"Sankt Kümmernis, verwurstet" titelte 2014 die "Weltwoche", nachdem sich Conchita Wurst als bärtige Frau beim Eurovision-Song-Contest siegreich präsentiert und zu Toleranz aufgefordert hatte. Eine bärtige Frau erobert Europa: Das gab es schon viel früher. Ausgerechnet im katholischen Volksglauben des Mittelalters findet sich ein heute weitgehend vergessener Kult um eine Frau mit Bart: die heilige Kümmernis.

Dies führt zurück in das 14. Jahrhundert, in dem der schöpferische Legendensinn sich alter, halb verlorener Namen erinnert, um die ein Kranz von Geschichten gewoben wird und nicht selten ferne, auch fiktive Landschaftsheilige in der eigenen Heimat eingesetzt werden. Doch die höchste Verehrung galt dem Erlöser der Menschheit, der göttlichen Hilfe, Jesus Christus, dessen Leben und Wirken in immer neuen Darstellungen Ausdruck fand. Allein die Kirchen in und um Bamberg weisen eine bemerkenswerte Zahl von Darstellungen der "Göttlichen Hilfe" auf.

Das Bildmotiv der "Göttlichen Hilfe" geht auf ein im Mittelalter in Nachbildungen weit verbreitetes Kreuz von Lucca in Mittelitalien zurück, dem sogenannten "Volto Santo" (= "Heiliges Antlitz"), der als wahres Bildnis Christi von der Hand des Nicodemus galt. Um dieses alte Holzbild des bärtigen, mit umgürtetem Mantel bekleideten Gekreuzigten entfaltete sich eine Wallfahrt, die im Abendland bald so berühmt war, dass sich Lucca mit seinem Gnadenbild des "Volto Santo" zu den großen Wallfahrtsorten des Mittelalters entwickelte.

Legendenbildung

Während im Mittelalter der Zusammenhang mit dem Vorbild von Lucca noch selbstverständlich war, wurde mit dem Nachlassen des Italienhandels und dem Rückgang der Wallfahrt die Eigenart dieser Christusdarstellung nicht mehr verstanden. Man deutete die langen, reich verzierten Gewänder als Frauenkleider, das wallende Haar als Frauenhaar und die mädchenhaften Gesichtszüge des holländischen "Volto Santo" als weiblichen Typus. Nachbildungen im Laufe der Zeit haben ständig Veränderungen auf eine weibliche Gestalt hin vorgenommen und so erdichtete die volkstümliche Überlieferung zu diesen Bildern die Legende der "heiligen Kümmernis" - einer weiblichen Figur am Kreuze. Nicht offiziell von der Kirche anerkannt, wird doch ihr Festtag an verschiedenen Orten am 20. Juli begangen.

Die Geschichten, die sich um die heilige Kümmernis ranken, sind erstmals im 15. Jahrhundert in den Niederlanden verbürgt und erreichen im 17. und 18. Jahrhundert ihren Höhepunkt. Nach der zugrundeliegenden Legende war Wilgefortis (oder Hilgefortis) im frühen 2. Jahrhundert eine schöne und tugendhafte Königstochter aus Lusitanien, dem heutigen Portugal.

Spätere Versionen lassen die Geschichte in Northumbrien oder in Sizilien spielen. Ihr Vater jedenfalls wollte Wilgefortis mit einem heidnischen Prinzen vermählen - worauf sie Gott bat, sie körperlich so zu entstellen, dass die Männer von ihr abließen. Daraufhin wuchs der jungen Frau über Nacht ein Bart. Sie werde Christus gleich, heißt es in einigen Versionen. Der König war erzürnt und ließ sie zur Strafe - wie Christus - kreuzigen. Drei Tage lang, so heißt es, habe Wilgefortis noch vom Kreuz herab gepredigt und dabei viele Menschen für den christlichen Glauben gewonnen, darunter am Ende auch ihren Vater. Im Sterben liegend erbat sich die heilige Kümmernis Hilfe für alle, die wie sie leiden, und wurde in der Folge als heilige Fürsprecherin verehrt. Der büßende Vater ließ sie nun in kostbarste Kleider hüllen und ihr eine Kapelle errichten.

Starke Ausstrahlungskraft

Das zentrale Gnadenbild für Bamberg befindet sich in St. Gangolf und stand bis zur Säkularisation in der Heiliggrab-Kirche des Klosters der Dominikanerinnen. Ein bei der Restaurierung der Dominikanerkirche 2008 renoviertes Wandgemälde aus der Zeit um 1400 gehört ebenfalls in diesen Kreis. Von Bamberg aus hat der Kult um die "Göttliche Hilfe" eine starke Ausstrahlungskraft bewiesen, die weit über die Stadt ins fränkische Land hinaus wirkte und besonders die nähere Umgebung einbezog. Bildnisse der göttlichen Hilfe bewahren die Kirchen in Memmelsdorf, in Straßgiech, in der Felsenkapelle Gügel, in Kirchschletten, ebenso in den Kirchen in Seußling, Frensdorf und Unterneuses bei Burgebrach.

