Präparate mit den sterblichen Überresten von NS-Hinrichtungsopfern sind in der Sammlung der Erlanger Anatomie archiviert. Tim Goldmann ist Doktorand am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg ( FAU ) und hat eben jene Präparate im Rahmen seiner Forschungsarbeit am Institut für Anatomie entdeckt.

Die Erkenntnisse sind laut Pressemitteilung der Universität nun veröffentlicht. Schon lange sehe sich die FAU der Frage verpflichtet, wie ein verantwortungsvoller Umgang mit dem historisch belasteten Erbe aussehen kann.

Inventarisierung bringt es zutage

Die Entdeckung der Präparate mit sterblichen Überresten von NS-Hinrichtungsopfern in der Sammlung der FAU-Anatomie war ein Zufallsfund, erzählt Tim Goldmann: „Ich habe für meine Doktorarbeit recherchiert und bin auf Präparate gestoßen, deren Beschriftungen eindeutig auf die NS-Zeit hinweisen. Eigentlich rekonstruiere ich die historischen Kontexte der Fötensammlung der Erlanger Anatomie.“

Besonders Präparate, die aus der Justizvollzugsanstalt München-Stadelheim stammen, sind Goldmann aufgefallen: „Nachweislich gibt es hier ab Mitte der 1930er Jahre einen massiven Anstieg der Hinrichtungszahlen, insgesamt waren es bis 1945 rund tausend Menschen.“

Moralisch mehr als fragwürdig

Präparate sind schon immer wesentlicher Teil der Anatomie. Bis in die 1960er Jahre stammen die Körper von Menschen, die beispielsweise in Armenhäusern oder Gefängnissen gestorben sind. „Fast all diese Personen haben gemeinsam, dass sie – im Gegensatz zu heute – zu Lebzeiten nicht eingewilligt haben, ob sie ihre Körper nach dem Tod für Lehre und Forschung zur Verfügung stellen. Wichtig hierbei: Schon vor der NS-Zeit wurden Gewebeproben verstorbener Menschen ohne deren Einwilligung für anatomische Zwecke verwendet. Dieser Umstand ist heute moralisch mehr als fragwürdig.“

Schon während seines Medizinstudiums arbeitete Goldmann als studentische Hilfskraft bei Professor Fritz Dross. Mit der Präparatorin Lisa Stache und Professor Michael Scholz, dem Sammlungsleiter in der Anatomie, begann er 2020, die Präparate systematisch zu erfassen. Einzelne lassen sich mit konkreten Biografien verbinden, wie der von Charlotte Schulz. Mit 20 Jahren wurde sie 1940 wegen mehrfachen Diebstahls hingerichtet. Besonders brisant: In Abschiedsbriefen an ihre Mutter beschreibt sie Unterleibsschmerzen und das Ausbleiben ihrer Periode. „Möglicherweise war sie schwanger. Ob das tatsächlich so war, lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren. Ein Arztbesuch wurde ihr verwehrt“, sagt Tim Goldman.

Nachdem er mithilfe der Stadelheim-Hinrichtungsakten eindeutig zeigen konnte, dass es sich wirklich um die junge Frau handelt, hat er das Arolsen-Archiv angeschrieben, das weltweit größte Archiv über Opfer des Nationalsozialismus und deren gestohlenen Habseligkeiten. Ein Fokus ist das Projekt #lostwords. Hier suchen die Mitarbeiter Angehörige der NS-Verfolgten, die in München-Stadelheim hingerichtet wurden, um ihnen den archivierten Besitz der Hingerichteten wieder zurückzugeben, so auch von Charlotte Schulz.

Eine Frage der Würde

Tim Goldmann möchte den Angaben zufolge noch weitere Präparate konkreten Personen zuordnen: „Ich möchte dazu beitragen, blinde Flecken der Sammlung zu schließen und dafür zu sensibilisieren, dass die Präparate sterbliche Überreste von Menschen sind.“ Unterstützt werde Goldmann durch den Direktor des Anatomischen Instituts, Professor Friedrich Paulsen . Während der gesamten Zeit, in der Goldmann, Stache, Scholz und Dross die Anatomie-Sammlung inventarisierten und deren Provenienz beforschten, standen sie in Austausch mit dem Universitätsarchivar Clemens Wachter. Seit mehr als 25 Jahren beschäftigt er sich mit der Historie der FAU .

Wachter meint: „Die FAU versteht die Aufarbeitung ihrer NS-Vergangenheit, auch in den Sammlungen, als dauerhafte Aufgabe. Provenienzforschung heißt für uns, Präparate als Zeugnisse menschlicher Schicksale zu betrachten. Im Universitätsarchiv finden sich darüber hinaus amtliche Unterlagen und persönliche Quellen, die zeigen, wie Verfolgung im Hochschulalltag wirkte.“ Durch Zusammenarbeit mit Forschern und die Digitalisierung würde man diese Überlieferung zugänglich machen: „So wollen wir an der FAU historische Zusammenhänge transparent machen.“

Wie kann Umgang angemessen sein?

Die FAU sieht sich laut der Mitteilung der akademischen Erinnerungskultur verpflichtet. Aus dieser Verantwortung heraus beschäftige sich daher die Stabsstelle Sammlungen und Museen schon lange mit der Frage, wie ein angemessener Umgang mit sensiblen Objekten, sogenannten Human Remains, gestaltet werden könne.

Seit 2019 berate die Arbeitsgruppe Erinnerungskultur die Universitätsleitung bei historischen Fragestellungen. Zudem gebe es Workshops, Forschungsprojekte und Publikationen, in denen sich die FAU dem Gedenken, Erinnern und der Erforschung ihrer eigenen Geschichte widme. red

Jeweils zwischen zwei fingerlangen rechteckigen Scheibchen sind kleinste Bestandteile eines Körpers präpariert.