Mein Baby lacht, während ich mit hochrotem Kopf auf dem Rücken liege und versuche, meine Beine in der Luft zu kreuzen. "Und halten", ruft Trainerin Petra Ramer, die ich in diesem Moment verfluche, weil ich meine Beine nicht lange genug oben halten kann. Mein zehn Monate alter Sohn zieht sich an mir hoch und hat Spaß daran, wie ich mich quäle. Oder gefällt ihm das Kinderlied aus Petras Musikbox? Auch die Babys der anderen zehn Mütter, die sich am Vormittag auf der Sportinsel in Forchheim zum wöchentlichen Kanga-Training getroffen haben, lachen, krabbeln auf die Mama oder kuscheln sich an sie.

Beim Kanga geht es darum, nach der Geburt Sport zu machen. Sport, der sich den Bedürfnissen des durch die Schwangerschaft veränderten Körpers anpasst. Zusammen mit Kind. "Sobald die postnatale gynäkologische Untersuchung abgeschlossen ist, kann eine Mama mit Kanga starten", sagt Ramer, die seit einem Jahr in Forchheim einen Kurs anbietet. Aber es geht nicht nur um den Sport an sich. Andere Mamas mit Babys kennenzulernen, ist für mich ein weiterer Antrieb gewesen, mich beim Kanga in meiner Heimatstadt Nürnberg anzumelden.

Immer wieder erinnert uns Petra an den Bauchnabel, den wir beim Ausatmen nach innen ziehen müssen. Schon bei den ersten Übungen fühlt es sich an, als würde mir der Schweiß über die Stirn strömen. Die "Side Planks" (Seitstütz) geben mir den Rest. Mein Gesicht ist feuerrot. Ich bin froh, dass auch andere Mamas erleichtert scheinen, als wir die Matten zusammenrollen.

Doch vorbei ist das Training noch lange nicht. Petra hilft mir, meinen Sohn in die Trage auf den Rücken zu schnallen, damit wir mit dem Tanzen anfangen können. Sie selbst trägt ihre drei Kilo schwere Puppe - ihr eigenes Kind ist inzwischen zu alt - wie auch manch andere Teilnehmerin auf dem Bauch.

"Ich liebe es, mir neue Choreografien auszudenken", sagt die Trainerin. Das merke ich, als wir mit dem Tanzen beginnen. Mit viel Engagement erklärt sie uns die Schritte, stets mit einem Lächeln im Gesicht. Ich hinke allerdings schon beim Zuhören hinterher. Die anderen tanzen im Takt, während ich versuche, meine Füße zu koordinieren. Hinzu kommt, dass mein Sohn quengelig wird. Er mag es einfach nicht, so eng an mich geschnallt zu sein.

Eine andere Mama, deren Tochter in der Trage eingeschlafen ist - Neid! - hilft mir, das Sonnenverdeck über den Kopf meines Kleinen zu ziehen. Doch es bringt nichts. Er will raus. Also schnalle ich ihn ab, setze ihn auf den Boden und widme mich wieder der Choreo. Das klappt besser. Eine andere Mutter achtet zusätzlich auf mein Baby. Unterstützung bekomme ich hier, ohne darum zu bitten: So macht Sport doppelt Spaß. Das findet auch Patricia Weißler, die Mama, die mir mit dem Sonnenverdeck geholfen hat. "Kanga macht mir sehr viel Spaß und es ist ausreichend anstrengend: Man hat das Gefühl, Sport gemacht zu haben, aber man fühlt sich danach nicht so ausgepowert, als könnte man nichts mehr machen."

Ihre fünf Monate alte Tochter schläft auch nach dem Training noch in der Trage. "Normalerweise mag sie die Trage nicht, aber hier fühlt sie sich wohl, weil ich die ganze Zeit in Bewegung bin." Diese Erfahrung hat Petra Ramer schon häufig gemacht: "Ich hatte auch schon Mamas, die total überrascht waren, dass ihre Kinder während des Kurses ruhig waren. Das liegt an der Bewegung, am Schaukeln, das gefällt den meisten Babys ganz gut."

Auch mich hat das Gesamtpaket überzeugt: Die Bewegung an der frischen Luft hilft mir hoffentlich, die letzten hartnäckigen Schwangerschaftspfunde loszuwerden. Gleichzeitig verbringe ich Exklusivzeit mit meinem Sohn. Aber der größte Vorteil ist für mich der persönliche Kontakt zu den anderen Müttern und ihren Kindern. Das hat mir die vergangenen Monate gefehlt. Und nachhaltig ist Kanga auch: Die folgenden zwei Tage erinnert mich ein fieser Muskelkater ans Training in Forchheim.

Von Pre-Kanga bis Papa-Kanga

Kanga-Trainig ist Fitness und Tanz mit dem Baby. Und wer hat's erfunden? Keine Schweizerin sondern eine Österreicherin: Nicole Pascher aus Wien. Die 49-Jährige ist dreifache Mutter, ausgebildete Tänzerin und seit Mitte der 90er Personal-Trainerin. 2008 erwarb sie in den USA das Zertifikat zur prä- und postnatalen Trainingsspezialistin und begann zusammen mit ihrem Mann Andreas mit der Entwicklung von Kanga, das heute in mehr als 20 Ländern angeboten wird. Der Name leite sich vom Känguru ab, das ihr Kleines ja auch im Beutel trägt.

