Die Corona-Krise und die erneuten massiven Beschränkungen des öffentlichen Lebens seit Anfang November sind auch für den Kopf eine Belastung. Im Vergleich zur Situation im Frühjahr kommt hinzu, dass die ernste Lage dieses Mal in die dunkle Jahreszeit fällt. Umso mehr gilt es, achtsam mit sich selbst und seinen Freunden und Verwandten zu sein und mögliche Anzeichen psychischer Probleme ernstzunehmen. Fachleute sind jedenfalls alarmiert.

"Die zweite Welle der Corona-Pandemie führt für alle Menschen zu einer langen und schwierigen Zeit der Anpassung", erwartet der Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer, Dietrich Munz. "Sie wird erneut zu mehr psychischen Krisen und depressiven Erkrankungen und Angststörungen führen."

Nach seiner Ansicht könnten die Menschen anders als im Frühjahr nicht einen schnellen Rückgang der zweiten Ansteckungswelle erwarten. Das mache es schwieriger, psychisch gesund durch die Wintermonate zu kommen.

"Erneut mit den Beschränkungen und den Bedrohungen konfrontiert zu werden, in einer dunklen Jahreszeit: Diese Kombination ist eine hohe Belastung", hatte auch die Autorin und Psychotherapeutin Mirriam Prieß kürzlich betont.

Belastungssymptome beachten

Die Bedrohung durch Corona führe dazu, dass sich viele Menschen zurückziehen und irgendwie durchzuhalten versuchen, führt Munz aus. Das sei bei psychischen Beschwerden jedoch nicht ratsam. Er rät: Jeder der sich psychisch mehr als zwei Wochen lang anders als normal fühlt, sollte nicht zögern, sich in der Sprechstunde einer psychotherapeutischen Praxis beraten zu lassen.

Dass die eigene Belastungsgrenze überschritten ist, kann sich an unterschiedlichen Belastungssymptomen zeigen. Dazu zählen unter anderem sozialer Rückzug, innere Unruhe, Angst, Anspannung, Erschöpfung und Resignation, aber auch körperliche Beschwerden wie Magenprobleme, Kreislaufschwäche, Tinnitus oder Allergieschübe.

Auch die Psychologin und Autorin Pia Lamberty rät zu Achtsamkeit. "Informiere dich über psychologische Unterstützungsmöglichkeiten. Für dich, aber auch für andere. Achte auf dich und dein Umfeld", schreibt sie auf dem Kurznachrichtendienst Twitter. Die Zeit sei nicht leicht, das könne Auswirkungen haben. Ihr Appell: Nimm das Ernst.

Natur und Pandemietagebuch

Lamberty hat auch eine Reihe von Tipps aufgeschrieben, die dabei helfen sollen, damit es einem besser geht. Einer lautet, Zeit in der Natur zu verbringen. Das klinge banal, helfe allerdings dem eigenen Wohlbefinden. "Und das geht auch gerade noch während der Pandemie."

Daheim sollte man es sich möglichst gemütlich machen, rät sie außerdem. "Der Winter ist dunkel. Das kann noch mal anstrengender werden, wenn man viel zu Hause ist." Sie schreibt: "Nutze Licht, wo es geht."

Aus ihrer Sicht lohnt es, ein Pandemietagebuch zu führen. "Was jetzt noch Lebensrealität ist, ist in zehn Jahren vielleicht vergessen", begründet sie. Aufschreiben helfe und man könne seinen Kindern später berichten, wie es war in der Pandemie.

Für ein positives Gefühl können auch Pläne für die Zeit nach Corona sorgen. "Auch wenn die Pandemie uns noch länger begleiten wird, wird sich das Leben (hoffentlich) irgendwann normalisieren", schreibt Lamberty und rät: "Mach eine Liste mit all den Dingen, die du tun möchtest, wenn wir die Pandemie hinter uns haben."

In sich hineinhören

Aus Sicht von Miiriam Prieß ist es zentral, die Beziehung zu sich selbst zu stärken. Und man sollte sich, betont sie, jeden Tag etwas Zeit nehmen, in der man zur Ruhe kommt und sich fragt, ob man in dieser angespannten Situation genug auf seine Kosten kommt. Es helfe, sich zu fragen, was man machen könnte, um sich zu entlasten und sich selbst etwas Gutes zu tun.

Gerade angesichts der wieder strengeren Corona-Beschränkungen sollte man sich um seine sozialen Kontakte aktiv kümmern - ob virtuell oder durch Telefonate.

Prieß rät dazu: "Gerade dort, wo die üblichen Treffpunkte und Aktivitäten nicht mehr gegeben sind, sollte man ganz gezielt im Rahmen der Möglichkeiten Beziehungen pflegen." dpa