Der Geburtstagsgruß kommt per E-Mail, die Urlaubskarte wird durch ein Foto in einer Whatsapp-Nachricht ersetzt, und Briefe werden so gut wie gar nicht mehr geschrieben. Die Digitalisierung als Gefahr für die Handschriften sehen der Forchheimer Schulrat Markus Hahn und Jens Kraus, der Leiter des Fränkische-Schweiz-Museums in Tüchersfeld.

"Handschriften ändern sich ständig. Die Handschrift wird schlechter, da nicht mehr oft geschrieben wird", stellt Kraus fest. "Dabei hat die Handschrift einen besonderen Wert. Sie ist etwas Individuelles, und die Schule fördert das", erklärt Hahn anlässlich des "Tags der Handschrift" (23. Januar).

Bis vor über 15 Jahren gab es in den Grundschulen noch die Schriftpflege. Sie stand als Fach "Schrift" mit Note im Zeugnis. Diese Note ist herausgefallen. "Andererseits hat die Grundschule die Aufgabe, die Schüler zu einer gut leserlichen Schrift zu erziehen", erklärt Schulrat Hahn. Deshalb lernen die Kinder mit der Schulschrift oder der vereinfachten Ausgangsschrift eine verbundene Schrift und die Druckschrift, damit die Kinder bis zur vierten Klasse eine eigene Handschrift entwickeln. "Sie ist oft gemischt, Druckbuchstaben und verbundene Schrift", erklärt Hahn.

Keine Benotung mehr

Eine Note auf die Schrift gibt es nicht mehr. "Wir Lehrer geben auf Geschriebenes im Heft Hinweise zur Schrift", sagt Hahn. So sind das M und U oder H und K oft schwer lesbar und schlecht auseinanderzuhalten.

Die Linkshänder

Auch Linkshändern soll zu einer ordentlichen Handschrift verholfen werden. Denn mit der rechten Hand zu schreiben ist einfacher. Markus Hahn, der selbst Linkshänder ist, weiß deshalb, dass mit einfachen Tipps und den extra für Linkshänder konzipierten Stiften auch diese Schüler eine gute Handschrift erlernen können.

Gerade im digitalen Zeitalter sollte darauf geachtet werden, dass die Handschrift nicht in den Hintergrund gedrängt wird. Das gelingt, indem man natürliche Schreibanlässe sucht. Das könne der Einkaufszettel, der Dankesbrief oder eine Urlaubskarte sein. "Die Oma hebt die Postkarte auf oder stellt sie als Erinnerung auf ihre Kommode", weiß Hahn. Er selbst schreibt Notizen für die Kollegen per Hand und führt mit seiner Frau beispielsweise ein Reisetagebuch.

Für die Nachwelt zu entziffern?

Ob die Nachfahren die Schrift dann lesen können? Gibt es künftig die Handschrift überhaupt noch? Eigentlich muss man noch nicht lange zurückgehen, um zu zeigen, wie schwer das Lesen einer Handschrift sein kann. Probleme bereitete es schon, ein vom Arzt geschriebenes Rezept zu lesen. "Der Apotheker konnte es lesen, er wusste, was drauf stand", erläutert Museumsleiter Jens Kraus. Doch wer alte Feldpost liest oder Urkunden für die Stammbaum- und Familienforschung liest, hat große Schwierigkeiten, die früheren Handschriften zu entziffern.

Seminar im Museum

Das vom Museum Tüchersfeld jährlich angebotene Seminar "Handschriften lesen" findet deshalb enormen Zuspruch. Und dabei geht es tatsächlich ums Entziffern alter Dokumente, die handschriftlich verfasst wurden. Transkribieren nennt sich das Entziffern der alten Schriftstücke, ob Schriften aus dem 18. Jahrhundert oder Physikatsberichte (Verwaltungsschriften), Feldpost aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg.

"Dann beginnt sich durchzusetzen, wie wir heute schreiben", erklärt Kraus. Denken die Leute heute an Handschriften aus dem 18. oder 19. Jahrhundert, fällt der Begriff Sütterlin. Die Bezeichnung Sütterlin hat sich für alles, was nicht lesbar ist, im Kopf der Menschen festgesetzt, wohl weil die Großeltern noch so geschrieben haben. "Aber Sütterlin gibt es erst seit dem 20. Jahrhundert. Erst seit 1917 oder 1920 wurde in Sütterlin geschrieben. Vorher wurde Kurrent geschrieben. Das können nur noch wenige lesen", erklärt Kraus.

Und doch treffen Mitarbeiter der Verwaltung aus dem Einwohnermeldeamt oder Standesamt heute noch in ihrem Berufsalltag auf diese Schrift. Die alten Verträge wurden noch in Kurrent geschrieben. Mitarbeiter des Standesamts waren deshalb schon zur Fortbildung bei Jens Kraus im Seminar. "Wir haben heute schon für Oktober Anmeldungen, um Familiendokumente lesen zu können", verrät der Museumsleiter. Dabei geht es im Seminar nicht um die Entwicklung der Handschrift im Lauf der Jahrhunderte, sondern ums Lesen der Schriftstücke und alten Briefe.

Projekt an der Universität

Sogar eine Uni führe derzeit ein Projekt durch, um zu erreichen, dass der Computer Schreiben in Kurrent "übersetzt", so dass diese Schriftstücke für die heutige Generationen lesbar werden, weiß Kraus. Denn damals wie heute sind die Handschriften etwas Individuelles, gehören zur Persönlichkeit eines Menschen. Und damals wie heute hatte jeder seine schriftlichen Eigenheiten. Der eine zog den Buchstaben länger, der andere kürzer. "Es gibt eine Vielzahl an individueller Ausdrucksform", berichtet Kraus.

Auch das ist ein Grund, warum das Handschriftlesen-Seminar immer ausgebucht ist. "Die persönliche Note der Handschrift - ob leicht leserlich oder nicht - hebt sie von der digitalen Schrift ab", findet Britta Olsen, Marketingleiterin der Firma Staedtler, Stiftehersteller in Nürnberg. "Ihre Authentizität und Spontanität ist es, die Notizen so einzigartig machen. Auf einem Stück Papier gibt es keine Rechtschreibkontrolle, keine Standardisierung. Persönliche Grüße lassen sich daher kaum authentischer überbringen", betont Olsen.