Zeil am Main, das war am Sonntag weniger Fachwerk, Frohsinn, Frankenwein, sondern Musik. Großartige Musik, visuelle Eindrücke, fantastische Momente, ausgezeichnete Tontechnik. Begeistert spendete das Publikum in der Tuchangerhalle auch schon während des Konzerts stehend Applaus für Oliver Kunkel und sein Team. Er führte mit dem Maintal-Sinfonie-Orchester, mit den Chorklassen der Rathenau-Schulen und mit den Solisten Akiho Tsujii (Sopran), Jareem Wilmore (Piano) und Serena Hart (Sopran) durch 1000 Jahre Musik.
Das, was den Menschen im Innersten ausmacht, wonach er sich sehnt, woran er leidet und wonach er sich ausrichtet, das verdichtet sich nirgendwo so wie in der Musik. Ob mittelalterliche Ehrfurcht vor Gott oder Zentrieren auf den Einzelnen und seine Schöpferkraft in der Zeit der Aufklärung - Kunkel machte in seinen Moderationen zu den Epochen klar: Musik ist sich ständig verändernder und somit bleibender Ausdruck der Sinnsuche der Menschheit.


Abiturient am Piano

Zu den herausragenden Stücken gehörte der erste Satz des 3. Klavierkonzerts von Ludwig van Beethoven. Jareem Wilmore, ein Abiturient der Rathenau-Schule, an der Oliver Kunkel unterrichtet, faszinierte vom ersten bis zum letzten Ton am Piano. Man hätte gerne seine Finger über die Klaviatur flitzen sehen, um noch mehr hineingezogen zu werden in die Bandbreite von leise murmelnden Tiefen über heftige Tastenauseinandersetzungen bis zu den wie Wassertropfen hinabperlenden Tönen.


Multitasking-fähig

Dass Oliver Kunkel ein energiegeladener Dirigent ist, weiß jeder, der ihn in einem Konzert erlebt hat. Am Sonntag wurde sein Multitasking-Talent augenfällig. Er dirigierte mit voller Gestik und Mimik 160 Kinderstimmen, gleichzeitig ein Sinfonie-Orchester und sprang zeitgleich mit sonorer Stimme für den Tenor ein, der kurzfristig abgesagt hatte. Er sang ein Renaissance-Madrigal mit Serena Hart aus Geldersheim, die Percussion und Gesang in Stuttgart und Mannheim studiert, gab dem Kunstlied "Der Leiermann" von Franz Schubert seine Stimme und übernahm den Tenorpart im "Domine Deus" aus der h-moll-Messe von Johann Sebastian Bach. In diesem Duett, das aufgrund der bezaubernd von Hannah Liebler aus Bad Neustadt gespielten Querflöte fast wie ein Trio empfunden werden konnte, brillierte die Sopranistin Akiho Tsujii aus dem Mainfranken-Theater in Würzburg. Sie war kurzfristig für die erkrankte Silke Evers eingesprungen und löste Begeisterungsstürme aus.
Jede Zeit hat ihren Blick auf das Menschsein und fordert ein anderes Musizieren. Das Maintal-Sinfonie-Orchester zeigte sein Können in den Stilen quer durch die Jahrhunderte. Die Verbindung gelang ohne Bruch durch die beachtlichen Kompositionen von Simon Fries, Jennifer Kreile, Sophie Sauer und Julia Mehn aus der Abiturklasse des Rathenau-Gymnasiums.
Konzertmeisterin Alexandra Weber bedankte sich bei den jungen Musikschöpfern für diese eigens geschaffenen "Zwischenmusiken". In ihnen spannte sich elegant der Bogen von tänzerisch madrigalhaften, über rhythmisch percussionsvolle Darbietung bis hin zu konzertant aufwallender Klangfülle.
Zum Mitatmen und Mitfühlen luden Stücke des zweiten Konzertteils ein: Ludovico Einaudis "Diveniere", Lieder aus dem Film "Die Kinder des Monsieur Mathieu". Bei allen Chorpartien, vor allem aber bei den Spirituals aus Michael Tippets "Child of our time" verschränkten sich die Herzen mit Klang und Aussagen der Lieder. Man hatte bei den stimmbildnerisch hervorragend geführten Kindern das Gefühl, dass sie genau den Inhalt der Stücke erfassen, diese in Gesten und Mimik mitleben und den inneren Gehalt der Musik zum Ausdruck bringen. Von dieser Lust am Singen angesteckt, war es ein Leichtes, am Ende mit dem Publikum die Zeiler Hymne, die Oliver Kunkel anlässlich der 1000-Jahr-Feier Zeils komponiert hatte, zu intonieren.