„Der Altar in der Stadtpfarrkirche von Münnerstadt zählt zu den ersten großen Arbeiten, die der Künstler Tilman Riemenschneider im ausklingenden 15. Jahrhundert geschaffen hat.“ Mit dieser Feststellung unterstrich Dr. Claudia Lichte in ihrem Vortrag über das Kunstwerk dessen Bedeutung gleich zu Beginn ihres Vortrags, wie es in einem Pressebericht heißt. Bis heute würden die Bildwerke des Altars durch ihre hohe schnitzerische Qualität, ihre sorgfältige Detailbearbeitung sowie durch ihre Ausdrucksstärke beeindrucken.

Im Laufe ihrer Ausführungen erfuhren die mehr als 100 Gäste in der Pfarrkirche noch viel mehr darüber, weshalb der Altar etwas Besonderes ist. Dazu gehört natürlich auch die Arbeit von Veit Stoß, der die vier Tafeln für das Retabel malte. Das Kunstwerk gehöre zu den größten Altaraufsätzen, (Fachausdruck: Retabel) Riemenschneiders. Der Skulpturenbestand sei überwiegend bewahrt. Gleichzeitig ist das Retabel die erste, quellenmäßig belegte Arbeit für Riemenschneider.

Außerdem sei der Altar ein faszinierendes Zeugnis aus der Notzeit des Veit Stoß nach 1503; dieser war zuvor in Nürnberg wegen Urkundenfälschung mit dem Gesetz in Konflikt geraten und deshalb zu seiner Tochter nach Münnerstadt geflüchtet. In der Stadt bekam er den Auftrag für die Altartafeln und die Fassung des Altars.

Ohne Hilfe von Gesellen geschaffen

In Münnerstadt hat Veit Stoß nach heutigem Stand der Forschung wohl eigenhändig ohne Hilfe von Gesellen sein Werk geschaffen. Seine Individualität im Schaffen erkenne man hier deshalb besonders gut: an der hohen Stirn der dargestellten Personen, an den geschwungenen Brauen, den schmalen, langen Nasen oder den Mündern, erläuterte Dr. Lichte.

Claudia Lichte führte das Publikum zurück in den Juni 1490, als Tilman Riemenschneider den Vertrag zur Schaffung des Altars mit der Stadt Münnerstadt schloss. Der Altar sollte um Ostern 1492 fertiggestellt sein. Die Abschlusszahlung für sein Werk erhielt Riemenschneider im September 1492.

Die zentrale Figur der Kirchenpatronin, die Heilige Maria Magdalena, habe Tilman Riemenschneider im Stil der damaligen Zeit gearbeitet. Die Darstellung der Heiligen mit Haarkleid sei zu dieser Zeit Standard gewesen, zeigte die Referentin anhand anderer Bildbeispiele.

Tilman Riemenschneider habe sich bei seiner Arbeit nicht immer genau an die vertraglich vereinbarten Vorgaben gehalten, erklärte die Kunsthistorikerin. Das betrifft die Engel, die die Magdalena einrahmen, oder die Figuren der Evangelisten. Eigentlich sollten diese als Brustbilder dargestellt sein. Riemenschneider hat jedoch Sitzfiguren geschnitzt. Diese Tatsache habe in der Fachwelt auch zu Diskussionen geführt, ob die Evangelisten tatsächlich nach Münnerstadt gehören. Claudia Lichte ist der Überzeugung: „Tilman Riemenschneider hat sich die Freiheit genommen.“

Die farbliche Fassung und die gemalten Altartafeln kommen um das Jahr 1504 hinzu. Bei Restaurierungen habe man tatsächlich nachweisen können, dass die Holzoberfläche bei Riemenschneider noch ohne Fassung, also Bemalung, war. Die letzten Farbfassungen der Schnitzfiguren wurden erst 1977/78 entfernt.

Unklar ist bis heute, wie der ursprüngliche Altaraufbau tatsächlich gewesen ist. So könnte der heute durchblickende Schrein auch eine geschlossene Rückwand gehabt haben. „Diese Diskussion ist noch offen“, so Dr. Lichte.

Der Ist-Zustand des heutigen Riemenschneider-Altars sei ein Ergebnis seiner wechselvollen Geschichte und vereine Werke aus unterschiedlichen Jahrhunderten, erläuterte Claudia Lichte. Der Altar stehe für weit größere Zusammenhänge im Schaffen zweier der bedeutendsten Künstler des Spätmittelalters. Er sei durch seine Veränderungen im Laufe der Jahrhunderte Zeugnis sich wandelnder Liturgie und von Bedürfnissen der Gemeinde.

Immer wieder neue farbliche Fassungen

Bereits Mitte des 17. Jahrhunderts wurde der Flügelaltar von Tilman Riemenschneider und Veit Stoß durch eine Altarschauwand im Stil des Barocks ersetzt. Im Zentrum stand das heute noch im Chorraum hängende Noli-me-tangere-Bild. 1756 wurde die Magdalenenfigur aus dem Hauptaltar entfernt, wohl aus sittlichen Überlegungen, erklärt Dr. Lichte.

1833 schließlich ließ die Pfarrgemeinde einen neuen Hochaltar im Stil der Neugotik errichten. Hier fanden die fünf Figuren aus dem Riemenschneideraltar, wiederum neu gefasst, ihre Aufstellung.

In diese Zeit fiel aber auch der Verkauf wertvoller Bildwerke des Altars, so der Maria Magdalena, der vier Evangelisten, der zwei Flügelreliefs und wahrscheinlich auch des bis heute verschollenen Marienbildes.

Die Marienfigur, die heute im Altar zu sehen ist, ist ein Original von Lothar Bühner, der die Muttergottes im Stil Riemenschneiders 1997 geschnitzt habe. Von Bühner stammen auch die Kopien der heute nicht mehr in Münnerstadt im Original befindlichen Figuren.

1953 wurde an den in Münnerstadt verbliebenen Figuren, darunter der Heilige Kilian, die Heilige Elisabeth, die Farbfassungen abgenommen. 1978 erfolgte die Rekonstruktion des Riemenschneideraltars. Das Altargehäuse wurde von Wolfgang Gsaenger und Julian Walter nachempfunden. Die Veit-Stoß-Tafeln erhielten ihren Platz im Chor, ebenso das Noli-me-tangere-Bild.

Es gebe auch Kritiker, die den heutigen Altaraufbau hinterfragen, wusste Claudia Lichte zu berichten. Das liegt daran, dass der alte Altaraufbau verloren gegangen ist und die Betrachter heute eine Rekonstruktion und somit nicht den originalen Zustand vor sich sehen. „Was heißt schon original?“, fragte sie in die Runde. Für sie ist der Altar ein Gesamtkunstwerk mit vielen Originalen aus mehreren Jahrhunderten.

Pfarrer P. Markus Reis dankte Dr. Claudia Lichte für ihren Vortrag. Viele neue Aspekte hätten das Publikum erfahren, die man beim Betrachten erst einmal nicht sieht. red