Eine große deutsche Boulevardzeitung hat einmal geschrieben: "Die neue Symbolfigur der Republik ist der Radfahrer: dynamisch, umweltschonend - und nervend." Egal, welche Eigenschaft man als zutreffend erachtet. Fest steht: Das Fahrrad ist ein wichtiges Verkehrsmittel. Es ist ein Sportgerät und eine gute Möglichkeit, Freizeit zu gestalten. Das trifft für den Landkreis, durch den der viel frequentierte Maintal-Radwanderweg führt, genauso zu wie für das ganze Land.

Das so einfache wie geniale Prinzip des Karl Drais - zwei Räder in einer Spur - war eigentlich eine Antwort auf die Not der Menschen, die 1816/17 aus Hunger ihre Pferde schlachten und essen mussten. In Zeil verzehrten die Hungernden in diesen Jahren "ein elendes Gemüse aus Disteln ohne Salz und Schmalz". Die Erfindung der Drais'schen Laufmaschine gilt als Urknall der Mobilitätsgeschichte, denn der Mensch setzte sich erstmals auf Maschinen statt auf Pferde.

Verbessert wurde dieses Gefährt, das durch Abstoßen der Füße vom Boden Fahrt aufnahm, 1853 durch den Schweinfurter Unternehmer Fichtel. Er brachte an das Vorderrad der Draisine eine Tretkurbel an.

Französische und englische Tüftler fügten weitere Verbesserungen hinzu, so dass aus dem Lauf- ein Tretrad wurde. 1881 brachte der Schweinfurter Fischer ein Hochrad auf den Markt. 1903 erfand Fichtel den Freilauf mit Rücktrittbremse. In den frühen 1930er Jahren benutzten die Schweinfurter Torpedo-Werke die Schleichacher Berge für Probefahrten, um ein neues Bremssystem zu testen.

Das Radfahren war zunächst eine Angelegenheit der gut situierten Bürger. Einen "Veloziped Club" (Radler Club) gründete man in Zeil 1898. Später bildete sich der Radverein "Solidarität". Bereits 1891 war in Haßfurt ein Velo-Club "Wanderlust" und in Eltmann ein "Radfahrer-Verein" gegründet worden. Später kam in Eltmann der Radfahrverein "Wanderlust" hinzu. 1924 entstand in Sand der Radfahrverein "Adler", der noch heute besteht. In den 20er und 30er Jahren bildeten sich weitere Radfahrvereine, verteilt über das ganze Gebiet des heutigen Landkreises Haßberge.

Ab 1896 mussten sich alle Fahrradbesitzer im damaligen Bezirksamt eintragen lassen und eine nummerierte Radfahrkarte lösen. Ähnlich der heute üblichen Autokennzeichen war an der Lenk- und Bremsstange sowie am Sattel oder an der Satteltasche die Nummer der Fahrkarte anzubringen.

Die Radler betrieben das Wandern mit dem Fahrrad. Man genoss die Faszination einer Mobilität, wie sie die Menschen bislang nicht kannten, wenn man von der Fahrt mit der Eisenbahn absieht. Das Fahrrad vergrößerte plötzlich den Aktionsradius.

Raser gab es auch unter den Radfahrern. So verbot der Haßfurter Stadtrat 1892 das Velozipedfahren in der Promenade und 1911 auch das Befahren der Gehsteige. Im Ortsbereich durften Automobile vor dem Ersten Weltkrieg im Bezirksamt Haßfurt nicht schneller als zehn Stundenkilometer fahren, so dass oft die Radfahrer die eigentlichen Raser waren.

1893 lud der Haßfurter Velo-Club zu einem Velocipedrennen Haßfurt-Eltmann ein. Ein Jahr später nahmen die Haßfurter Velo-Liebhaber an einem Radfahrerfest in Schweinfurt teil. Dort war mittlerweile im Stadtpark eine Rennbahn entstanden, die das Zeitfahren ermöglichte.

