JOsef Hofbauer

Zwei Drittel der Hausärzte im Landkreis Forchheim sind bereits über 62. So gesehen ist Reinhard Niebler (43), Inhaber der Hausarztpraxis in Kunreuth, kein typischer Allgemeinmediziner. Von ihm holte sich Universitätsprofessor Andrew Ullmann (FDP), Obmann im Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestages, Informationen aus der Praxis. "Was können wir tun, um die Strukturen für Landärzte zu verbessern", lautete Ullmanns zentrale Frage.
Um junge Ärzte dazu zu bewegen, sich im Landkreis Forchheim oder der landschaftlich reizvollen Umgebung der Fränkischen Schweiz anzusiedeln, habe der Landkreis Forchheim einen Weiterbildungsverbund gegründet. Ihm gehörten die beiden Kliniken in Forchheim und Ebermannstadt, sowie 16 niedergelassene Hausärzte an. Auch Niebler beschäftigt eine junge Kollegin, die sich in der Ausbildung zur Fachärztin für Allgemeinmedizin befindet.


Kümmerer der Patienten

Niebler verwies auch auf die zentrale Funktion der niedergelassenen Ärzte als "Leitstelle", bei der alle Informationen rund um den Patienten zusammenlaufen. Ein Hausarzt sei der "Kümmerer der Patienten". Das spare teure Mehrfachuntersuchungen bei Fachärzten. Gerade bei Patienten mit unterschiedlichen Krankheitsbildern habe der Hausarzt den Überblick über Art und Umfang der Medikation. "Mehr als fünf Medikamente nehmen die Patienten meist nicht", berichtete Niebler. Da gelte es für den behandelnden Arzt abzuwägen und Prioritäten zu setzen. "Eine Überdiagnostik bringt gar nichts", so Niebler. Auch gelte es, dem Patienten die Notwendigkeit der Medikation einsichtig zu machen.
In diesem Zusammenhang plädierte der Kunreuther Hausarzt, der seiner Bezeichnung durch regelmäßige Hausbesuche noch alle Ehre macht, dafür, der "Zuwendungsmedizin" stärkere Bedeutung einzuräumen. Die Honorierung orientiere sich viel zu sehr an der Apparatemedizin, kritisierte Niebler. Gerade im ländlichen Raum sei das Gespräch mit den (zunehmend älter werdenden) Patienten von existenzieller Bedeutung. Da sei es kontraproduktiv, dass der Hausbesuch unabhängig vom Aufwand nur mit einem Fixbetrag honoriert werde. Die Besuchszeiten wurden von der Kassenärztlichen Vereinigung "automatisiert". "Das ist nicht gerecht", urteilte Professor Ullmann. Das Prinzip ambulante Versorgung von Patienten vor stationärer Aufnahme, müsse wieder mehr Wertschätzung erfahren. "Die Kommunikation mit dem Arzt ist etwas sehr Wertvolles", unterstrich Andrew Ullmann.


Zu großer Aufwand

Kritik äußerte Niebler auch am Thema Gesundheitstelematik. Nach dem Willen der Großen Koalition sollen bis Ende des Jahres alle niedergelassenen Ärzte die Software für die Gesundheitskarte installieren lassen. "Ein Aufwand, der in keinem Verhältnis zum Ergebnis steht", so der gebürtige Poxdorfer Reinhard Niebler.
Sinnvoll sei es, so der Mediziner, auf der Karte die Haupterkrankungen, die Medikation oder die Allergien des jeweiligen Patienten in Form eines Codes zu speichern. Durch entsprechende Software könnten diese Daten ausschließlich vom Notarzt, in Kliniken, vom Hausarzt oder Fachärzten ausgelesen werden. "Wir entwickeln uns hier zurück zur Kleinstaaterei", kritisierte Professor Ullman Insellösungen einzelner Krankenkassen. Anzustreben sei eine bundesweit einheitliche Lösung. Die sei nicht nur effektiver, sondern auch kostengünstiger.


Ausufernde "Notfälle"

Apropos Kosten. Hier kritisierten die Mediziner die ausufernden Notfall-Sprechstunden. "Wir haben im Landkreis Forchheim derzeit bereits mehr Notfall-Sprechstunden als reguläre Praxis-Öffnungszeiten," betonte Niebler. Das belaste nicht nur den Etat der Ärzte, die das Notfall-System mitfinanzieren müssten, sondern gehe auch direkt zu Lasten einzelner Mediziner. "Ich müsste am langen Donnerstag meine eigene Praxis zusperren, um in der Bereitschaftspraxis in Forchheim meinen Dienst antreten zu können", schilderte der Kunreuther Arzt. Einig waren sich die Mediziner, dass so viele Patienten wie möglich vom Notdienst fern gehalten werden müssten. Ein Run auf die Notfall-Versorgung verstopfe das System und verursache unnötige Kosten.
Ein weiteres Ärgernis seien die langen Anfahrtswege von bis zu 80 Kilometern. Ein Versorgungsgebiet von Ebrach bis Gräfenberg sei einfach unsinnig. Professor Ullmann pflichtete bei: "Ein Notdienst rund um die Uhr und die anschließende Präsenz in der Praxis würde bedeuten, dass ein Arzt 36 Stunden am Stück auf den Beinen ist." Das gehe zu Lasten der Patienten und sei nicht mehr zeitgemäß, so Ullmann.
Trotz aller Probleme bekräftigte Reinhard Niebler: "Ich lebe gerne hier und bin gerne Landarzt." Der Obmann im Gesundheitsausschuss des Bundestages bescheinigte ihm, dass er mit seiner Praxis nicht nur die medizinische Versorgung der Bevölkerung sichere, sondern auch zu einer Belebung des Ortskerns von Kunreuth beigetragen habe.