Bastian Sünkel Eigentlich ging es mir ja nur um diese rote Telefonzelle. Wahrscheinlich die schönste Mülltonnenunterstelltelefonzelle des Landkreises. Kuppeldach, knallrot, "Telephone", typisch Britisch. Ich gehe zur Haustür, ziehe an der Klingelschnur, um nach der Geschichte der Zelle mit der Restmülltonne zu fragen. Was dann passiert, wäre mir ohne einen genauen Blick an den Wegesrand wohl niemals widerfahren.

Wanderer sind dafür bekannt, dass sie sich im Vergleich zu Joggern, Rennrad- und Motocrossfahrern extrem langsam fortbewegen. Mein Handy zeigt mir regelmäßig eine Durchschnittsgeschwindigkeit von etwa fünf Stundenkilometern an. Menschliches Schneckentempo. Dafür hat der Wanderer Zeit, genau hinzusehen, das unwegsamste Gelände zu passieren und dabei etwas zu entdecken, was anderen verborgen bleibt. Was liegt eigentlich zwischen Kronach und Ludwigsstadt oder - um die Süd-Nord-Ausdehnung beim Namen zu nennen - Weides und Springelhof? Was passiert auf den Dörfern und Gehöften, über die nicht regelmäßig oder gar nicht berichtet wird? Die der Wanderer absichtlich besuchen muss, weil keine Verbindungsstraße hindurchführt, in Einzelfällen nicht einmal eine Straße, sondern ein Weg. Immerhin setzt sich der Landkreis aus 349 amtlich eingetragenen Orten zusammen.

In diesem Sommer zieht die FT-Redaktion die Wanderschuhe an, um die 40 Kilometer nach Norden auf den Pfaden zurück zu legen, die seltener befahren und betreten werden als andere. Immer auf der Suche nach den Geschichten am Wegesrand.

Der Start ist Zufall. Also beinahe. Ich erinnere mich an die schöne Brücke über den Teufelsgraben in Hummenberg, Gemeinde Küps, das an den Lichtenfelser Landkreis aneckt. Am Morgen des bisher heißesten Tages des Jahres gießt eine Frau die Blumen, aus dem Fenster ruft eine andere "Guten Morgen!" und ein halb abgerissenes Plakat am Stromkasten bewirbt schnelles Internet.

An der Kapelle kreuzen sich zum ersten Mal die Wege des Wanderers mit einer Unbekannten. Die ältere Frau verlässt langsam den Friedhof, erwidert den Gruß und erzählt, dass sie ja eigentlich aus Küps sei, aber jetzt im Seniorenwohnheim in Oberlangenstadt lebe. Dort sei sie ihrem verstorbenen Mann näher, der eben auf jenen Friedhof liegt, den sie als erstes am Tag besucht. Auch wenn das Gespräch kurz war, wird sie lange in Erinnerung bleiben. Sie war ja schließlich die erste Begegnung auf einer langen Tour nordwärts.

Sonst ist wenig los auf den Straßen und Feldwegen zwischen Hummenberg und Mitwitz. Es ist Werktag. Es sind Sommerferien. Die Sonne blecht vom Himmel. Es scheint, als saugen die dunklen gotischen Gemäuer des Schlosses in Oberlangenstadt ein bisschen Hitze auf. In Nagel steht ein Mann am Golfabschlag. Vorsicht, Wanderer, warnen zwei Schilder. Ertönt der Ruf "Fore", nimm die Hände über den Kopf und geh in Deckung. Der größte Feind des Wanderers ist der Golfball - oder der unangeleinte Hund? In Beikheim, Gemeinde Schneckenlohe, verlässt ein Mann mit angeleinten Hund das Grundstück neben dem Dorfbrunnen. Ich frage ihn, ob er Beikheimer sei. Er sagt: "Nein, Franzose" - in fränkischen Zungenschlag. Ich schaue skeptisch. Er sagt, er sei ernsthaft nur zu Besuch hier. Wenigstens war der Hund angeleint.

Im Gehöft Rotberg werde ich von einem ohne Leine begrüßt, der recht lieb bellt und mich entlang der Häuserfront begleitet, bis ich auf einem Trampelpfad im Wald Richtung Häusles verschwinde. Rotberg. Das war mir neu. Auch auf der Karte habe ich es nicht gesehen.

Häusles ist wirklich abgelegen, so einsam auf dem Hügel. Aber dort wird Urlaub gemacht. Dort steht ein Camper und ein Schild sagt: Schaffütterung gebe es heute keine, hinter dem Schäferwirt und den Ferienwohnungen "Zur Schäferei". Dafür einen unverstellten Ausblick. Genau hier, hinter dem Schafgatter, scheint der Frankenwald zu beginnen. In Mitwitz endet die erste Etappe: ruhig, heiß, ereignislos... Wäre da nicht: die rote Telefonzelle in Nagel.

Das Rätsel um die Telefonzelle

Ich klingle. Innen ertönt der hohe Klang eines Glöckchens. Eine Frau öffnet die obere Hälfte der Tür im Fachwerkhäuschen mit dem prächtigen Rosengarten, der unter der Hitze leidet wie ich, und unter Rehverbiss, was mich nicht betrifft. Ich stelle mich vor und frage, als wäre es die alltäglichste Frage überhaupt: "Erzählen sie mir die Geschichte ihrer Telefonzelle?" Die Dame lächelt, lädt mich auf ein Glas Wasser ein und wir nehmen Platz. Sie stammt aus Küps, sagt sie, was mich verwundert, bei ihrem klaren Hochdeutsch. Sie habe als Diplomatin in Bonn, Kopenhagen und London gelebt, erzählt sie. Sobald die Verbindung zur Telefonzelle da ist - London! - so schnell ist sie wieder vergessen.

Gudrun Nimtz, so ihr Name, hat nämlich eine Lebensgeschichte zu erzählen, die mich fesselt und eine überlange Rast einlegen lässt. Unser Gespräch wandert durch die Zeit vom Möbelhaus Tröbs ihrer Eltern in Küps. Dann nach London. Als der deutsche Botschafter sie ihrem späteren Mann vorgestellt hat, dem berühmten Journalisten und Historiker Hans-Joachim Nimtz: Fräulein Tröbs aus Küps. Von der Diplomatenzeit in London, 20 Jahre, bis sie und ihr Mann 1979 nach Frankfurt gezogen sind. Er als späterer Chefredakteur der Frankfurter Neuen Presse, sie als Händlerin für antiken Schmuck und beide mit einem Ferienhaus in Nagel, das seit 40 Jahren in ihrem Besitz ist. Die Telefonzelle ist eine Erinnerung an die Londoner Jahre, die schönste Zeit ihres Lebens, sagt Gudrun Nimtz. Doch wie der Zufall so will, hat sie den roten Kasten nicht in England gefunden. Sondern in Hanau. Am Straßenrand.