Das Bühnenbild im Theaterhof vor dem Schauspiel Erlangen ist schlicht. Sechs Tische, jeweils zehn Plätze. Freie Platzwahl. Bald hat jeder aus dem Publikum seinen Platz gefunden, die Unruhe legt sich. Doch dann passiert – nichts. Einige blicken auf die Uhr, andere tuscheln. Hat das Stück nicht längst begonnen?
Dass die Schauspieler zunächst nicht als solche zu erkennen sind, ist kein Gag. Regisseurin Lea Schmocker macht den Zweifel vom ersten Moment an erfahrbar. Der Zweifel entsteht nicht erst mit dem ersten Dialog, sondern schon beim Betreten des Theaterhofs.
Anatomische Zerlegung
Schmocker nähert sich dem Zweifel aus ganz unterschiedlichen Perspektiven – von Populismus über künstliche Intelligenz bis hin zu Religion und Verschwörungstheorien. Anatomisch genau zerlegt sie das menschliche Phänomen und untersucht es auf der Bühne. Vom Populismus bis zur Religion stellt die Inszenierung scheinbare Gewissheiten infrage. Was passiert mit Menschen, wenn sie zweifeln? Und ist Zweifel vielleicht sogar notwendig?
Bei „Im Zweifel für den Zweifel“ ist die Grenze zwischen Zuschauer und Schauspieler kaum vorhanden. Das Ensemble sitzt mit dem Publikum gemeinsam am Tisch. Dialoge passieren um einen herum. Die Bühne wechselt von Tischen zur Fläche vor das Publikum. Für das Publikum ist es kein Mitmach-, sondern ein Mitdenk-Stück.
Schnelle Wechsel
Mit großer Selbstverständlichkeit wechseln die Darsteller zwischen Talkshow, Zeitzeugenbericht und Mondreise, ohne dass ihre Figuren beliebig wirken.
Das Ensemble trägt das komplexe Thema durch eine Stunde. Im „Zweifel“ darf kein Thema unerwähnt bleiben. Selbstzweifel, Populismus, Verschwörungstheorien, Gott und die Welt.
Nicht jede Szene überzeugt gleichermaßen. Das Wahrheit-oder-Lüge-Spiel wirkt wie ein didaktischer Einschub und fällt gegenüber den übrigen, deutlich stärkeren Bildern etwas ab. Gerade deshalb tun die schnellen Orts- und Perspektivwechsel gut: Sie halten die Inszenierung in Bewegung und lassen den Abend nie statisch werden.
Einer der eindrucksvollsten Momente des Abends gehört Jochen Preuß. Erwartungsvolle Ruhe, als der einem 94-jährige Schauspieler allein die Bühnenfläche betritt.
Der Mann holt ein Foto hervor. Er als kleiner Junge bei Hitlers Deutschem Jungvolk. „Mein Vater kam 1940 zur Waffen-SS und später an die Ostfront“, erzählt der Mann. Die emotionale Geschichte handelt von Gräueltaten, von Krieg, von Zweifel.
Stille nach dem Monolog
Der Schauspieler beendet seinen Monolog mit der Botschaft: „Ohne Zweifel keine Demokratie.“ Dann Stille. Der Monolog hallt nach. Erst dann der Applaus.
Was bleibt übrig? Das Stück verweigert einfache Antworten. Denn simple Antworten auf komplexe Themen gibt es nicht. Es pflanzt Zweifel – und genau darin liegt seine Stärke.
Nach dem Schlussapplaus blieb das Publikum noch lange sitzen und sprach über das Gesehene. Wer den Theaterhof verlässt, nimmt weniger Antworten als neue Fragen mit nach Hause.