Der 26. Juli, ein Sonntag, wird für Babinja Wirth ein ganz besonderer Tag werden. Dann startet die 20-Jährige mit der nationalen Frauen-Elite bei den deutschen Leichtathletik-Meisterschaften in Nürnberg über die 3000-Meter-Hindernis-Strecke. Die Qualifikation hierfür gelang der Athletin des TSV Ebermannstadt in einem verrückten Rennen in Kaiserslautern, es war die letzte Chance zur Quali - und diese hat Wirth genutzt. Im Interview spricht die Lehramts-Studentin über den Lauf bei großer Hitze, ihre Ziele für Nürnberg, und wie es ist, das bisherige Karriere-Highlight quasi vor der Haustüre feiern zu dürfen.

Frau Wirth, Sie haben die Norm um rund 2,5 Sekunden unterboten. Das ist bei einer geforderten Zeit von 11:05,00 Minuten ein etwas längerer Wimpernschlag. Wann war klar, dass es reichen würde?
Babinja Wirth: Eigentlich erst, als ich im Ziel war. Ich bin die einzelnen 7,5 Runden exakt so gelaufen, um am Ende auf die Normzeit zu kommen. Auf den letzten 500 Metern konnte ich das Tempo noch etwas anziehen. Entscheidend ist natürlich, die Hindernisse gut zu erwischen, dort nicht abzurutschen, zu straucheln, kniehoch im Wassergraben zu stehen oder gar zu stürzen. Das ist bei der Menge von insgesamt 35 Hindernissen gar nicht so einfach, der Kopf muss hellwach sein. Die Norm für eine deutsche Meisterschaft tatsächlich geschafft zu haben, ist ein unglaublich tolles Gefühl. Ich freue mich unendlich auf Nürnberg, dieses riesige Stadion und die vielen Zuschauern.

Ihr Rennen wurde zwar erst abends gestartet, die Hitze war aber trotzdem enorm. Beeinträchtigt das nicht Körper und Geist?
Ich bin extra schon einen Tag früher angereist, gemeinsam mit meiner Schwester und Trainerin Christina Schönfeld sowie ihrem Mann. Wir hatten uns eine Ferienwohnung mit Pool im Freien genommen, das sorgte schon tagsüber für Abkühlung. Die Hitze ist für mich im Grunde kein großes Problem, ich laufe lieber bei solchen Temperaturen als bei nass-kaltem Wetter. Diese Temperaturen nehme ich unter dem Lauf im Grunde nicht wahr. Ich kann im Nachhinein gar nicht mehr sagen, ob mir die 35 Grad während des Laufs etwas ausgemacht haben.

Für manche Läuferinnen scheint das schwieriger zu sein: Nach einigen Absagen gingen nur fünf Frauen in Kaiserslautern an den Start, eine ist ausgestiegen. Da ist es doch schwer, sich zu orientieren, oder?
Leicht ist es nicht, zumal die Siegerin Julia Hiller rund eine halbe Minute schneller war als ich. Versucht man, sich dort ranzuhängen, kann es schnell schief gehen. Andererseits hatte ich eine tolle Unterstützung von außen: Meine Schwester hat mir viele Anweisungen gegeben, ob ich das Tempo anziehen oder drosseln soll, sie hat mich bestens informiert und motiviert. Außerdem hat das Alleinelaufen auch seine Vorteile: Es gibt genügend Platz auf der Strecke, kein Gedrängel an den Hindernissen und damit eine geringere Strauchel-Gefahr. Ich kann mich nur auf mich und die vielen zu bewältigenden Hindernisse konzentrieren.

Während des Rennens wussten Sie also gar nicht Ihre exakte Zeit?
Eine Stoppuhr benutze ich nicht, das geht alles nach Gefühl - und natürlich nach den Anweisungen von außen. Mit der Zeit entwickelt man ein Gespür für den Körper, der einem sagt, wie schnell man unterwegs ist. Ich laufe einfach so lange es geht, und hoffe, dass es bis zum Ende reicht. In Kaiserslautern hat das super funktioniert. Bei der U23-DM im Juni dagegen nicht, da ist mir auf der letzten Runde völlig die Kraft ausgegangen, was dann auch dazu führte, dass ich die DM-Norm damals auch klar verpasst habe.

In Nürnberg werden Zehntausende Zuschauer erwartet, akustische Anweisungen könnten da verhallen. Stellen Sie sich darauf ein?
Ich glaube nicht, dass sich die Trainer wie in Kaiserslautern einfach am Rande der Bahn aufhalten können. Da müssen wir improvisieren. Aber: Alleine die Tatsache, dass die DM in einem Riesenstadion mit so vielen Menschen stattfindet, ist ein unglaubliches Erlebnis. Das wird zusätzlich motivieren. Vor so vielen Menschen bin ich ja noch nie gelaufen.

Ein Vorlauf bei der DM bleibt Ihnen erspart, am Veranstaltungs-Sonntag um 14.25 Uhr steht direkt der Endlauf an...
Ein Vorlauf wäre auch kaum vorstellbar. Bei Hindernisläufen über diese und längere Distanzen gibt es generell keine Vorläufe, sondern nur einen Endlauf. Man muss sich ja vergegenwärtigen: Auf den 3000 Metern sind pro Runde vier Hindernisse und ein Wassergraben zu überqueren, nach einem Hindernis bleiben 80 Meter, ehe das Nächste wartet. Das ist sehr anstrengend. Zwei Läufe an zwei Tagen sind kaum zu verkraften. Die Regeneration dauert eben, einen Lauf spüre ich auch eine Woche später noch in den Beinen.

Mit der Norm haben Sie eines Ihrer großen sportlichen Ziele erreicht. Was erhoffen Sie sich nun von Nürnberg?
Das Wichtigste ist jetzt, dass ich mich gut erhole, es sind ja nicht einmal mehr drei Wochen bis zur DM. Ich will dort das Beste rausholen, meine Bestzeit knacken und eventuell unter elf Minuten ins Ziel kommen. Aber das ist eigentlich nachrangig: Ich bin dort die Jüngste im Feld und kann ja nichts verlieren. Ich will die deutsche Meisterschaft genießen, und zwar jede Minute.

Das Event findet ja praktisch vor Ihrer Haustüre statt, entsprechend groß dürfte Ihr Fan-Tross sein, oder?
Ja, sicherlich. Meine Familie, etliche Freunde und Sportkollegen werden vor Ort sein. Das ist natürlich etwas besonderes. Wenn die DM woanders stattfinden würde, wäre die Motivation vielleicht auch gar nicht so groß gewesen, die Norm zu packen. Aber in Nürnberg, nicht allzu weit von zu Hause entfernt, da möchte ich natürlich starten. So eine Gelegenheit gibt es ja nicht allzu oft. Für mich ist ein Traum wahr geworden.