Petra Ramer aus Bamberg bietet in Forchheim das "normale" Kanga-Training an. Es gibt inzwischen etliche weitere Varianten. Bereits während der Schwangerschaft können Frauen am Pre-Kanga teilnehmen. Kanga-Burn sollten Mütter frühestens ein Jahr nach der Geburt ausüben, es handelt sich um ein High Intensitiy Intervall Training (HIIT). Beim Reaktiv-Kanga werden zusätzlich Schwunghanteln eingesetzt und Kanga-Powerhouse hat den Schwerpunkt Beckenbodentraining.

Zum Nordic-Kanga werden das Kind und optional Stöcke zum Walking mitgenommen. Bleibt das Baby beim schnellen Gehen im Kinderwagen, nennt sich die Kategorie Kanga-On-Wheel. Beim Kanga-Trail handelt es sich um schnelles Spazierengehen mit dem Kind in der Trage. Der Kanga-Mix reagiert flexibel auf Wetter und Jahreszeit: entweder innen Mattentraining und Choreografien oder außen Kanga On Wheel. Für die Väter wird Papa-Kanga angeboten und beim Kanga-Kids liegt der Fokus - in verschiedenen Altersstufen - auf dem Kind.Quelle: kangatraining.info

Ohne Kind darf man mitmachen - Väter sind aber nur ausnahmsweise erlaubt

Petra Ramer ist als Fremdsprachenkorrespondentin für die französisch-, englisch- und spanischsprachigen Kunden des Musikhauses Thomann in Burgebrach tätig. Sie versteht und spricht zudem die Sprache der Mütter, wenn es um Sport nach der Geburt geht. Von einer Teilnehmerin an Kanga-Training im Wohnort Bamberg wurde die 35-Jährige dank fünftägiger Ausbildung zur Anbieterin von Kanga-Kursen in Forchheim.

Jogger, Radler, Gassigeher - viele Menschen kommen während des Trainings am Dienstagvormittag auf der Sportinsel vorbei. Welche Reaktionen erleben Sie von Passanten, wenn diese ein Dutzend Frauen mit Kindern beim Tanzen sehen?

Petra Ramer: Fast ausschließlich positive. Manche lächeln, manche strecken den Daumen hoch, manche grüßen. Andere bleiben einfach nur stehen und schauen kurz zu.

Seit wann sind Sie Kanga-Trainerin?

Ich habe im Juli 2019 die Ausbildung gemacht. Das war ein fünftägiger Kurs bei Nicole Pascher in Wien, die Kanga erfunden hat. Es gibt einen Theorieteil, in dem man etwas über die Anatomie des Körpers lernt, und Praxis, wobei es zum Beispiel um die korrekte Ausführung aller Übungen sowie das Anlegen der Trage geht. Seit Oktober gebe ich Kurse.

Wie sind Sie auf diese Sportart aufmerksam geworden?

Das war im April 2017 mit meinem ersten Kind. Ich habe recherchiert, was man in Bamberg als junge Mutter sportlich tun kann. Kanga war für mich perfekt. Ich habe früher Aerobic gemacht.

Welche Voraussetzungen muss eine Frau für die Teilnahme mitbringen?

Sie muss die postnatale gynäkologische Untersuchung abgeschlossen haben. Der Rückbildungskurs ist wünschenswert, aber nicht erforderlich. Die Kinder sind zwischen drei Monaten und zwei Jahren alt.

Was ist, wenn das Kind krank zu Hause oder beim geschiedenen Ehemann ist? Kann die Mama trotzdem mitmachen?

Es kommt immer mal vor, dass das Kind müde, erkältet oder bei der Oma ist. Die Übungen kann man alle auch ohne Kind absolvieren.

Wie steht es um männliche Teilnehmer - abgesehen von Babys?

Wenn ausnahmsweise ein Papa mitmachen will, frage ich meine Teilnehmerinnen, ob es für sie in Ordnung ist. Manchmal wird zum Beispiel gestillt. Ansonsten muss ich Väter aber auf einen Papa-Kanga-Kurs verweisen.

Das erste Lied zum Aufwärmen enthält die Zeile "Mein Popo wächst hoch hinaus. Vielleicht kommt ein Pups heraus". Wählen Sie die Musik selbst aus?

Dieses Lied ist typisch für Kanga und läuft bei meinen Kursen immer am Anfang. Ansonsten erstelle ich immer eine Playlist mit einer bunten Mischung. Gerne mögen die Teilnehmerinnen Lieder aus ihrer Kindheit.

Wo findet Ihr Kurs im Winterhalbjahr und bei schlechtem Wetter statt?

Ursprünglich war der Kurs komplett für innen angelegt. Wir waren vor Corona in den Räumen einer Tanzschule. Da ich im Sommer urlaubsbedingt weniger Teilnehmerinnen habe, klappt das auf der Sportinsel ganz gut. Mein nächster Kurs startet am 29. September. Acht Stunden inklusive Schnupperteilnahme kosten 89 Euro.