Gut eine Woche Trainingslager liegen hinter René Ingram. Der Koffer mit den Handballschuhen oben drauf ist gepackt. Der Wecker gestellt. Doch am Abend vor dem Flug nach Kairo ploppt auf dem Handy eine Nachricht vom Trainer auf: "Wir nehmen nicht an der Weltmeisterschaft teil." Zu diesem Zeitpunkt befinden sich Ingram und seine Teamkollegen von der US-amerikanischen Nationalmannschaft bereits isoliert auf ihren Einzelzimmern des Sporthotels in Dänemark, da eine Testreihe mehrere positive Ergebnisse auf das Coronavirus ergeben hatte.

Keine Chance, aber egal

Anstelle der USA nimmt die Schweiz an der WM in Ägypten teil, die am Mittwoch gestartet ist. Auch Tschechien hatte coronabedingt kurz vor Turnierbeginn zurückgezogen und wurde durch Nordmazedonien ersetzt. Eine echte Chance hätte das Handball-Entwicklungsland USA in der Gruppe mit Norwegen, Frankreich und Österreich nicht gehabt - nur: eine WM ist eben eine WM. Ingram, der zwei Jahre in Erlangen spielte, ist aber zuversichtlich, dass es nicht seine letzte Gelegenheit war.

Im Interview verrät der 21-Jährige, der das Tor mit einer Größe von 1,97 Metern und einem Gewicht von 115 Kilo gut ausfüllt, warum er ohne amerikanisches Blut und trotz Geburtsort in Bayern die US-Staatsbürgerschaft besitzt, wie er zu einem European-League-Einsatz in Schweden kam und warum er trotz mehrerer Tests nicht weiß, ob er mit dem Virus infiziert ist.

Wo erwische ich Sie gerade?

René Ingram: Ich bin auf meinem Zimmer im Sporthotel in Vejen in Dänemark. Frühestens am Dienstag dürfen wir die Quarantäne verlassen. Zum Glück haben wir im Hotel einen eigenen Flügel, so dass wir uns einigermaßen frei bewegen können. Keiner von uns zeigt irgendwelche Symptome. Wir gehen dennoch auf Nummer sicher und bleiben weitgehend alleine im Zimmer. Im Gemeinschaftsraum halten wir Abstand. Denn keiner weiß sicher, ob er Corona hat und man will niemanden anstecken.

Wurden Sie nicht getestet?

Doch, doch. Mehrfach. Bevor wir am 4. Januar das Trainingslager beziehen durften, mussten wir sogar ein EKG machen und Blut abgeben. Da war alles in Ordnung. Bei den PCR-Tests am Montag gab es aber plötzlich fast 20 positive Ergebnisse. Am Dienstag haben wir erneut getestet, wobei abweichende Ergebnisse herauskamen. Ich war zum Beispiel erst positiv, dann negativ. In Absprache mit dem internationalen Handball-Verband wurde am Abend entschieden, dass wir unsere Teilnahme absagen.

Sofern nicht alle Testergebnisse falsch-positiv waren: Haben Sie eine Idee, wer das Virus eingeschleppt hat?

Theoretisch könnte einer von uns Corona gehabt haben, ohne dass es bei der ersten Untersuchung aufgefallen ist. Eine andere Möglichkeit ist das Testspiel, das wir am 8. Januar bei einer dänischen Mannschaft etwa 15 Kilometer vom Hotel entfernt hatten.

Die USA kamen nur dank einer Wildcard zur WM. Die sportliche Qualifikation gelang zuletzt vor 20 Jahren. Die letzte Olympia-Teilnahme war 1993. Fürchten Sie, dass Sie Ihre einzige Chance auf ein großes Turnier verpasst haben?

Ich war zuerst schon niedergeschlagen, inzwischen sehe ich es relativ gelassen. Ich bin erst 21 und daher zuversichtlich, dass ich nochmal eine solche Gelegenheit erhalte. Die USA sind handballtechnisch Entwicklungsland, es gibt aber großes Potenzial. Schlimmer ist es für die älteren Spieler in unserem Kader. Mir tun auch die Betreuer und Organisatoren leid, die viel Aufwand dafür betrieben haben. Wir haben erst Ende November von unserer Teilnahme erfahren, dann musste alles ganz schnell gehen.

Wie sind Sie überhaupt US-Nationaltorwart geworden? Schließlich wurden Sie weder dort geboren noch haben Sie einen amerikanischen Elternteil.

Meine Mutter hatte einen Job bei der US-Armee bei Regensburg. Ein General bot ihr eine besser bezahlte Stelle in den Staaten an. Fortan ist sie zwischen Deutschland und den USA gependelt und hatte eine Green Card. Obwohl ich zu Hause in Landshut geboren wurde, hatte sie das Recht, für ihr Kind die US-Staatsbürgerschaft zu beantragen. In den USA ist Handball eine absolute Nische, es gibt nicht einmal Ligen. Ambitionierte Vereine treffen sich lediglich zu Turnieren, wo sie dann teilweise die Linien selbst markieren müssen, weil solche für Handball schlicht nicht vorhanden sind. Von dieser Sportart leben kann dort keiner. Daher besteht die Nationalmannschaft fast ausschließlich aus Exil-Amerikanern wie mir.

Sie spielen beim IFK Kristianstad in Südschweden und hatten sogar einen Einsatz in der European League. Wie kam es dazu?

