In Bayern stammen laut Staatsregierung 75 Prozent des erzeugten Stroms aus erneuerbarer Energie wie Wind und vor allem Sonne. Da die Tendenz steigend ist, tun sich seit geraumer Zeit auch in Mainfranken Probleme rund um den Ökostrom auf. Hält das Stromnetz in der Region durch? Wie verlässlich können Unternehmen auf diesen grünen Strom setzen?
Antworten auf solche Fragen gab am Montag der Energiekongress Mainfranken der Industrie- und Handelskammer (IHK) Würzburg-Schweinfurt. Eine der Kernaussagen: Das Stromnetz in der Region ist sicher, doch es tut sich eine Schere auf zwischen dem Bedarf der Wirtschaft und der politischen Realität.
Bricht das Stromnetz in der Region vor lauter Öko-Energie bald zusammen? Nein, so die übereinstimmende Aussage von Fachleuten auf dem Kongress in Würzburg. Das Stromnetz in Deutschland und damit auch in Mainfranken gehöre zu den sichersten der Welt. Das hatte zuletzt auch der Würzburger Stromexperte Fabian Scheller nach dem spektakulären Stromausfall im Januar in Berlin gegenüber dieser Redaktion betont.
„Der Boom ist ungebrochen“, sagte Thomas Estermann von der Bayernwerk Netz GmbH vor den etwa 80 Gästen des Kongresses. Er meinte damit die permanent große Zahl neuer Anschlüsse von Ökostrom-Anlagen ans Netz. Allein in seinem Unternehmen erreiche das pro Tag in der Summe eine elektrische Leistung, die dem Strombedarf der Stadt Würzburg entspreche. Das bringe das Netz wiederholt an seine Grenzen.
Estermann rechnet mit einer Verdreifachung der Ökostrom-Einspeisung bis 2030 in Bayern. Um dem gerecht zu werden, habe das Bayernwerk allein im vergangenen Jahr 15 neue Umspannwerke gebaut und auf einer Länge von 177 Kilometern neue Hochspannungsleitungen verlegt.
Vor welchen Herausforderungen steht das Stromnetz in der Region? Das geschäftsführende Vorstandsmitglied Jürgen Kriegbaum vom Netzbetreiber ÜZ Mainfranken in Lülsfeld (Lkr. Schweinfurt) rechnete vor, dass mit den 3300 Balkonsolaranlagen allein im ÜZ-Gebiet vier bis fünf Orte mit Strom versorgt werden könnten. Das Problem: Diese in der Bevölkerung populär gewordenen Kleinanlagen ließen sich nicht steuern, ihre Stromzufuhr sei also von den Netzbetreibern nicht regelbar.
Das ÜZ brauche so bald wie möglich drei neue Umspannwerke, um die stets steigende Menge an eingespeistem Ökostrom abzufangen, sagte Kriegbaum auf dem Kongress weiter. Auch Geschäftsführer Thomas Kästner von den Stadtwerken Schweinfurt sieht „einen enormen“ Investitionsbedarf ins örtliche Stromnetz. Parallel zu den Einspeisungen gehe auch der Bedarf an Ökostrom nach oben – zum Beispiel zum Laden von Elektroautos oder zum Betrieb von Wärmepumpen in Wohnhäusern.
Was treibt Unternehmen beim Ökostrom um? Auf dem Energiekongress wurde deutlich, dass viele Betriebe an Verbrauch und Erzeugung von umweltfreundlichem Strom großes Interesse haben. Doch die Energiewende komme zu langsam voran. Die Behörden müssten sich zum Beispiel bei der Genehmigung von Investitionen ins Stromnetz mehr beeilen, hieß es mehrfach.
Marcus Wieser von der Spedition Geis in Bad Neustadt machte deutlich, was das im Alltag bedeutet. Die mittelfristige Umstellung der 800 Lastwagen des Unternehmens auf Elektro sei eine Rieseninvestition. Dabei sei es „eine Bremse“ für Geis, dass es viel zu wenige öffentliche Schnellladesäulen für Lastwagen gebe. Zudem sei der Strom dort mitunter zu teuer: Das Vollladen koste mitunter 600 Euro. Da sei Diesel immer noch günstiger.