Vincent wandert gern. "Aber die Alpen zu überqueren" - der Schüler grinst: "Das ist mal 'ne Herausforderung." Deshalb hat er dieses Praxisseminar aus dem Angebot des Coburger Gymnasiums Alexandrinum gewählt. "Ich find's einfach cool", ergänzt Robin, der heute neben Vincent sitzt. Im P-Seminar gelten kaum feste Regeln und kein strikter Lehrplan. Seminarleiter Thomas Lehmann achtet zwar darauf, dass nichts gravierend schief läuft. "Dann ziehe ich die Notbremse." Aber ansonsten lässt er die Schüler machen.
Draußen ist's schon finster, das Schulhaus verlassen, die Jugendlichen haben alle Tische in die Mitte des Klassenzimmers gerutscht: Platz für jede Menge Landkarten. Es ist der Abend der Entscheidung: Auf welcher Route werden sie 2018 das höchste Gebirge im Inneren Europas zu Fuß überqueren?


Vor der Tour steht der Plan

Alpenüberquerung als Teil des Ab iturs ist nicht so ungewöhnlich: Schüler des Arnold-Gymnasiums in Neustadt bei Coburg und des Maria-Ward-Gymnasiums Bamberg haben es getan, auch in Herzogenaurach und an der Hollfelder Gesamtschule gab es beispielsweise schon so ein Seminar. Manche radeln, viele laufen - und immer muss eine Menge entschieden werden. Vor den Coburgern liegt noch ein langer Weg.
"20 662 Höhenmeter." Vincent hat eine Route ausgearbeitet. 10 000 hoch, 10 000 runter, etwa 150 Kilometer Streckenlänge." Pauline und Lisa stellen andere Varianten vor, sind bei der Abstimmung aber auch für Vincents Strecke. Am Gletscher vorbei: Das überzeugt die 16- bis 17-Jährigen.
Das Teilprojekt Routenplanung muss eng mit dem zweiten Teilprojekt Budget zusammenarbeiten, erklärt Seminarleiter Thomas Lehmann. Verkehrsmittel und Unterkünfte müssten beispielsweise sowohl bei der Route als auch beim Budget eingeplant werden. Das zu koordinieren ist eine der Aufgaben der Schüler. Das P-Seminar fällt zwar in den Bereich Sport, aber Konditionstests und Probewanderungen mit Gepäck sind nur ein Teil der Arbeit.


P-Seminare: Vom Bierbrauen bis zum Bau des Hühnerstalls

Die Praxisseminare wurden mit der Reform auf das achtstufige Gymnasium eingeführt, um fächerübergreifend Einblick in Studium und Berufswelten zu geben. In Franken finden sich eine Reihe ungewöhnlicher Projekte, aber ob's das selbst gebraute Jubiläumsbier aus dem unterfränkischen Erlenbach ist oder der selbst gebaute Hühnerstall in Hollfeld: Damit so ein Projekt funktioniert, braucht's Teamarbeit und technische Praxis, planerisches Geschick und ein bisschen Ahnung von Marketing. Das gilt auch für die Alpenüberquerung. Denn die muss finanziert werden.


Sponsor gesucht

"Beim Pausenverkauf haben wir bisher 270 Euro eingenommen", erklärt Lisa. "Wir brauchen Funktionskleidung und müssen die Unterkünfte und öffentliche Verkehrsmittel bezahlen. Ideal wäre ein Sponsor", sagt Julia. "Vielleicht unterstützt uns ja ein Fachgeschäft mit Kleidung." Robin ergänzt, sie seien offen für jede Unterstützung und reicht für Interessenten eine E-Mail-Adresse nach: p-seminar-ale xandrinum@gmx.de. Heute hat nicht nur das Teilprojekt Routenplanung gepunktet, auch die Marketingtruppe kann etwas in ihr Portfolio schreiben. Jeder Schüler hat so ein Portfolio: eine Mappe, in der er dokumentiert, was er im Seminar beiträgt. "Meine Aufgabe ist, zu erkennen, was jeder einzelne leistet", erklärt Thomas Lehmann. Mithilfe des Portfolios muss er individuelle Leistungen aus Sach-, Methoden-, Kommunikations- und Kooperationskompetenz beurteilen, denn bei aller Freiheit - am Ende geht's in der Schule eben doch um eine Note.


Das sagt das Kultusministerium

Die P-Seminare wurden zusammen mit so genannten W-Seminaren (Wissenschaftsseminare) mit dem achtstufigen Gymnasium eingeführt. Was sie bringen sollen und worum es dem Kultusministerium dabei geht, erklärt hier im Interview der zuständige Referatsleiter Stephan Zahlhaas.
Das Kultusministerium zeichnet außerdem jedes Jahr die kreativsten P-Seminare aus - heuer waren unter den vier Landessiegern drei fränkische Schulen: das Humboldt-Gymnasium Schweinfurt mit "Formel 1 in der Schule", das Ohm-Gymnasium Erlangen mit "Augmented und Virtual Reality im Unterricht", das RSG Rothenburg o. d. Tauber mit einem "Geschichtlichen Radwanderweg". In die engere Auswahl kamen auch das Gymnasium Ebermannstadt mit den Hörbuchgeschichten "Kulturen lernen sich kennen", das Arnold-Gymnasium Neustadt b. Coburg mit Versicherungsmathematik und das Gymnasium Erlenbach a. Main, das zum Thema 500 Jahre Reinheitsgebot ein Jubiläumsbier braute.