Wenn Christian Illies (54) durch eine Stadt streift, dann sieht er mehr. Der Mann liest aus Architektur, wandelt entlang der Zusammenhänge zwischen menschlichem Denken und behauenem Stein. Am Donnerstag sorgte der Philosoph auch für einen stillen und doch gefeierten Abgang des CHW-Bezirksgruppenleiters Gerhard Schmidt.
Als alles vorüber war, sollte Christian Illies auch Gerhard Schmidt Anerkennung für dessen langjähriges Engagement zollen. Illies, Illies... kommt einem der Name nicht bekannt vor? Tatsächlich ist der Professor und Moralphilosoph an der Bamberger Otto-Friedrich-Universität der Bruder des Bestseller-Autors Florian Illies (Generation Golf, 1913: Der Sommer des Jahrhunderts u. a.). Aber der Mann braucht derlei Bemerkungen nicht, da er selbst auffällig genug zu erzählen und zu betrachten weiß.


Mit unverbrauchtem Witz

Denn wer sich mit "magisch-mythischem Denken in der Architektur" beschäftigt, der macht sich ein Arbeitsfeld auf, das von der Entwicklung menschlichen Selbstverständnisses bis zur Psychologie, von Kommunikation bis Architektur und von Volksfrömmigkeit bis zu neuronalen Vorgängen im Kopf reicht. Und so jemand bestritt auch noch mit unverbrauchtem Witz den Abend in der ehemaligen Synagoge.
Warum werden in China Immobilien, in denen Morde geschahen, um 40 Prozent vergünstigt angeboten? Sind Chinas Krankenschwestern und Ärzte wirklich das Klientel, das derlei Mordhäuser kauft? Und wieso haben Geschichten und Geschichte die Möglichkeit, Menschen Bauwerken anzunähern oder zu entfremden? Auf Fragen wie diese machte Illies die rund 20 Zuhörer aufmerksam, als er davon sprach, dass der Mensch sich über Geschichten definiert und eine Biografie verleiht. Ich bin, wovon sich erzählen lässt, quasi. Eine rein biologisch-physikalische Betrachtung seiner selbst würde dem Mensch keine Aussicht auf Sinn im Leben geben.
Und so tragen auch Bauwerke Spuren menschlicher Ängste und Hoffnungen, von Selbstsicht und dem, was einem Bauherrn an Sinn so einleuchtet. Dass es so etwas wie einen Sieg der magisch-mythischen Sicht gibt, weil der Mensch mit ihr vorliebnimmt, zeige sich schon daran, dass es sehr oft keine Hotelzimmer mit der Zimmernummer 13 gibt. Jedoch: "Der Mensch, der die Welt nur noch funktional und technisch sieht, betrachtet sich auch dementsprechend", erklärte Illies.


"Eine Maschine zum Wohnen"

Glaubt man ihm, dann wohnen sich selbst auf rein biologische Vorgänge reduzierende Menschen auch in einer reduzierten Architektur. Wobei Illies die Zuhörer in die Architekturgeschichte mitnahm und zu Erbauern wie Le Corbusier (1921), der einst postulierte, ein Haus sei "eine Maschine zum Wohnen". Beeindruckend auch die Erklärung, warum der Mensch in Häusern Gesichter und eben eine Anordnung von Augen, Nase und Mund erkennt. Eben weil die Natur ihm das als Warnsystem mitgegeben hat, tragen Feinde aus Fleisch und Blut doch Gesichter. Doch damit leistet das auch einen Beitrag zur emotionalen Annäherung an Gebäude und lege allerlei Spuren zu unterschiedlichsten Feldern aus. Ein Höhepunkt des Abends war, wie Illies den Zuschauern ein ihnen bekanntes Gebäude vom Lichtenfelser Marktplatz zeigte und hinter die Kulissen von dessen Baustil schaute.
Bei dem Haus, das bislang als netter, aber nicht weiter auffälliger Bau betrachtet wurde, stand offensichtlich ein griechischer Tempel Pate für den Stil. Es war, als ob den Betrachtern ob der drei Säulen markierenden Pilaster Schuppen von den Augen gefallen wären. Was hat sich der Bauherr vor langer, langer Zeit dabei gedacht? War es "ein Versuch der Präsenz des Göttlichen im Alltäglichen"?
Wohl an die 150 Vorträge habe er in 18 Jahren Bezirksleitung des Geschichtsvereins CHW miterlebt, so Schmidt. Doch diesen hielt auch er für besonders. Applaus für Referent und nun baldigen Ex-Bezirksgruppenvorsitzenden spendete das Publikum reichlich. Auch darum, weil Illies es vormachte und Schmidt applaudierte.