"Es gibt nichts Gutes, außer man tut es": Für die unzähligen "guten Geister", die ehrenamtlich beim Obermain-Marathon ihre Freizeit opfern und so eine Laufsportveranstaltung dieser Größenordnung erst ermöglichen, ist dieser Satz keine hohle Phrase. Sie füllen ihn mit Leben. Sie tun es gerne. Unglaubliche Vorkommnisse wie der im Vorjahr sind da wie ein Schlag ins Gesicht, treten das Engagement der Ehrenamtlichen mit Füßen.


Unfassbarer Unfall

Heidrun Stengel von der Feuerwehr Wolfsdorf kann rückblickend nur mit dem Kopf schütteln, wenn sie daran zurück denkt, was ihr am 9. April 2017 widerfahren war. Oberhalb von Wolfsdorf war dort, wo sich Marathon- und Halbmarathonstrecke treffen, die Strecke abgesperrt, um die Sicherheit der Athleten zu gewährleisten. Und dann passierte das Unfassbare: Ein Autofahrer schimpft über die Absperrung, gibt Gas und fährt doch tatsächlich auf die dort postierte Heidrun Stengel zu, die Stoßstange trifft ihr Knie.
"Ich dachte mir, ich kann hier nicht weg, sonst fährt mir der in die Läufer rein", beschreibt sie das Dilemma. Beim Erzählen läuft ihr noch heute ein kalter Schauer über den Rücken. Stengel rief schreiend die unweit entfernten Wolfsdorfer Feuerwehrkollegen zu Hilfe, so dass Schlimmeres verhindert und der Verkehrsrowdy gestoppt werden konnte.


Anerkennung des Engagements

Nun traf Karl-Heinz Drossel Heidrun Stengel und den Wolfsdorfer Kommandanten Alexander Heller im Vorfeld des diesjährigen Obermain-Marathon. "Das tut uns wirklich sehr leid, was da passiert ist", drückt der Hauptorganisator der Veranstaltung bei einem Treffen mit den Beiden sein Bedauern aus und verleiht seiner Anerkennung vor dem Engagement der Aktiven der Feuerwehr Ausdruck: "Ohne euch wären wir aufgeschmissen, den Obermain-Marathon würde es ohne euch nicht geben, von euren sonstigen Einsätzen in Notfällen ganz abgesehen". Und sichtlich bewegt, kann er nun konstatieren: "Was ihr leistet, lässt sich mit einem Wort beschreiben: Klasse!" Genauso lobenswert findet er die Arbeit der übrigen Hilfsorganisationen bei Sportevents, sonstigen gesellschaftlichen Veranstaltungen oder eben bei Unglücksfällen. Als er vor kurzem Heidrun Stengel einen Blumenstrauß überreichte, war das zum einen natürlich eine kleine Geste für den erlittenen Unfall, aber auch ein Zeichen der Verneigung vor dem Verdienst der Ehrenamtlichen. Die blauen Flecken an Heidrun Stengels Bein - glücklicherweise kam es bei dem unschönen Vorkommnis nicht zu größeren Verletzungen - waren schnell verheilt. Der Schock saß allerdings tief - und das Unverständnis über ein solch respektloses und gefährliches Verhalten spricht auch heute noch aus ihren Worten: "So etwas habe ich in 24 Jahren Feuerwehr noch nicht erlebt. Die Ellenbogenmentalität scheint immer mehr zuzunehmen." Da kann ihr Kommandant Heller leider nur zustimmen. "Die Leute werden immer egoistischer, verfolgen auf Biegen und Brechen ihre Interessen - und denken oft keine Sekunde daran, dass die Feuerwehren und übrigen Hilfsorganisationen ja ihre Zeit nur opfern, um für die Sicherheit aller Bürger zu sorgen."


Mehr Verständnis
und Geduld

Heidrun Stengel und Alexander Heller können im Vorfeld der 14. Auflage des Obermain-Marathons nur an das Verständnis der Verkehrsteilnehmer appellieren. Der Kommandant hofft, dass seine inständigen Worte nicht verpuffen, sondern vielleicht doch bei manch Uneinsichtigem auf fruchtbaren Boden fallen: "Es sind ein, zwei Stunden, in denen einzelne Straßen wegen des Obermain-Marathons gesperrt sind. Wenn jemand vielleicht wegen eines dringenden Notfalles einmal durchfahren muss, ist das ja kein Thema. Dann beobachten wir, wann sich im Läuferfeld eine Lücke auftut, damit der Verkehrsteilnehmer weiterfahren kann. Aber sowas wie mit der Heidrun im vergangenen Jahr - da fehlen mir ehrlich gesagt die Worte."


Keine Frage des Alters

Wenngleich der Verkehrsteilnehmer, der Heidrun Stengel 2017 anfuhr, bereits 93 Jahre alt war - eines ist den Vertretern der Wolfsdorfer Wehr gerade deswegen ein Anliegen: Sie wollen ihren Appell keineswegs als Generalverdacht gegen die ältere Generation missverstanden wissen, wie Alexander Heller hervorhebt: "Das ist keine Frage des Alters. Solche scheinbar unbelehrbaren Mitmenschen gibt es auch bei der jüngeren und mittleren Generation." "Ich werde auch heuer wieder dabei sein und mithelfen, dass die Sicherheit der Läufer gewährleistet ist", steht für Heidrun Stengel fest.
Also bitte, nicht nur ihr und den übrigen absichernden Feuerwehrlern, sondern auch den Athleten zuliebe notfalls ein bisschen warten, bis die Läufer weitergezogen sind. Ein dickes Dankeschön für Verständnis und Rücksichtnahme sagen im Vorfeld Veranstalter und Teilnehmer. Mario Deller