Die Mischung aus Vorträgen und Infoständen bei der Wintertagung der BN-Kreisgruppe Bad Kissingen zum Thema „Biodiversität“ in der Georgihalle in Bad Brückenau kam gut an, schreibt der Bund Naturschutz, Kreisgruppe Bad Kissingen. Ein Publikumsmagnet war der bekannte Autor, Evolutionsbiologe und Biodiversitätsforscher Professor Matthias Glaubrecht mit seinem Vortrag unter dem Titel „Klima versus Artenschwund – das stille Sterben der Natur.“
Professor Glaubrecht rückte in seinem Beitrag die Bedeutung der Biodiversität für die Zukunft der Erde und der menschlichen Gesellschaften in den Vordergrund. Er verdeutlichte, dass die Bedrohung durch Artenschwund sogar größer sei als durch den Klimawandel. Die Stabilität biologischer Systeme hänge nämlich von deren Vielfalt und Komplexität ab. Auch landwirtschaftliche Produktionssysteme sind vor allem von stabilen Ökosystemen wie beispielsweise den Bestäubungsleistungen durch Insekten abhängig.
Ausführlich belegte er mit Grafiken, wie es zu einer immer stärkeren Verdrängung der natürlichen Umwelt kommt. Neben der Tatsache, dass es in der Neuzeit bisher noch nie ein so massives Artensterben gegeben hat, sind viele Tierarten zwar noch nicht ausgestorben, jedoch in ihrer Population so stark ausgedünnt, dass sie ihre biologische Funktion verloren haben, erklärte Glaubrecht. So leben heute deutlich mehr Tiger in Gefangenschaft als in freier Natur. In der Wildnis wird von nur noch ungefähr 2000 Exemplaren ausgegangen.
Mit der provokanten These, dass der klassische Artenschutz – also der Schutz einer Tierart, einer Pflanzenart oder einer Landschaftsregion – in den letzten Jahrzehnten nicht erfolgreich war, traf der Evolutionsbiologe einen wunden Punkt bei den Aktiven der BN-Kreisgruppe Bad Kissingen und den Zuhörerinnen und Zuhörern im voll besetzten Saal der Georgihalle. Während der Klimawandel breit diskutiert werde, vollziehe sich das Artensterben oft unbemerkt – mit womöglich noch gravierenderen Folgen, sagte Matthias Glaubrecht.
Zwar sei die Erderwärmung ein relativ neues Problem, doch der Lebensraumverlust durch Flächenverbrauch, Zerschneidung der Lebensräume, Versiegelung und intensive Landnutzung wirke oft unmittelbarer und zerstörerischer auf Ökosysteme. Forschungsgelder flössen verstärkt in die Weltraumforschung, anstatt zu erforschen, wie der Planet bewohnbar erhalten werden kann, so Glaubrecht.
„Ohne funktionierende Ökosysteme verlieren wir die Grundlage unseres Lebens“, mahnte der Professor. Dabei gehe es nicht nur um moralische Verantwortung, sondern auch um ökonomische und gesellschaftliche Stabilität. Intakte Natur sichere die Ernährung, sauberes Wasser und zahlreiche Ökosystemleistungen, die von vielen als selbstverständlich angesehen würden.
Die Veranstaltung in Bad Brückenau machte deutlich, dass das Interesse an ökologischen Zukunftsfragen groß ist. Die Wintertagung hinterließ bei vielen Besucherinnen und Besuchern einen nachhaltigen Eindruck und führte zur Erkenntnis, dass der Schutz der Artenvielfalt stärker in den Mittelpunkt gesellschaftlicher Debatten rücken muss.
Trotz der dramatischen Schilderungen, was den Artenschutz betrifft, lieferte Professor Glaubrecht Anregungen, die auch Mut machten und Anstöße für zukünftiges Handeln geben konnten.
Weitere Vorträge von Aktiven der Kreisgruppe boten einen Überblick über die Aktivitäten in der Arten- und Klimaschutzarbeit vor Ort. So zeigte Oskar Jungklaus mit beeindruckenden Fotos die Insektenwelt der Nacht, erklärte, wie man sie schützen kann, und warb für den Arbeitskreis Biodiversität, der sich jeweils am letzten Freitag im Monat trifft.
Kerstin Scheller vom Arbeitskreis Schutz der Nacht wies auf das Problem der Lichtverschmutzung hin. Dazu wird es am Mittwoch, 11. März, um 19 Uhr im Eulentreff einen Vortrag geben. Elisabeth Assmann von der BN-Geschäftsstelle gab einen Überblick über Umweltbildung und Artenschutz in der BN-Kreisgruppe Bad Kissingen.
Im Foyer bot sich bei Kaffee und Kuchen viel Gelegenheit zum Austausch. An Infoständen des BN und des LBV zum praktischen Artenschutz sowie an Tischen des Arbeitskreises Klima, zum Sternenpark Rhön und zum Arbeitskreis Schutz der Nacht gab es zahlreiche konkrete Anregungen, was vor Ort umgesetzt werden kann.
„Wir wünschen uns mehr Kooperationen mit allen Akteuren, die sich fürs Klima und den Artenschutz einsetzen. Diese Veranstaltung war ein voller Erfolg und wird sicher wiederholt werden“, so Eva Reichert-Nelkenstock, stellvertretende Vorsitzende der Kreisgruppe Bad Kissingen.
Die Veranstaltung wurde vom bayerischen Umweltministerium über das Umweltbildungsprojekt „Faszinierende Welt der Nachtfalter“ finanziell unterstützt. red