Der IFK ist einer von mehreren Handballvereinen in Europa, die explizit Spieler mit chinesischer oder US-Staatsangehörigkeit fördern, weil die beiden riesigen Länder quasi unerschlossene Märkte sind. Ich bekomme dort eine Wohnung und einen Lohn. Ich spiele hauptsächlich in der zweiten Mannschaft in der 3. Liga. Bei der ersten Mannschaft in der 1. Liga trainiere ich und sitze bei den Partien auf der Bank. Bei einem Spiel im neu geschaffenen Wettbewerb European League im November gegen Sporting CP wurde ich für einen Siebenmeter eingewechselt. Leider hab' ich ihn nicht gehalten.

Wie geht es jetzt weiter - in den kommenden Tagen und Jahren?

Mindestens bis Dienstag bleiben wir hier in Quarantäne. Die Zeit verbringe ich mit Handy, Tablet und Fernsehen. Mein Vertrag in Kristianstad läuft im Sommer aus. Vielleicht kann ich ihn verlängern. Mein Ziel ist es, hochklassig Handball zu spielen. Ich bin eigentlich offen für alles.

Ex-Trainer: Die Figur und der Trainer müssen passen

Bei seinem Handballverein in Landshut war Torwarttalent René Ingram bald unterfordert. Auf der Suche nach einem höherklassigen Klub absolvierte er Probetrainings beim TBV Lemgo und den Rhein-Neckar-Löwen, landete aber mit 15 Jahren in der Jugendakademie des unterfränkischen Traditionsvereins TV Großwallstadt.

Nach drei Jahren Internat mit selbstständigem Kochen und Waschen nahm er in Erlangen ein Mechatronikstudium auf und hütete den Kasten in der A-Jugend-Bundesliga des HC Erlangen. Als der Klub keine weitere Verwendung für Ingram hatte, schaute sich dieser in der Umgebung um. So spielte er 2018/19 für den TV Erlangen-Bruck II in der Landesliga, wo Ralf Mück aus dem Landkreis Forchheim einer seiner beiden Trainer war.

"Er kam bei einem Training vorbei und hat gefragt, ob er sich uns anschließen kann", erinnert sich Mück. "Da er eine starke Leistung zeigte und ein feiner Kerl war, haben wir ihn sofort aufgenommen, obwohl wir schon zwei Keeper hatten." Weil alle drei Schlussmänner auf etwa demselben Niveau gewesen seien, wechselten die Coaches munter durch. "Wir waren manchmal froh, wenn einer krank oder im Urlaub war oder aus anderem Grund nicht konnte", berichtet der 43-Jährige.

Dass Ingram am Ende der Saison ohne Servus zu sagen verschwunden war, sieht ihm Mück nach: "Wenn du die Chance hast, in Kristianstad zu spielen, dann hast du keine Zeit für eine Abschiedsfeier." Den Durchbruch Richtung Profi traut ihm sein Ex-Trainer zu: "Er hatte noch nicht die Figur für einen Profi, aber auf jeden Fall das Talent. Wenn er einen guten Trainer hat und dessen Rückhalt genießt, ist einiges möglich."

Wäre der 21-Jährige der Torwart von Mücks Gegner, würde dieser seinen Spielern raten, flach zu werfen. Umgekehrt kennt der Langensendelbacher die große Stärke des Hünen: "Er hat keine Angst vorm Ball. Wenn wir Gegenstöße kassiert haben und der Gegenspieler frei zum Wurf kam, blieb René wie ein Fels stehen und hat einige sichere Gegentore verhindert." Auch an Ingrams netten niederbayerischen Dialekt sowie seine Aversion gegen Fußball zum Aufwärmen erinnert sich Mück.

Amateure aus Franken auf der großen Bühne

In Deutschland spielen sie auf Amateurebene, doch als Teil ihrer Nationalteams betreten sie die große Bühne. Da ist René Ingram keine Ausnahme - in Franken gibt es mehrere Bespiele:

Der bekannteste ist wohl Gary Hines. Er gilt als einer der Pioniere des Handballs in den USA. Auf Vereinsebene war der mittlerweile 36-Jährige jahrelang für den HSC Bad Neustadt im Einsatz. Ebenfalls Ex-Neustadter sind Emil (37) und Harald Feuchtmann (33), die bei der WM mit Chile auf Torejagd gehen. Auch HaSpo Bayreuth hatte schon einen Nationalspieler: Kevin Murphy trug das Trikot des Bayernligisten und das der irischen Auswahl.

Kurios ist die Geschichte von Dominik Hauenstein. Der Bayreuther Bayernliga-Spieler wurde 2014 - quasi als Tourist - australischer Meister. Bei seinem Urlaub in Down Under mit 26 verdiente er sich als Jugend-Trainer etwas dazu, wurde als Spieler entdeckt und schaffte den Sprung in die Auswahl von Queensland. So spielte er gegen die Teams der anderen sechs Bundesstaaten in einem Turnier um den nationalen Titel. Hauenstein war beim Erfolg sogar Leistungsträger von Queensland. "Zwischen sieben und zehn Tore pro Spiel werden es gewesen sein", sagte er dem Nordbayerischen Kurier. "Die besten Teams bewegen sich in Australien vielleicht auf gutem Landesliga-Niveau."