Die Ruhe ist Andreas Gröbner überhaupt nicht gewohnt. „Normalerweise trainiere ich sechs Tage pro Woche, oft auch zweimal täglich. Seit ein paar Tagen ist da gar nichts los. Ich freue mich schon drauf, wenn es wieder losgehen kann“, sagt der Parasportler. Insgesamt sieben Tage wird er gar nichts tun können und weilt komplett auf seiner Couch. Es geht nicht anders. Der Arzt hat es strikt angeordnet. Die Zeit vertreibt er sich derweil mit Serienbingen – oder Dokumentationen über den Jakobsweg .

Hinter dem 46-jährigen Niederndorfer liegt eine turbulente Woche: Am Samstagabend stieg im Max-Morlock-Stadion Nürnberg eines der großen Deutschland-Konzerte der Böhsen Onkelz. „Das war die Band meiner Jugend“, sagt Gröbner. Klar, dass er dabei war. „Ich war schon länger auf keinem Konzert von ihnen. Aber das in Nürnberg war brutal.“ Denn: „Ich saß auf dem gleichen Platz wie bei Spielen des 1. FC Nürnberg . Und meine besten Kumpels waren dabei. Wir haben 1997 zusammen den Schulabschluss gemacht. Das war ein richtiger Flashback“, schwärmt Gröbner.

Nach dem Konzert zur DM

Bis zum Schluss blieb er, fuhr gegen 22.45 Uhr am Stadion in Nürnberg los. Sein Ziel: Die Deutschen Freiluftmeisterschaften Para-Leichtathletik in Dresden. Dort wollte der Kugelstoßer am Sonntagvormittag antreten. Auf einem Parkplatz bei Chemnitz hat Gröbner im Auto übernachtet.

Mit dabei: Eine Luftmatratze. „Ich müsste ja eigentlich sagen: ,Wenn das mein Trainer erfahren würde‘“, schiebt er hinterher und lacht. „Aber das bin ich ja selbst.“ Um halb zwei in der Nacht war Bett- bzw. Luftmatratzenruhe angesagt. Um 6.30 Uhr war die Nacht vorbei. Weiterfahrt bis zum Stadion. Nur wenige Stunden später startete der Wettkampf.

Gemessen wurden an diesem Tag 40 Grad in Dresden. „Es war schon machbar. Kugelstoßen ist kein 5000-Meter-Lauf“, sagt Gröbner. Kurzum: Er wurde Deutscher Vizemeister – nicht zum ersten Mal. Immer wieder kommt er bei Wettbewerben auf das Treppchen. Doch diesmal steht seine Leistung unter einem ganz anderen Zeichen – und das hat nur bedingt mit dem vorabendlichen Konzertvergnügen zu tun.

Einige Wochen vor dem Wettkampf hatte Gröbner zuhause umgebaut, unter anderem Wände eingerissen und wenig später Schmerzen in der Leiste bemerkt. Lange Rede, kurzer Sinn: Gröbner hatte sich einen Leistenbruch zugezogen. Die OP war unumgänglich. Nur der Zeitpunkt etwas flexibler. „Ich habe mir gesagt: ,Das ziehe ich jetzt durch‘“, sagt Gröbner. Denn eine Deutsche Meisterschaft einfach absagen? Kam für ihn nicht infrage. Dort anzutreten ist für Gröbner nach wie vor eine große Ehre. Und: „Ich wollte unsere neue Abteilung, meinen Heimatverein repräsentieren.“

Der Arzt gab erstmal grünes Licht. Viel mehr könne nicht kaputtgehen. Also trat Gröbner an – und wurde Deutscher Vizemeister. Beim Parakugelstoßen (Gröbner tritt im Sitzen an) kommt die Kraft aus dem Rumpf. Heißt: Die gebrochene Leiste wird voll belastet. „Ich habe es zur Vorbereitung mit leichtem Training versucht und auch das Volumen reduziert. Ich war einfach vorsichtig.“

Schon bei einem Wettkampf in der Vorwoche merkte Gröbner: „Es wird keine Topleistung werden, aber zumindest blamiere ich mich nicht und kann sogar mithalten.“ Da er ohnehin nicht mit dem Titel rechnete, gönnte er sich am Vorabend auch den Konzert-Ausflug.

Nächstes Ziel: Jakobsweg

Aus Dresden fuhr er mit dem Vize-Titel nach Hause. „Die Weite war nicht so gut wie bisher, aber unter den Gegebenheiten war es schon okay“, sagt er. „ Hätte ich normal abliefern können, hätte meine Leistung vielleicht sogar für den Titel gereicht, weil auch die Konkurrenz geschwächelt hat.“

Am Donnerstag unterzog er sich dann der Operation. Alles sei gut verlaufen. Jetzt kuriert er sich erstmal aus. Nach gut einer Woche kann er wieder loslegen mit lockeren Einheiten. Muss er auch, sagt er. Denn für dieses Jahr hat Gröbner noch ein großes Ziel vor Augen: Wieder einmal ein Stück Jakobsweg gehen. „Ich werde mich mit dem Training langsam steigern müssen: Erst einmal mit dem Laufen beginnen, dann mit Rucksack. Ganz ohne Training schaffe ich den Jakobsweg nicht mehr.“

Am 9. September geht der Flieger. Dann läuft Gröbner im letzten Abschnitt auf dem Camino Francés von Leon ans Ziel nach Santiago de Compostela.