In der im 18. Jahrhundert unter fürstbischöflichen Einfluss auf dem Weg nach Vierzehnheiligen erneuerten Friedhofskapelle zu Unterleiterbach führt anstelle eines Göttliche-Hilf-Kruzifixes eine im Seitenaltar stehende hl. Veronika mit dem "Volto Santo" auf dem Schweißtuch auf den Ursprung der Verehrung in Lucca zurück.

Lange wurde der Ursprung des Kümmernis-Kultes aus Volto-Santo-Bildern interpretiert unter Berufung auf das bereits 1934 erschienene Standardwerk "Sankt Kümmernis und Volto Santo. Forschungen zur Volkskunde". Dies war eine Gemeinschaftsarbeit des deutsch-schweizerischen Religionshistorikers Gustav Schnürer (1860-1941) und des in Drosendorf bei Bamberg geborenen Joseph Maria Ritz (1892-1960), späterhin Direktor des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege (1950-1957) und Gründers der Bayerischen Landesstelle für Volkskunde in München (1938).

Unikat in St. Gangolf

Das Forschungsinteresse von Ritz regten zweifellos die Heiligendarstellungen seiner Bamberger Heimat mit an. Für die Bamberger Darstellungen spielt der Typus der "Göttlichen Hilfe" die zentrale Rolle und hier besonders das in der Göttlich-Hilf-Kapelle in St. Gangolf bewahrte Gnadenbild, das im 18. Jahrhundert einen Rahmen aus Draperien und Voluten erhielt. Nach Einschätzung von Gustav Schnürer nimmt es unter den spätmittelalterlichen Hilfe-, Gehilfe-, Hulpe- oder Salvatorbildern einen besonderen Stellenplatz ein: "Es ist das einzige Bild dieser Art, das auf deutschem Boden nachweisbar seit dem Mittelalter ununterbrochen als Erlöserbild verehrt wurde" (nunmehr rund 670 Jahre).

Diese Darstellung schenkte der Bamberger Patrizier und Jerusalempilger Franz Münzmeister (gest. 1356) nach einer Wallfahrt zum Hülfensberg im thüringischen Eichsfeld kurz vor seinem Tod in Kopie des dortigen Göttliche-Hilf-Bildnisses seiner Stiftung, dem Dominikanerinnenkloster zum Heiligen Grab. Das heute in der Heiliggrabkirche befindliche Bildnis (entstanden um 1929) ist ein Ersatz, nachdem das eigentliche Original nach der Aufhebung des Klosters 1806 auf Initiative der Gärtner nach St. Gangolf gelangt war.

Von weiblichen Kennzeichen ist hier wie dort, abgesehen von der Tunika, wie bei allen Darstellungen in und um Bamberg keine Spur vorhanden. Im Übrigen gilt für alle Darstellungen der Region, mit Strahlkraft des Gnadenbildes in St. Gangolf, das romanische "Hülfenskreuz" auf dem Hülfensberg im Eichsfeld aus der Mitte des 12. Jahrhunderts als Vorbild, das Christus als goldgekrönten, huldvoll blickenden König und Sieger über den Tod darstellt. Papst Innozenz VI. (1352-1362) hatte die dortige Kirche mit Ablässen ausgezeichnet, die auch für das 1352/56 gestiftete Heiliggrabkloster mit dem Bamberger Gnadenbild galten. Dem jetzigen Hülfensberger Gnadenbild fehlt allerdings die lange Tunika, doch Königskrone und Lilienbogen verbinden ihn mit dem Volto-Santo-Typus.

Analog einem Hulpe-Kult (von "helpen" = helfen) in Nutlo bei Diepholz, dem heutigen Sankt Hülfe in Niedersachsen, ist eine vom Hülfensberg ausgehende Kultentwicklung für Bamberg anzunehmen, die nur wenig mit der sonstigen Verehrung von St. Kümmernis zu tun hat. Insgesamt drang die Helfer-Verehrung aber doch wenig nach Süden (hier nur im Bamberger Raum) vor, dagegen mehr nach Norden und auch nach Westen. Bis auf das Bamberger Gebiet erlosch nach der Mitte des 16. Jahrhunderts allerdings die Helfer-Verehrung, da die St.-Kümmernis-Vorstellung überall siegreich vordrang, auch in den alten Kerngebieten des Helfers.

In der Obhut des Klosters

Die Verehrung im Bamberger Gebiet hat sich heute auch mehrenteils vom Festtermin der Kreuzauffindung (3. Mai) auf den Christkönigstag verlagert, den letzten Sonntag im Kirchenjahr. Die Einführung dieses Kirchenfestes 1925 wirkte wohl ebenfalls initiierend auf die Einbringung einiger Göttliche-Hilf-Kreuze in Kirchen des Bamberger Raumes.

Sicher auch beachtenswert ist die Rolle von Schwesternschaften in den regionalen Orden wie überhaupt die Obhut eines Klosters, deren fortdauernd sich erneuernde Gemeinschaft manchen Volksglauben abwehrte, der Göttliche-Hilf-Bildnisse als Kümmernisbilder umdeuten wollte. Im Mittelpunkt stehen daher nicht Genderfragen, sondern der Glaube und die Idee der Königsherrschaft und Wiederkunft Christi als Weltenrichter nach den Worten aus dem Matthäusevangelium (28, 18): "Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden".