W er bei Laufveranstaltungen startet, der begegnet interessanten Menschen. Querläufer Jochen Brosig trifft sich mit einigen dieser ganz unterschiedlichen Laufsportler nicht nur auf deren Lieblingslaufrunde. Abseits von gängigen Laufstrecken und auf neuen Pfaden gewinnt er Eindrücke von sich selbst und anderen.

Querläufer:Das Höhenprofil hat es in sich. Warum musste es gerade der Stilfser-Joch-Marathon sein?
Michael Hench: Die Passstraße bin ich sowohl mit dem Auto als auch mit dem Motorrad gefahren. Wunderschön. Die unzähligen Serpentinen laden geradezu zum Laufen ein. Als ich vom Marathon hörte, gab es nichts zu überlegen. Ab nach Italien.

D er Stelvio-Marathon wurde 2017 das erste Mal ausgetragen. Schwierig ist die Streckenlänge gepaart mit 2400 Höhenmetern. Startort ist das im Vinschgau gelegene Prad. Die Wetterprognose ist hervorragend. Trotzdem gilt es in den Bergen immer, die Ausrüstung zu bedenken. Regenjacke oder Laufweste, Kurzarm- oder Langarmshirt sowie die Wahl der Schuhe werden diskutiert. Obwohl ultralauferfahren steigt bei Hench und dem Querläufer am Vortag die Nervosität, sie haben Respekt vor der Strecke. Schließlich liegt das Ziel weit über 2000 Meter. Am Abend gibt es eine Pizza und ein Bier vor dem Schlafengehen. Alle Vorbereitungen sind getroffen.

Querläufer:Du bist ja mehrfach bei Bergläufen gestartet...
Michael Hench: Ich laufe gerne in den Bergen. Zu meinen schönsten Bergläufen zählen für mich der Zermatt-Ultramarathon und der Silvretta 3000. Beide auf einer Höhe von etwa 3000 Metern. Die grandiose Aussicht und die sehr einsamen Teilstrecken sind einfach fantastisch.

S amstag ist Lauftag. Blauer Himmel und strahlender Sonnenschein erwarten uns am Start vor dem Rathaus. Eine knisternde Spannung liegt in der Luft. Als erstes gehen unter Glockengeläut die Teilnehmer des 26-Kilometer-Jochmarsches die Herausforderung an. Der Moderator heizt mit seinem italienischen Temperament die Stimmung an. Seine Stimmbänder überschlagen sich. Mit "Smoke on the water" und "Run to the hill" schickt er uns auf die Strecke. Das Abenteuer Stelvio hat begonnen. Dieses erste Teilstück mit 16,5 Kilometern führt uns zwei flach über Agums und Lichtenberg nach Glurns. Alles Feld- und Wiesenwege, leicht zu laufen. Auf dem Etschradweg joggen wir auf schattigen Wegen zurück nach Prad. Wahrscheinlich zum Warmlaufen gedacht, weil nach Prad geht es bergauf.

Querläufer: Wann hast du mit dem Laufen angefangen?
Michael Hench: Im März 2007. Ich wollte etwas für meine Gesundheit tun, da ich beruflich eingespannt war. Ich benötigte unbedingt einen körperlichen Ausgleich. Meine erste Laufveranstaltung war im Sommer desselben Jahres in Fürth. Zehn Kilometer in 64 Minuten.
M ichael und der Querläufer haben beschlossen, die ersten 16 Kilometer zusammen zu laufen. Das hat zum Vorteil, dass man sich ausführlich unterhalten kann. Der leidenschaftliche Motorradfahrer Michael erzählt von seinem sozialen Engagement. Im Laufclub 21 unterstützt er als Coach Menschen mit dem Down-Syndrom. Dann ist er Thrombozytenspender, vor kurzem hat er sich von der Caritas zum "Familienpaten" ausbilden lassen. Hier unterstützt er etwa alleinerziehende Mütter mit ihren Kindern. Natürlich geht es auch um die Serpentinen am Stelvio und wie es ist, mit dem Motorrad hochzufahren.

Querläufer:Wie kam es zum Engagement beim Laufclub 21?
Michael Hench: Ich hatte vor Jahren einen schweren Unfall. Ob ich jemals wieder richtig laufen könnte, war recht fraglich. Heute habe ich keinerlei Einschränkungen durch den Unfall. Aber es geht ja nicht allen so. Darum habe ich mich entschlossen, Menschen, die von Geburt an mit einer geistigen oder körperlichen Einschränkung leben müssen, zu helfen.

H inter Prad geht es steil bergan. Die Wege der beiden trennen sich. Jeder muss sein eigenes Tempo gehen. Sie klatschen sich ab. "Wir sehen uns im Ziel!" Der Pilgerweg führt zum Mitterhof. Höchste Aufmerksamkeit ist erforderlich. Ein ständiges bergauf, schmale Pfade quer durch den Wald erfordern Trittsicherheit. Belohnt wird man mit herrlichen Ausblicken auf das Tal. Entlang des Agumser Bergwalls geht es nach Stilfs. Dort stehen unerwartet viele Zuschauer und eine weitere Verpflegungsstelle.

V on Kilometer 16 bis 32 führt der Stelvio fast ausschließlich bergauf. Stilfs, Prader Alm und Furkelhütte liegen am Weg. Ebenso die Tartscher Alm. Danach vier Kilometer und 350 Höhenmeter bergab. Wer denkt, dabei könne man sich ausruhen, liegt falsch. Über Geröllfelder und steinige, steile Trails geht es nach unten. Dort ist die "Strada Statale dello Stelvio". 25 Kehren, sieben Kilometer und 620 Höhenmeter sind es noch bis zum Ziel. Immer im Blick die verschneite Ortler-Gruppe. Und ganz oben ist das Hotel "Passo di Stelvio" zu sehen. Der Fixpunkt der nächsten Stunde.

A uf der Passhöhe stehen die Zuschauer Spalier. Vergessen sind die Anstrengungen, voller Freude überqueren die Läufer die Ziellinie. 42 Kilometer und 2400 Höhenmeter liegen hinter beziehungsweise unter ihnen, nun sind auch Hench und der Querläufer wieder vereint. Beim Blick nach unten schlängeln sich die Serpentinen. Medaille und Finisher-Shirt sind Anerkennung für das Geleistete.

Run happy and smile!
Euer Querläufer