Bürger mit Hilfegesuchen erhielt. Hilflos habe Carl Eduard auf den Papierstapel geschaut. Friedrich Josias will ihm geraten haben, sich auf der Stelle zu Hitler zu begeben "und diesem seine Stelle als Präsident des Roten Kreuzes vor die Füße zu werfen".


Werben in England

Aber das tat Carl Eduard nicht, sondern spielte weiterhin die Rolle, die ihm Hitler zugedacht hatte: Vor allem im Ausland sollte der weltläufige ehemalige Herzog, Enkel der Queen Viktoria und mit nahezu allen Königshäusern verwandt, Propaganda fürs NS-Regime machen. Carl Eduard glaubte vermutlich tatsächlich, dass Hitler ein Bündnis mit Großbritannien suchte. Zumindest berichtete er dem Führer selbst von entsprechenden Gesprächen mit maßgeblichen Personen, als König Georg V. gestorben war. Mit Edward VIII. gelangte zunächst auch ein Hitler-Sympathisant auf den Thron, der aber nach kurzer Zeit abdankte, weil er die geschiedene Amerikanerin Wallis Simpson heiraten wollte.


Vorfühlen beim US-Präsidenten?

Ab 1939 befand sich Deutschland im Krieg, auch gegen England. Trotzdem reiste Carl Eduard in seiner Funktion als Präsident des Deutschen Roten Kreuzes durch die Welt. 1940 traf er in den USA den Präsidenten Franklin D. Roosevelt. Friedrich Josias schildert das wie folgt: "Später erzählte er mir, was der Hauptgrund seines Besuches bei Roosevelt gewesen war: Er hatte den Auftrag, den Präsidenten zu fragen, wie die USA darauf reagieren würden, wenn Deutschland bei einem Angriff auf Frankreich die Neutralität Hollands verletzen würde. Der Präsident habe darauf geantwortet: ,Just go ahead!‘ - ,Na, dann mal los!‘"
Dies ist die Stelle, die Prinz Andreas meint, wenn er sagt, das Buch enthalte Sprengstoff: Wenn sich das so zugetragen hat wie geschildert, hätte Roosevelt über Carl Eduard Hitler das Signal gegeben, dass er den Deutschen freie Hand lassen würde bei ihrem weiteren Eroberungskrieg. Sein Vater, betont Friedrich Josias, sei glaubwürdig. "Warum sollte er mir in einem für ihn so wichtigen Fall nicht die Wahrheit erzählen?"


Nichts gelernt

War es wirklich so, dass Carl Eduard mehr wusste, als er anderen je mitteilte? Dass Hitler in den letzten Kriegstagen befahl, Carl Eduard dürfe nicht in die Hände des Feindes fallen, führte schon Büschel zu der Vermutung, Carl Eduard habe mehr gewusst, als die vorliegenden Quellen vermuten lassen.
Friedrich Josias vertieft das aber nicht weiter. Sein Text schwankt zwischen Anklage und Entschuldigung für seinen Vater, und gegen Ende nimmt seine eigene Geschichte großen Raum ein. Er war zum zukünftigen Chef des Hauses Sachsen-Coburg und Gotha avanciert, nachdem sein ältester Bruder Leopold 1932 wegen seiner Heirat mit einer niederadligen und geschiedenen Frau auf alle Ansprüche verzichtet hatte und der Zweitgeborene, Hubertus, 1943 im Zweiten Weltkrieg gefallen war.


Lehren für heute

1984, zum 100. Geburtstag seines Vaters, hatte Prinz Friedrich Josias das Manuskript fertig. Aber veröffentlichen wollte er es noch nicht. 1998 starb er selbst. Nun, 20 Jahre später, hat sein Sohn Prinz Andreas das Buch zusammengestellt. 2018 wäre Prinz Friedrich Josias 100 Jahre alt geworden. Text und Fotos ergeben auch Jahre später eine authentische Quelle, die zeigt, wie ein Sohn seinen Vater sah. Wie sicher diese Quelle ist, müssen Historiker entscheiden.
Er wolle mit dem Buch auch die Parallelen zur heutigen Zeit zeigen, sagt Prinz Andreas. Dass die Nazis Zulauf fanden, sei kein Zufall gewesen. "Damals waren die Leute nach dem Ersten Weltkrieg höchst verunsichert. Das ist auch heute wieder so. Und wie damals kommen die Leute, die die scheinbar einfachen Lösungen anbieten. Das ist gefährlich!"