Horst Seehofer und Donald Trump saßen nicht im Publikum. Das war ihr Glück, sonst würden den "Großkopferten" noch Tage nach dem kabarettistischen Jahresrückblick mit Helga Siebert im "Stadtcafé" die Ohren klingen. Auch diesmal nahm die norddeutsche Plaudertausche mit Herz bei ihrem Auftritt zur Freude ihrer Fans kein Blatt vor dem Mund.
Proppenvoll war das "Stadtcafé", als Siebert loslegte, wie ihr der norddeutsche Schnabel gewachsen ist. Den Herren und Damen aus der großen Politik las sie in ihrem rund zweistündigen Resümee gehörig die Leviten. "Ob Lindner, Gabriel oder Thomas, die Misere - alles nur Geschnatter. Wenn's eng wird, machen sie sich vom Acker."
Mit rauchiger Stimme mutierte die Kabarettistin zu Bonnie Tyler und krächzte ins Mikro: "Ich krieg Kopfweh, wenn ich die SPD seh' ..." Auch die ihrer Auffassung nach völlig übertriebenen Dimensionen des G-20-Gipfels in "ihrem" Hamburg nahm Siebert auf die Schippe mit einer musikalischen "Ode an die Öde". "Hello? Are you völlig von der Rolle", mussten sich auch die Engländer, Stichwort Brexit, kabarettistisch verpackte Schelte gefallen lassen.


Berühmtester Twitter-Fan

Und dann ist danoch das US-amerikanische "Trumpeltier", dem sich die Unterhaltungskünstlerin ausgiebig widmete. Mit amerikanischer Fahne winkend schlüpfte Siebert in die Rolle des wohl berühmtesten und zugleich umstrittensten Twitter-Fans des Erdballs mit den Worten: "Es gibt keinen Klimawandel. Sie können das Ozonloch nicht sehen. Und was man nicht sieht, gibt es nicht. Parisabkommen brauchen wir auch keines, uns reichen die Pariser." Die unübersehbare Erkenntnis, dass Trump die Reformen seines Vorgängers einen feuchten Kehricht kümmern, verpackte Siebert vergnüglich in Reimform: "Obamacare? Hier kehrt nur einer - und das gründlich! Ich hab tolle Ideen, und solche stündlich."
Nicht langweilig werde es auch Wolfgang Schäuble als neuem Bundestagspräsidenten, vermutet sie: "Der ist als solcher ja jetzt für das Anstandsgebimmel im Bundestag zuständig. Mit der AfD im Parlament - ich denke, da wird er ordentlich bimmeln müssen."
Auch Unpolitisches gerät in die Schlinge von Sieberts Lasso. Tränen lachte das Publikum beispielsweise, als sie im Wechsel Karel Gott und Bushido parodierte, die bekanntlich gemeinsam mit dem Song "Für immer jung" aufgetreten waren. Nicht fehlen durften als zusätzliches "Salz in der Suppe" die immer wieder eingestreuten Kommentare von Helga Sieberts sie bei ihren Auftritten quasi imaginär begleitenden Nachbarin "Hertha" im Hamburger Dialekt. Als es gerade um eine Studie ging, wonach der Aufenthalt in der Natur den Kopf freimacht, wunderte diese sich: "Und warum gehen dann gerade die Grünen nicht mit gutem Beispiel voran. Wann waren denn der Özdemir und die Claudia Roth zuletzt im Wald, um einen Baum zu umarmen?"


Seit 15 Jahren am Obermain

Seit mittlerweile zwei Jahrzehnten treibt sie nun bundesweit ihr "Unwesen" mit kabarettistisches Jahresrückblicken, seit rund 15 Jahren tritt sie am Obermain auf. "Mittlerweile ein wenig reif, das Becken schon ein wenig steif", kokettiert die im Herzen aber offenbar ewig 25 bleibende Norddeutsche souverän mit ihrem zunehmenden Alter. "Aber ich mache weiter, solange ich den Applaus hören kann", versprach sie.
Und der war nach zwei unterhaltsamen Stunden nicht zu überhören. Einige Touristen aus Erlangen hatten übrigens ihren Urlaub so gelegt, dass sie die Kabarettistin live erlebten konnten - und wollen dies bei deren nächsten Auftritt in der Adam-Riese-Stadt in gut einem halben Jahr am 18. Oktober wieder so handhaben.