Insgesamt waren 1898 in Zeil 42 Fahrräder registriert. Für einen Arbeiter war das Zweirad zu dieser Zeit noch ein Luxusgegenstand, für den er etwa zwölf Wochenlöhne hätte aufwenden müssen.

Zu den Frauen, welche ab 1913 in Zeil eine Fahrradkarte beantragten, zählten die Zeiler Hebammen Veronika Schwinn und Veronika Gräf, deren Ehemann in den 20er Jahren die erste Fahrradhandlung in Zeil eröffnete. Bis 1922 waren unter den 302 Radfahrern in der Stadt Zeil elf Frauen.

1930 verlief eine Probefahrt mit dem neuen Sachs-Motor erfolgreich, der in gewöhnliche Fahrräder eingebaut wurde. Man sagte eine Umwälzung in der Fahrradindustrie voraus. Die Herstellung des neuen leichten Sachs-Motorrades trug zum Aufschwung der Schweinfurter Industrie bei. Das neue praktische Verkehrsmittel, das eine Höchstgeschwindigkeit von 30 bis 35 Kilometer pro Stunde erzielte, erregte überall großes Interesse.

1936 führte Zeil Verwarnungsgebühren speziell für Pedalritter ein. In der Begründung verwies die Stadt auf deren schlechte Verkehrsdisziplin, "weil die Fahrer nicht die richtige Straßenseite einhalten und die Kurve schneiden". Die örtliche Polizei hielt dieses Vorgehen für überzogen. Kritisiert wurde die häufige Unsitte von Radfahrern, mit einer ungeschützten Sense über die Schulter durch Stadt und Flur zu fahren. Als disziplinlos wurde insbesondere die radelnde Jugend bezeichnet. Die Polizei indes warf der Stadt vor, sie wolle sich nur eine Einnahmequelle erschließen.

Später (1948) waren die Kommunen im Bezirk Ebern befugt, je zwei Mark Fahrradsteuer einzuziehen.

Ein Fahrrad war oft Dienstfahrzeug. So holte der Gemeindeschreiber und spätere Bürgermeister von Wonfurt, Andreas Vollmuth, im Haßfurter Landratsamt monatlich mit dem Fahrrad die Lebensmittelkarten für die Bürger seines Ortes ab. 1966 schaffte der Zeiler Stadtrat für den städtischen Amtsboten ein Dienstfahrrad an.

In den 1950er und 1960er Jahren pendelten täglich aus dem Raum Haßfurt unzählige Ar-beitnehmer in die Schweinfurter Großindustrie. Für viele Arbeiter in den Dörfern begann der Tag schon um 4 Uhr morgens. Nicht wenige sind damals mit dem Fahrrad in die Kreisstadt und von hier aus mit der Eisenbahn nach Schweinfurt gefahren. Die Zustellung der Paketpost mit Handkarren wurde ab 1953 durch das Dienstfahrrad mit Anhänger abgelöst.

Eine Pionierleistung stellte 1970 der vom Knetzgauer Motorsportclub angelegte Verkehrsgarten für die Fahrrad fahrende Jugend dar. 1972 wurde dem Übungsplatz ein Unterrichtsgebäude angeschlossen. Seit der Einweihung der Jugendverkehrsschule 1973 steht allen Schülern des Kreisgebietes eine Verkehrsschule zur Verfügung, die Kindern ermöglicht, nach erfolgreichem Besuch eine Radfahrprüfung abzulegen.

Mit der Zeit musste das wachsende Verkehrsaufkommen entflochten werden: Zwischen Zeil und Sand wurde in den 1970er Jahren ein lange gewünschter Rad- und Fußweg gebaut. Es war einer der ersten Wege dieser Art in Bayern. Heute durchziehen Viele Radwege den Kreis. Unzählige Routen und Rundwege sind ausgeschildert. Das-E-Bike macht es möglich, dass auch bergige Strecken keine Hürden sind.