Sebastian Schanz Die Sicherheit ihrer elektrischen Verbindungstechnik hat die Bamberger Firma Wieland Electric seit 1910 groß gemacht. Doch derzeit herrscht Unsicherheit im Unternehmen. Externe Berater, Druck, intransparente Pläne von Umstrukturierung und die diffuse Angst vor Entlassungen: Die rund 800 Bamberger Mitarbeiter haben harte Monate hinter sich. Mittlerweile ist wieder etwas Ruhe eingekehrt, was paradoxerweise auch Corona geschuldet ist. Und es gibt auch hoffnungsvolle Signale. Doch der Reihe nach.
Diagnose: Wasserkopfstruktur
Die Münchener Beratungsfirma Roland Berger hat Wieland Electric schon vor über einem Jahr unter die Lupe genommen und "katastrophal schlechte Strukturen" festgestellt, wie ein Insider berichtet: Während in der Bamberger Produktion mit ihren rund 400 Mitarbeitern schon in der Vergangenheit eingespart wurde, wo es nur ging, deckten die externen Analysten in der Verwaltung aufgeblähte Prozess-Strukturen und Zwischenebenen auf. Von einem "Wasserkopf" ist die Rede. Zu viele Führungsebenen für zu wenige zu Führende. "Da hat sich jeder so ein bisschen sein eigenes Königreich geschaffen", berichtet ein Kritiker.
Die Diagnose der namhaften Münchener Beraterfirma hat im Bamberger Traditionsunternehmen Schweißausbrüche verursacht, Ängste, hektische Reaktionen. Schlechte Gewinnzahlen, miese Stimmung: Die Lage war so ernst, dass die Beschäftigten im Rahmen der Erneuerung selbst zu Einschnitten bereit waren - die sie nun im nahenden Advent im Geldbeutel spüren werden.
Die zuständige Gewerkschaft bestätigt das auf Nachfrage unserer Zeitung: "Die IG Metall Bamberg hat auf Bitten der Wieland Electric GmbH im Herbst 2019 einen Ergänzungstarifvertrag abgeschlossen, in dem festgelegt wurde, dass die Beschäftigten auf Teile ihres Urlaubs- und Weihnachtsgeldes verzichten." Dies sei der Beitrag der Belegschaft zur Restrukturierung - ein Gesamtpaket in Höhe von mehreren Millionen Euro, berichtet Martin Feder, Bevollmächtigter der IG Metall Bamberg. Dafür verpflichtete sich Wieland Electric zu einer Standort- und Beschäftigungssicherung bis Ende 2022. Weitere Vertragspunkte sind eine garantierte Einstellung von mindestens acht Azubis für die Jahre 2021, 2022 und 2023 - und ein Investitionsprogramm. Gewerkschafter Feder mahnt jedoch: "Von den ursprünglichen Restrukturierungsplänen wurde bislang nur sehr wenig umgesetzt. In unserem Ergänzungstarifvertrag mit Wieland wurde weiterhin ein Investitionspaket vereinbart - auch hiervon wurde bislang nur wenig umgesetzt."
Die Forderung der IG Metall lautet daher: "Die Mitarbeiter haben ihren Beitrag geleistet. Wir erwarten nun, dass sich das Unternehmen ebenfalls an die damals getroffenen Vereinbarungen hält und entsprechende zukunftssichernde Investitionen tätigt."
Der Betriebsrat bei Wieland will sich aktuell nicht zu den Entwicklungen äußern. Dessen Vorsitzender Uwe Schuhmann bittet um Verständnis: Im Dezember stünden wegweisende Entscheidungen an, deshalb wolle man sich bis dahin nach außen hin zurückhalten.
Diese Entscheidungen wird eine neue Führungsspitze treffen müssen. Geschäftsführer Ulrich Schaarschmidt verließ Wieland Electric in Richtung Unterfranken, sitzt seit diesem Sommer in der Chefetage der Fränkische(n) Rohrwerke. Geschäftsführer bei Wieland Electric ist seit dem Sommer 2019 Dieter Gleisberg, der sich als Transformator profiliert. Neben ihm rückte im Mai 2020 Bernd Uckrow in die Unternehmens-Doppelspitze. Uckrow war bereits von 1995 bis 2005 für Wieland tätig, davon die letzten fünf Jahre als kaufmännischer Geschäftsführer, wo er sich den Ruf als kühler Rechner erarbeitet hat.
Wie geht es weiter?
Von Gleisberg und Uckrow wird nun erwartet, das Unternehmen mit insgesamt 2200 Mitarbeitern, 14 Tochtergesellschaften und Vertriebsorganisationen in über 70 Ländern fit für die Zukunft zu machen. Dabei müssen sie sich mit der mächtigen Wieland-Familie im Hintergrund abstimmen, ohne die im Haus keine wichtige Entscheidung getroffen wird.
"Alles wartet auf Dezember", sagt ein Mitarbeiter. In den vergangenen Monaten habe Uckrow Umbau-Maßnahmen auf Eis gelegt. Das lag sicher auch an der Corona-Pandemie. Zwar profitiert Wieland Electric als Weltmarktführer im Bereich der steckbaren Elektroinstallation für Gebäudetechnik von einer robusten Bauwirtschaft. Doch auch hier zögern Bauherren mit Investitionen, sind die Auswirkungen der Wirtschaftskrise noch nicht absehbar. Als einer der führenden Anbieter für Sicherheits- und Automatisierungstechnik ist der schwächelnde Maschinenbau jedoch ebenfalls ein Hauptbetätigungsfeld für das Bamberger Unternehmen. Auch Wieland Electric reagierte auf die Corona-Krise mit Kurzarbeit und Home-Office. Bisher sei man aber noch "moderat" durch die Krise gekommen, heißt es im Unternehmen. Nach diesen externen Schwierigkeiten wird die Bamberger Traditionsfirma die internen Probleme angehen müssen. Firmenkenner rechnen wegen der Investitionen 2021 mit einer Minusbilanz.
Die Geschäftsführung will zur aktuellen Lage keine öffentliche Stellungnahme abgeben. Auch sie verweist auf den Dezember: Wenn die wichtigen Entscheidungen getroffen seien, werde man dazu auch Rede und Antwort stehen.