"Guten Tag, hier ist Kessel vom Gesundheitsamt." So meldete sich David Kessel in den vergangenen drei Monaten am Telefon. Dabei arbeitet er gar nicht im Gesundheitsamt. Er ist Laboringenieur in der Technischen Physik an der Hochschule Coburg. Eigentlich. Als die Corona-Fallzahlen zunahmen, suchte die Hochschulleitung Mitarbeiter, die bereit waren, das Landratsamt im Kampf gegen die Ausbreitung des Virus zu unterstützen. Und Kessel war bereit. "Ich war noch nie in einem Biolabor oder habe eine medizinische Ausbildung oder Sonstiges. Aber wenn Hilfe gebraucht wird, sind wir", er sucht die richtigen Worte: "naja: da. Wir sind da, wenn Not am Mann ist."

Bayernweit ist er einer von vielen: Als Reaktion auf die Corona-Ausbreitung hat das Land beschlossen, Contact-Tracing-Teams an den Gesundheitsämtern einzurichten: Sie kümmern sich um Menschen, die mit Covid-19-Infizierten Kontakt hatten. In dieser besonderen Situation helfen Mitarbeiter aus anderen Behörden aus. Kessel gehörte im Landkreis Coburg zum ersten CT-Team. Etwa 30 bis 40 Kontaktpersonen standen auf seiner Liste. Die rief er täglich an, fragte, wie es ihnen geht, erkundigte sich nach möglichen Symptomen und der Situation in der Quarantäne. Dadurch bekam er sehr genau mit, wie sich das Virus verbreitet. "Das ist krass. Und es ist anders, wenn man es selbst nachvollzieht, als wenn man nur darüber liest", sagt der 30-Jährige.

Viel Betreuung nötig

Es kommt vor, dass das Ordnungsamt kontrollieren muss, ob Kontaktpersonen sich an die Quarantäne-Vorgaben halten. Leider gebe es ziemlich uneinsichtige Leute. "Die waren anstrengend", sagt Kessel. "Aber es gab auch Leute, bei denen ich mich richtig über die Gespräche gefreut habe." Er erzählt von einer 90-jährigen Frau, die mit ihm zwei Wochen lang jeden Tag über ihre Tochter und ihre Balkonblümchen sprach. Bis die Quarantäne vorbei war. "Man muss ein wenig auf die Leute eingehen. Das war auch mal eine schöne Erfahrung." Anders als sein Berufsalltag im Labor, wo er Studierende betreut und ihnen bei ihren Physikpraktika hilft.

Aber dann landete David Kessel doch wieder bei einer technischen Arbeit. Während des Lockdowns war alles neu. Alle Gesundheitsämter mussten improvisieren. "Erst wurden die Akten auf Papier geführt und weitergegeben und an verschiedenen Stellen kam dann noch eine Notiz dazu." Kein Problem bei zwei oder drei Fällen. Aber bei 250? "Da rennen die Bearbeiter den Akten hinterher. Und was ist, wenn es noch mehr Fälle werden? Es war klar, dass wir das umstrukturieren müssen." Kessel hatte ein paar Vorschläge, technische Hilfe wurde von der Organisatorischen Leitung im Gesundheitsamt dankbar angenommen, und statt Kontaktpersonen abzutelefonieren, kümmerte er sich von da an um die Datenpflege und programmierte Makros für Excel. Als Übergangslösung bis zur Fertigstellung des Datenbanksystems. "Das war problemorientiert und man konnte etwas lösen - auch schön."

Die Zahlen sinken

An der Hochschule waren die Labore ohnehin einige Wochen geschlossen; Kessel hatte per Mail Kontakt zu Studierenden, die er betreut. "Ich habe meine Arbeit vermisst", sagt er. Seine Einsatzzeit im Landratsamt ist jetzt vorbei, die Neuansteckungszahlen sind gering, und außer etwa 30 Mitarbeitern des Gesundheitsamtes helfen auch um die 50 Mitarbeiter aus anderen Behörden. David Kessel weiß, dass die "Kollegen" die Situation im Griff haben. "Es hat Spaß gemacht, die Leute waren toll. Aber es ist nicht mein Berufsfeld." Er freut sich, dass er wieder zurück ist. "Kessel", meldet er sich am Telefon, und sagt dann: "Hochschule Coburg".