Die Geschichte hat uns gelehrt, dass Kriege Elend, Tod, Flucht und Vertreibung mit sich bringen. So wie vor 70 Jahren, als im Januar 1946 die Vertreibung der Sudetendeutschen begann und über drei Millionen Deutsche ihre Heimat verloren.
Es gibt nicht mehr viele, die darüber erzählen können. Die meisten, die heute noch leben, waren damals Kinder oder Jugendliche. Eine von diesen ist Erna Dürrbeck aus Weilersbach. Sie ist fast 89 Jahre alt.

Sie erzählt von der Flucht vor der Roten Armee 1945 und über die Vertreibung aus ihrer sudetendeutschen Heimat im August 1946. Damit gemeint ist ihr Heimatort Kunewald im Kuhländchen/Mähren, wo sie im Oktober 1927 als Landwirtstochter Erna Hickel geboren wurde.
Auf dem elterlichen Anwesen verbrachte sie bis zu den Kriegswirren 1945 eine schöne Kinder- und Jugendzeit. "Dass wir einmal unsere Heimat verlieren, daran hatte keiner gedacht" sagte Erna Dürrbeck. Doch es kam anders:
"Es war im August 1946, ich war damals 19 Jahre alt, als das Unbegreifliche geschah und meine Familie die Heimat verlassen musste. Schon im Januar 1946 hatte die offizielle Abschiebung von uns Deutschen begonnen. Wir wurden von den Tschechen vertrieben und unserer Heimat beraubt. Es war im Mai 1945, da mussten wir zum ersten Mal unser Dorf verlassen. Die Rote Armee hatte sich unaufhaltsam genähert. Mit Mutter, Tante Aloisia, Schwester Getraud und Bruder Josef sowie unserem tschechischen Knecht flüchteten wir in einem Treck nach Schönhengstau in der Nähe von Zwittau. Mit einem Wagen, auf dem wir alle saßen und dem ein Ackerpferd vorgespannt war, ging es dorthin über holperige Straßen tagelang. Ihr Vater war damals im Krieg. Dort blieben wir bei einer Bauernfamilie und durften am Heuboden oder auf Strohhaufen schlafen. Als am 08. Mai der Krieg aus war, ging es voller Freude und Hoffnungen heimwärts. Die Heimkehr war jedoch eine Rückkehr voller Unsicherheit und Ängste. Die Tschechen hielten uns immer wieder an, nahmen sich von unserem Wagen alle brauchbaren Gegenstände, so dass wir letztendlich nur noch mit altem Gekrempel zu Hause ankamen. Die meiste Angst hatten wir jugendliche Frauen jedoch vor russischen Soldaten, die im Treck nach jungen Mädchen suchten. Deshalb hatte meine Mutter mich und meine Schwester als alte Frauen mit Kopftüchern und langen zerfetzten Röcken verkleidet, das Gesicht mit Ruß etwas geschwärzt, so dass uns diese in Ruhe ließen."


Bis zu Erschöpfung

Die nächste bittere Überraschung ließ nicht lange auf sich warten, erinnert sich die 89-Jährige aus Weilersbach:
"Während unserer Flucht wurde unser Bauernhof von Tschechen besetzt und wir konnten es fast nicht glauben: Als neuer Eigentümer hat uns unser tschechischer Knecht empfangen, der bereits vor uns zurückgekehrt war. Nun gehörte uns ja sozusagen nichts mehr. Bis zur Aussiedlung duldete er noch unsere Familie. Ich musste jedoch in einem tschechischen Dorf schwer arbeiten, oft bis zur Erschöpfung. Es war ein Tag im August, als unsere Mutter uns sagte, wir müssen zusammenpacken, wir müssen Kunewald verlassen, wir werden ausgesiedelt. Wir packten in der Eile das Notwendigste zusammen. Ich glaube, es waren damals 40 oder 50 Kilogramm pro Person, die man mitnehmen durfte."
In dem Glauben, in die Heimat wieder zurückkehren zu können, hatten sie sogar einige Wertgegenstände im Garten vergraben:


Kein Zurück mehr

"Es gab kein Zurück mehr. Die erste Station der Aussiedlung war das Lager in Neutitschein für einige Wochen. 300 Menschen waren dort auf engstem Raum untergebracht. Trotz des Elends, dessen Tragweite wir Jungen gar nicht einschätzen konnten, sangen wir im Lager immer wieder das Lied ,Nach meiner Heimat zieht's mich wieder'. Der Aufenthalt war jedoch bitter und schwer zu ertragen. Wir waren zufrieden. Die Toilette war eine Latrine, ein Erdloch für alle mit üblen Gerüchen. Für die Essenszubereitung stand eine Gemeinschaftsküche zur Verfügung. Zusätzlich hatten wir als Kochgelegenheit Backsteine aufeinandergesetzt und ein Blech darübergelegt um noch etwas kochen zu können. Unerträglich war jedoch das Ungeziefer: Läuse und Wanzen." Es kam der Tag des Weitertransports. In Viehwaggons ging es nach Bayern: "Unser Waggon wurde damals in Creußen abgekoppelt. Also mussten wir dort noch einmal ins Lager, bis uns ein Lastwagen nach Hart bei Wichsenstein brachte. Meine neue Heimat. Dort wurden wir in einem kleinen Haus untergebracht, in dem auch die Hausbesitzer wohnten. Inzwischen war mein Vater vom Krieg heimgekehrt, so dass wir zu sechst in einem Zimmer wohnten. Es war eine schwierige Zeit, denn wir Heimatvertriebenen waren ja nicht gerade willkommen", sagt Dürrbeck.
Für die junge Erna ging ihr Leben dennoch weiter. Sie bekam Arbeit in Weilersbach, lernte dort ihren Ehemann Fritz Dürrbeck kennen, bekam mit ihm einen Sohn und eine Tochter. Nach und nach wurde sie eine Weilersbacherin, beliebt und geschätzt. Aber ihre alte Heimat wird sie nie vergessen. Ob sie denn heute 70 Jahre später mit Hass und Verbitterung zurückblicke? "Nein", sagt Erna.